Darum gehts
- Sexualtherapeutin Dania Schiftan gibt Tipps gegen fehlende Lust in Beziehungen
- Offenheit und ehrliche Gespräche können Unlust und Missverständnisse aufklären
- Gemeinsame Lösungen und Paartherapie: ein Gespräch reicht oft nicht, aber hilft
Abends erschöpft von der Arbeit nach Hause kommen und nur noch an die Couch denken? Heisse Stunden zu zweit stehen dann meist ganz unten auf der Liste und das ist völlig in Ordnung. Niemand hat permanent Lust auf Sex. Problematisch wird es erst, wenn dieser Zustand zur Regel statt zur Ausnahme wird: wenn sich einfach nichts mehr regt oder ihr sogar Anspannung oder Unbehagen bei intimen Momenten verspürt. Dann ist es Zeit für ein Gespräch. Klingt nach Horror? Verständlich, aber dennoch fair gegenüber dem Partner. Denn schweigt ihr und weicht jeder Annäherung aus, fängt der andere früher oder später an, sich eigene Erklärungen zu basteln und die liegen meist weit von der Wahrheit entfernt. Untreue, fehlende Anziehung, ein verschwiegenes schlimmes Erlebnis: Die Fantasie macht schnell Überstunden.
Was ist eigentlich los mit mir?
Wie bringt man das Thema überhaupt zur Sprache und warum fällt das so schwer? Die Sexual- und Psychotherapeutin Dr. phil. Dania Schiftan (45) bringt gleich zu Beginn einen wichtigen Punkt auf den Tisch: «Egal ob es Männer oder Frauen betrifft – das Thema Unlust ist vor allem deshalb so schwierig, weil man den Grund selbst oft gar nicht genau kennt.» Es lohnt sich also, zuerst mit sich selbst ins Gespräch zu gehen. Ist es Streit in der Familie? Stress, weil Job, Haushalt und Freizeit alles auffressen? Ein Zeichen, dass ihr beruflich etwas ändern solltet? Oder gefällt euch der Sex an sich schlicht nicht mehr so, wie er gerade läuft? Keine Sorge, wenn ihr darauf noch keine Antwort habt – schon kleine Denkanstösse helfen, das Gespräch mit dem Partner zu starten.
Der richtige Einstieg
Tief durchatmen und dann? «Es macht Sinn, vorher anzukündigen, dass man reden möchte, und einen Zeitpunkt sowie einen Ort dafür auszumachen, damit niemand überrumpelt wird», rät Schiftan. So wird ein spontanes Wegrennen praktisch unmöglich, und beide haben Zeit, sich vorzubereiten. Ihr Tipp: «Ein Spaziergang eignet sich besonders gut, weil man sich dabei nicht ständig anschauen muss und beide zwischendurch nachdenken können.» Eine zweite Gelegenheit ergibt sich oft von selbst: Plant der Partner etwas Intimität, auf die ihr gerade keine Lust habt, ist Ehrlichkeit die bessere Wahl als die nächste erfundene Ausrede. Sagt einfach: «Das möchte ich gerade nicht, aber lass uns darüber sprechen.» Passt der Moment nicht, vereinbart stattdessen einen festen Termin.
Raus mit der Sprache
Und dann? «Ein guter Einstieg ist, offen zuzugeben, dass man sich in dieser Situation unwohl fühlt – aber auch zu sagen, warum man sich trotzdem darauf einlässt», so Schiftan. Es geht nicht nur darum, das Problem zu benennen, sondern auch zu zeigen, dass man etwas verändern möchte. Genauso wichtig: klar machen, was ihr euch vom Partner wünscht – sei es einfach Zeit und ein offenes Ohr oder die Bereitschaft, gemeinsam an der Situation zu arbeiten.
Ehrlichkeit zählt
Damit ihr euch mit dem Thema nicht allein fühlt, hilft es, möglichst offen zu sein – auch über das, was ihr selbst nicht versteht. Gibt es etwas, das euch früher in Stimmung gebracht hat, jetzt aber nicht mehr? Bleibt der Orgasmus aus? Fehlt einfach die Lust, ohne erkennbaren Grund? Auch wenn es unangenehm ist: Wenn der Partner Teil des Problems ist, gehört das ehrlich angesprochen. «Als Sexualtherapeutin erlebe ich oft, dass Frauen es sich bequem machen und sagen, es liege nicht am Partner – wo der Schuh dann wirklich drückt, kann aber niemand sagen. Das ist nicht fair», so Schiftan. Manchmal liegt die Unlust schlicht daran, dass der Sex selbst nicht mehr gefällt und eher als Pflicht empfunden wird. Umso wichtiger sei es, wieder zu lernen, sich selbst zu spüren – allein oder gemeinsam mit dem Partner. Sex kann dann auch als Weg dienen, Stress abzubauen oder zur Ruhe zu kommen, gerade wenn man sich nicht in Bestform fühlt. Das brauche Übung und Zeit, sagt Schiftan und genau das sollte auch der Partner wissen.
Gemeinsam statt einsam
Um wirklich weiterzukommen, braucht es konkrete Vorschläge für den Partner. Wer Unterstützung möchte, sollte aktiv danach fragen: Eine gemeinsame Sexual- oder Paartherapie kann helfen, manchmal reichen aber auch kleine neue Ideen, um wieder Lust zu wecken. Erzählt eurem Partner, was euch reizen könnte oder welche Fantasien ihr habt – selbst wenn diese auf den ersten Blick gar nichts mit Sex zu tun haben. «Wir Frauen sind in Gedanken oft schon viel weiter, als wir wollen. Eine Berührung der Hand, und wir sind innerlich schon beim ganzen Programm und denken: Darauf habe ich gerade gar keine Lust», erklärt Schiftan. Es hilft, einen Gang zurückzuschalten und sich zu fragen: Wie fühlt sich genau diese Berührung gerade an? Gefällt sie, lohnt es sich, abzuwarten, ob auch das Nächste gefällt. Vielleicht wollt ihr weitergehen, vielleicht auch nicht – beides ist völlig okay. «Der Partner sollte wissen, dass Zärtlichkeit nicht automatisch Sex bedeutet. Aber er sollte sich darauf verlassen können, dass ihr zulasst, was euch guttut», so Schiftan.
Und wie geht es weiter?
Ein einziges Gespräch löst kein Problem auf einen Schlag. Aber es legt den Grundstein für mehr Offenheit und die Bereitschaft, gemeinsam daran zu arbeiten. Eine Umarmung und ein gemütlicher Abend auf der Couch – auf die ihr ohnehin schon die ganze Zeit wolltet – sind ein schöner Abschluss für das erste Gespräch. Und der Anfang von vielen weiteren.