Kinderarzt-Professor schlägt Alarm
Falsche Wachstumszahlen schaden Schweizer Kindern

Wächst ein Kind nicht normgemäss, so kann das auf schwerwiegende Krankheiten hinweisen. Doch Schweizer Kinderärzte verfügten über falsche Normzahlen, sagt ein Zürcher Professor.
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Der Vergleich der neu erhobenen Zahlen mit den WHO-Kurven ergibt, dass diese das Wachstum der heute in der Schweiz lebenden Kinder nur ungenügend abbilden (Grafik aus aktueller Pezz-Studie).
Foto: Blick Grafik
Silvia Tschui

Ein täglich benutztes Werkzeug in sämtlichen Kinderarztpraxen sind Wachstumskurven – genormte Zahlen, an denen sich ablesen lässt, ob ein Kind zwischen Geburt und Erwachsenenalter normal wächst. Weicht es von der Wachstumskurve ab, ist dies ein Alarmzeichen, da einem abnormen Wachstum schwerwiegende Krankheiten zugrunde liegen können. Diese machen sich aber unter Umständen lange nicht bemerkbar.

Es ist also äusserst wichtig, dass die Normwerte, auf denen die täglich benutzten Wachstumstabellen beruhen, für Schweizer Kinder stimmen. Dem sei aber leider nicht so, sagt Urs Eiholzer (68). Er ist Endokrinologe, also ein auf die Wirkung von Hormonen – unter anderem auf das Wachstum – spezialisierter Kinderarzt. «2011 wurden schweizweit Wachstumstabellen von der WHO eingeführt», sagt der Spezialist in seinem Zentrum am Zürichberg. «Für Kleinkinder bis zum Alter von fünf Jahren beruhen die Zahlen auf Messungen von Kindern aus Ghana, Brasilien und dem Oman», sagt er – und diese seien allesamt kleiner als Schweizer Kinder. Für ältere Kinder sehe es nicht besser aus: «Diese Zahlen stammen wiederum aus Messungen verschiedener amerikanischer Staaten bei weissen, schwarzen, hispanischen und asiatischen Kindern mit Jahrgängen von 1949 bis 1968.»

Diagnose kann sich um vier Jahre verzögern

Für Schweizer Kinder würden beide Zahlen nicht funktionieren, sagt er. Weil sie aus genetischen Gründen zum einen grösser werden, zum anderen die Wachstumskurven aber auch anders verlaufen, da Schweizer Kinder später in die Pubertät eintreten als amerikanische.

«Im schlimmsten Fall verzögert sich so die Diagnose einer ernsthaften Krankheit um vier Jahre!», sagt Eiholzer. Da Wachstum nur in einem gewissen Zeitrahmen während der Entwicklung geschieht, seien dies Wachstumsjahre, die manchmal nie mehr aufgeholt werden können.

Im allerschlimmsten Fall kann verzögertes Wachstum etwa ein Hinweis auf einen Tumor der Hirnanhangdrüse sein. Diese ist für die Ausschüttung diverser Hormone verantwortlich, unter anderem auch der Wachstumshormone. Aber auch Zöliakie, eine Autoimmunerkrankung, die aufgrund einer Unverträglichkeit von Gluten zum Absterben der Darmzotten führt, zeigt sich in verzögertem Wachstum. Und als dritte schwerwiegende Erkrankung kann verzögertes Wachstum auf eine chronische Niereninsuffizienz hinweisen. 

Falsche Wachstumskurven seien ein Skandal

Für Betroffene hat eine zu späte Diagnose ernsthafte Folgen. Neben einer möglichen schlechteren Lebenszeitprognose ist es auch sonst ein entscheidender Nachteil, unterdurchschnittlich klein zu bleiben, sagt Eiholzer: «Diverse Studien zeigen einen Zusammenhang zwischen Körpergrösse und Einkommen, wie auch zwischen Körpergrösse und erfolgreicher Partnerwahl.»

Dass Schweizer Kinder ohne eigene Wachstumskurven diagnostiziert werden, sei ein Skandal: «Österreich, Deutschland oder auch Holland verfügen alle über eigene Kurven aus eigenen Datensätzen, Italien sogar über deren zwei, weil sich die Kinder im Norden und die im Süden stark unterscheiden.» Nur die reiche Schweiz habe hier gespart – dabei würden sich unsere Kinderspitäler rühmen, zu den besten der Welt zu gehören, ärgert sich Eiholzer.

Verantwortlich für die Einführung der WHO-Wachstumstabellen im Jahr 2011 ist die Schweizerische Gesellschaft für Pädiatrie (SGP). Sie erklärt in einem E-Mail, die Kurven seien ein «gut schweizerischer Kompromiss», da die WHO-Zahlen insbesondere die Entwicklung in den ersten Lebensjahren gut abbilden würden. Für die weiteren Kurven habe es gegolten, ein «einigermassen stimmiges Set von verschiedenen Kurven (Länge, Gewicht, Kopfumfang, BMI) zu finden». Zum ersten Mal würden zudem in der ganzen Schweiz inklusive im Tessin seit dieser Einführung einheitliche Kurven benutzt werden.

18'000 Datensätze für Studie

Für Eiholzer ist dieser Kompromiss ein fauler: «Fürs Tessin müsste man eigentlich die norditalienischen Daten und Kurven benutzen.» Dies, da diese Kinder genetisch näher bei Norditalienern stehen als bei Deutschschweizern, die wiederum den Süddeutschen sehr ähnlich seien.

Da für ihn die aktuell benutzten Kurven nichts weniger als ein Skandal sind, versucht er, selbst Abhilfe zu schaffen. Eiholzer hat in den letzten Jahren 18'000 Datensätze erhoben und ausgewertet, die zum ersten Mal Wachstumskurven zeigen, die genau die Entwicklung von Deutschschweizer Kindern abbilden sollen. Die Daten stammen von 62 Kinderärzten zwischen dem Vierwaldstättersee bis Kreuzlingen TG.

Veröffentlicht wird Eiholzers neue Studie in den nächsten Wochen. Ob die SGP die Zahlen aber übernimmt, ist noch unklar. Immerhin wird die Gesellschaft für Pädiatrie die Zahlen – wenn sie denn veröffentlicht sind – prüfen, wie sie im E-Mail versichert. Für Eiholzer ist der Fall hingegen klar: «Übernehmen sie die Zahlen nicht, wäre dies ein noch grösserer Skandal. Unsere Kinder haben ein Anrecht auf korrekte Zahlen.» 

Perzentilenkurven zeigen das Wachstum

Perzentilenkurven sind Vergleichskurven, die dazu dienen, die Grösse und das Gewicht eines Kindes über Jahre hinweg mit der Grösse und dem Gewicht von Gleichaltrigen zu vergleichen. Dabei entspricht die 50. Perzentile dem durchschnittlichen Wachstum beziehungsweise Gewicht eines gesunden Kindes. Die 97. Perzentile ist die Normobergrenze, die 3. Perzentile die Normuntergrenze.

Wachsen Kinder aus der eingeschlagenen Perzentilenkurve heraus – befindet sich also beispielsweise ein Kind, das der 50. Perzentile entlang wuchs, plötzlich auf der 30. Perzentile –, ist eine Abklärung der Ursachen vonnöten. Ernsthafte Krankheiten könnten der Wachstums-Abweichung zugrunde liegen.

Der Vergleich der neu erhobenen Zahlen mit den WHO-Kurven ergibt, dass diese das Wachstum der heute in der Schweiz lebenden Kinder nur ungenügend abbilden: Schweizer Kinder sind grösser, und die Wachstumskurven verlaufen anders. Die 3., also unterste Normbereichs-Perzentile der WHO-Kurve, liegt im Vergleich zur neuen Erhebung um bis zu vier Zentimeter niedriger. Für Kinder, die aus der Kurve wachsen, kann die Verwendung einer WHO-Kurve also eine Verzögerung nötiger Abklärungen von bis zu vier Jahren ergeben. 

Perzentilenkurven sind Vergleichskurven, die dazu dienen, die Grösse und das Gewicht eines Kindes über Jahre hinweg mit der Grösse und dem Gewicht von Gleichaltrigen zu vergleichen. Dabei entspricht die 50. Perzentile dem durchschnittlichen Wachstum beziehungsweise Gewicht eines gesunden Kindes. Die 97. Perzentile ist die Normobergrenze, die 3. Perzentile die Normuntergrenze.

Wachsen Kinder aus der eingeschlagenen Perzentilenkurve heraus – befindet sich also beispielsweise ein Kind, das der 50. Perzentile entlang wuchs, plötzlich auf der 30. Perzentile –, ist eine Abklärung der Ursachen vonnöten. Ernsthafte Krankheiten könnten der Wachstums-Abweichung zugrunde liegen.

Der Vergleich der neu erhobenen Zahlen mit den WHO-Kurven ergibt, dass diese das Wachstum der heute in der Schweiz lebenden Kinder nur ungenügend abbilden: Schweizer Kinder sind grösser, und die Wachstumskurven verlaufen anders. Die 3., also unterste Normbereichs-Perzentile der WHO-Kurve, liegt im Vergleich zur neuen Erhebung um bis zu vier Zentimeter niedriger. Für Kinder, die aus der Kurve wachsen, kann die Verwendung einer WHO-Kurve also eine Verzögerung nötiger Abklärungen von bis zu vier Jahren ergeben. 

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