Darum gehts
- Neue Schweizer Wachstumskurven sollen Krankheiten früher erkennen lassen, sagt Pädiatrie Schweiz
- Alte WHO-Daten verzögerten Diagnosen um bis zu vier Jahre
- Studie mit 43'000 Kindern: 13,5 Prozent in der Schweiz sind übergewichtig
Sie werden in jeder Kinderarztpraxis täglich genutzt: Wachstumskurven. Die Tabellen zu Grösse, Gewicht und Alter zeigen, ob sich ein Kind altersgerecht entwickelt. Wächst ein Kind nicht schnell genug, kann das ein erstes Anzeichen für ernsthafte Erkrankungen sein – oft lange bevor andere Symptome auftreten.
Ab sofort empfiehlt Pädiatrie Schweiz neue nationale Wachstumskurven. Die seit 2011 verwendeten Referenzwerte stützten sich teilweise auf Daten der WHO und aus den USA. Für den Zürcher Kinderarzt und Wachstumsspezialisten Urs Eiholzer (74) ein Mangel, den er seit Jahren kritisiert, weil damit nicht die Realität abgebildet wird.
Grösse verrät viel über Gesundheit
«Jede schwere chronische Erkrankung führt zu einer Wachstumsstörung», erklärt Eiholzer. «Wachstumskurven helfen uns, die Entwicklung eines Kindes einzuordnen und mögliche Krankheiten frühzeitig zu erkennen.» Die WHO-Kurven passten nicht auf Schweizer Kinder. So lag die untere Normgrenze bei den bisherigen WHO-Kurven je nach Alter bis zu vier Zentimeter tiefer als bei den neuen Schweizer Referenzwerten. Kinder in der Schweiz wurden also teilweise als normal eingestuft, obwohl sie nach hiesigen Massstäben zu klein waren. Das ist viel, besonders vor der Pubertät: In diesem Alter wachsen Kinder nur vier bis sechs Zentimeter pro Jahr. «Dann spielen diese vier Zentimeter eine grosse Rolle», sagt Eiholzer. «Sie können eine Diagnose um bis zu vier Jahre verzögern.»
Wachstumskurven zeigen, wie gross und schwer ein Kind im Vergleich zu Gleichaltrigen ist. Kinderärzte tragen regelmässig Grösse und Gewicht ein und verfolgen, ob sich ein Kind entlang seiner persönlichen Entwicklungslinie bewegt. Entscheidend ist dabei weniger die absolute Grösse als der Verlauf. Verlässt ein Kind nach dem zweiten Lebensjahr plötzlich seine bisherige Wachstumsspur, kann das ein Hinweis auf gesundheitliche Probleme sein. Deshalb gilt die Wachstumskurve als wichtiges Frühwarnsystem in der Kinderheilkunde.
Wachstumskurven zeigen, wie gross und schwer ein Kind im Vergleich zu Gleichaltrigen ist. Kinderärzte tragen regelmässig Grösse und Gewicht ein und verfolgen, ob sich ein Kind entlang seiner persönlichen Entwicklungslinie bewegt. Entscheidend ist dabei weniger die absolute Grösse als der Verlauf. Verlässt ein Kind nach dem zweiten Lebensjahr plötzlich seine bisherige Wachstumsspur, kann das ein Hinweis auf gesundheitliche Probleme sein. Deshalb gilt die Wachstumskurve als wichtiges Frühwarnsystem in der Kinderheilkunde.
Hinter verzögertem Wachstum können ernsthafte Erkrankungen stecken. So äussert sich eine Glutenunverträglichkeit oft zunächst nur durch eine Wachstumsstörung. «Zöliakie ist keine so schlimme Krankheit, aber den Grössenverlust kann man im Erwachsenenalter nicht mehr aufholen», sagt Eiholzer. Auch ein Tumor der Hirnanhangdrüse oder schwere Nierenleiden können das Wachstum bremsen. «Das ist oft das erste Warnsignal.»
Daten von 43'000 Kindern
Der Leiter des Pädiatrisch-Endokrinologischen Zentrums Zürich (PEZZ) hat mit seinem Team neue Daten von mehr als 43'000 Kindern und Jugendlichen aus allen Sprachregionen der Schweiz erfasst und ausgewertet. Dafür arbeiteten über 100 Kinderärztinnen und Kinderärzte mit. Ergänzt wurden die Daten durch Messungen an Schulen sowie Angaben von Neugeborenen und Rekruten.
«Wir haben einen tiefen Einblick in die Schweiz bekommen», sagt Eiholzer. Gemessen an der Bevölkerungszahl gehört die Untersuchung zu den dichtesten Wachstumsstudien weltweit. Für die Studie wurde etwa jedes 40. Kind in der Schweiz gemessen und gewogen. Eine weitere Erkenntnis: Schweizer Kinder werden kaum noch grösser. «In den letzten 50 Jahren sind die Schweizer nur noch etwa einen Zentimeter gewachsen», sagt Eiholzer.
Kinder werden schwerer
Dafür werden sie schwerer: Die neuen Schweizer Wachstumskurven zeigen beim Gewicht nach oben. Dabei sind Kinder von Eltern aus Süd- und Südosteuropa deutlich häufiger von Übergewicht betroffen. «Ein Kind von südeuropäischen Eltern hat ein fünfmal höheres Risiko, adipös zu sein, als ein Kind von zwei Schweizer Eltern.» Das habe nichts damit zu tun, dass solche Familien sozial schlechter gestellt seien. «Wenn man die Daten mit den jeweiligen Heimatländern vergleicht, fallen diese Kinder dort nicht aus der Norm.»
Laut dem Spezialisten spielen genetische Faktoren eine wichtige Rolle, die durch die Lebensweise beeinflusst werden. «In den 1950er-Jahren musste die Mutter noch Kartoffeln schälen und kochen, damit etwas auf den Tisch kommt. Heute kann man auf Knopfdruck mehrere Pizzen auf einmal bestellen. Zudem sind Lebensmittel deutlich günstiger geworden.»
Ein Lichtblick der neuen Wachstumskurven: Sie kommen auf einen Anteil von 13,5 Prozent übergewichtigen Kindern in der Schweiz – statt der bislang oft genannten rund 20 Prozent, die auf ausländischen Daten basierten.