Darum gehts
Blick: Frau Delfs, machen Sie ein Geheimnis um Ihr Alter?
Jasmin Delfs: Nein, ich bin 28. Aber eigentlich soll ich das in Interviews nicht sagen (lacht).
Warum nicht?
Das wird einem so beigebracht – das Alter ist in der Opernwelt oft ein Tabu. Aber ich finde das Mist.
Geht es um Eitelkeit?
Nein, das hängt mit Altersdiskriminierung zusammen. Und irgendwann kommen bei Frauen auch hormonelle Veränderungen – und die können die Stimme verändern.
Sie singen in Mozarts «Zauberflöte» die Königin der Nacht – eine Rolle mit extrem hohen Tönen. Warum ist es die schwierigste Arie der Welt?
Es ist auf jeden Fall eine der anspruchsvollsten Arien, weil sie extrem exponiert ist. Die Königin der Nacht gehört zu diesen drei, vier Arien im Opernrepertoire, bei denen fast jeder im Publikum die Melodie kennt …
… und selbst Laien sofort merken, wenn sie nicht perfekt gesungen ist.
Perfektion auf der Opernbühne finde ich eine schwierige Vorstellung, weil der eigene Körper das Instrument ist und man täglichen Schwankungen unterliegt. Deswegen finde ich auch die Debatten über künstliche Intelligenz oder das angebliche Ende der Oper sehr langweilig. Was ist mit der Vibration im Raum? In der Oper erleben Sie, was aus dem Körper einer anderen Person rauskommt. Livekunst ist etwas, was eine Maschine niemals schaffen wird und jedes Mal anders klingt.
Wie gehen Sie mit dem Druck um: Volles Opernhaus, alle warten auf Ihre Arie und fiebern mit, ob alles glattläuft.
Ich mache das volle Sängerprogramm: Yoga, Pilates, Meditation – und habe jetzt mit Rennradfahren angefangen. Das ist ein super Ausgleich für mich, um den Kopf freizubekommen.
Manche Radiojournalisten stellen sich vor, an einer Rose zu riechen, bevor sie auf Sendung gehen. Das entspannt die Stimme. Was machen Sie in den Sekunden, bevor Sie die Bühne betreten?
Es gibt verschiedene Methoden, zum Beispiel sich positiv zuzureden und das aktiv auszusprechen: «Es wird gut, ich bin gut vorbereitet, ich habe einen guten Tag, meine Stimme funktioniert.» Das kann funktionieren, aber auch albern sein nach dem Motto: «Warum stehe ich jetzt hier und muss mir sagen, dass meine Stimme funktioniert?» Was mir mehr hilft, sind Atemübungen, die das Nervensystem regulieren. Kennen Sie den Trick mit dem Nasenloch?
Nein.
Das ist ganz einfach. Halten Sie ein Nasenloch zu, atmen Sie ein – und dann halten Sie das andere Nasenloch zu und atmen durch das andere aus. Mir hilft das sehr.
Es gibt viele Sopranistinnen, aber nur wenige singen die Königin der Nacht. Mussten Sie sich das mühsam antrainieren?
Zu einem grossen Teil ist es Anatomie. Sopran ist das Stimmfach, und der Koloratursopran liegt noch einmal darüber – man verfügt schlicht über ein paar Töne mehr Höhe. Neben den körperlichen Voraussetzungen ist es Training. Ich hatte unglaubliches Glück mit meiner ersten Gesangslehrerin, als ich etwa zehn oder elf Jahre alt war. Sie hat sofort gemerkt, dass meine Stimme mühelos in die Höhe geht, und hat das früh gefördert. Ich bin mit der Königin der Nacht aufgewachsen.
Wie haben Sie sich an die hohen Töne herangetastet?
Das ist vergleichbar mit dem Extremsport: Man bringt gewisse anatomische Voraussetzungen mit und trainiert Schritt für Schritt darauf hin. Die Muskeln und die Atemstütze gewöhnen sich an die Belastung, bis es sich irgendwann leicht und natürlich anfühlt.
Als Königin der Nacht singen Sie eine toxische Figur. Manche sehen diese als Narzisstin, die ihre Tochter emotional erpresst.
Das Wort Narzisstin würde ich nicht so schnell verwenden. Ich interpretiere die Königin der Nacht anders: Ihr Mann ist gestorben – und nur weil sie eine Frau ist, soll die Herrschaft über den ewigen Sonnenkreis an Sarastro übergeben werden. Notabene nur, weil er ein Mann ist. Das macht die Königin der Nacht wütend – zu Recht! Und dagegen wehrt sie sich mit allen Mitteln. In einer von Männern dominierten Welt tritt sie selbstbewusst, entschlossen und mächtig auf, anstatt sich einfach zu unterwerfen.
Trotzdem: Die Königin der Nacht will ihre Tochter an den Widerling Monostatos zwangsverheiraten – Hauptsache: Weltherrschaft!
Vielleicht bin ich zu sehr Gutmensch und wehre mich, mich allzu sehr in einen toxischen Charakter hineinzufühlen. Aber ich finde die Interpretation zu billig, zu sagen: Die Königin der Nacht ist eine manipulative Hexe, die es nur auf Macht abgesehen hat. Jede Figur hat mehrere Facetten in sich. Gerade die erste Arie der Königin der Nacht ist so zerbrechlich, musikalisch so intim geschrieben, dass da mehr ist als bloss Macht und Heuchelei.
Die «Zauberflöte» ist sehr lustig – vor lauter Papageno-Klamauk geht oft vergessen, dass auf der Bühne zwei sexuelle Übergriffe stattfinden.
Und damit spiegelt die Oper die Gesellschaft wider, früher wie heute: Sexualisierte Gewalt findet täglich statt, aber wir wollen lieber nicht allzu genau hinschauen. In vielen Opern gibt es Übergriffe, und in den Libretti findet sich oft dasselbe Muster: «Nochmals gut gegangen, war vielleicht gar nicht so schlimm, Glück gehabt.» Was ist mit der Figur der Pamina, für die das vielleicht nicht einfach «Schwamm drüber» ist? Musikalisch aber steht die nächste Nummer an, die Oper geht weiter.
Machtmissbrauch, Besetzungscouch – sind das Geschichten aus der Opern-Vergangenheit oder ist das nach wie vor ein Thema?
Es gibt keinen Job auf der Welt, bei dem das kein Thema ist – in allen Branchen. Ich persönlich habe zum Glück keine negativen Erfahrungen gemacht. Aber alle hierarchischen Systeme sind anfällig für Machtmissbrauch. Umso wichtiger ist es, genau hinzusehen.
Wurden Sie im Studium darauf vorbereitet?
Nein. Ich verdanke der Musikhochschule Lübeck wirklich sehr viel – aber der Umgang mit Machtmissbrauch war in meinem Studium kein Thema. Mittlerweile ist das anders. Es gibt Awareness-Teams und Anlaufstellen. Das ist gut und wichtig. Aber ein Problem bleibt bestehen.
Welches?
Wenn jemand in eine schwierige Situation kommt: Traut man sich wirklich, den Vorfall zu melden und das, was man auslöst, durchzustehen? Leider leben wir in einer Welt, in der Betroffenen oft nicht geglaubt wird. Und selbst wenn einem geglaubt wird, schadet es einem doch irgendwie. Ich kann mir vorstellen, dass deswegen viele davor zurückschrecken, einen Vorfall zu melden. Das muss sich ändern.