Darum gehts
- Schweizer erzählt von Leihmutterschaft in den USA
- Taylor brachte zwei Kinder zur Welt, emotionaler und komplexer Prozess
- USA gewählt wegen klarer Regeln: Gesundheit, Rechte und Leben abgesichert
Gestern feierte unser Bauchmami seinen 35. Geburtstag. Tausende von Kilometern von uns entfernt, sechs Stunden Zeitunterschied. Den ganzen Tag über dachten wir an sie. Obschon wir regelmässig in Kontakt stehen, haben wir sie nun schon länger nicht mehr gehört respektive gesehen. Kurz vor dem Zubettgehen riefen wir sie via Videocall an. Unser Grosser, der bald vier Jahre alt wird, singt Taylor «Happy Birthday». Sie ist gerührt und freut sich sehr über das spontane Wiedersehen. Wir nehmen uns vor, einander bald wieder anzurufen, dann zu acht, beide Familien gemeinsam. Unser Grosser und ihre Tochter sind gegenseitig grosse Fans.
Warum ich diese Episode erzähle: Taylor und ihre Familie gehören zu unserer Familie. Sie ist das Bauchmami unserer beiden Söhne. Sie ist unser Engel auf Erden. Sie hat meinem Mann und mir unseren grössten Lebenstraum erfüllt: eine Familie zu gründen. Und ich bin felsenfest davon überzeugt, dass sie Folgendes ernst meint: Sie hat uns, direkt nach der Geburt des ersten Sohnes gesagt, dass es sie unglaublich stolz macht, Teil von etwas so Grossem, Sinnstiftendem zu sein.
Taylor hat uns ausgesucht
Es gibt eine zweite Episode, die untermauert, was Taylor und ihre Familie für uns bedeuten: Wir haben sie alle während Corona per Videocall kennengelernt. Taylor hat uns ausgesucht, nicht umgekehrt. Das erste Mal physisch getroffen haben wir sie, als sie im sechsten Monat schwanger war. Was für eine emotionale Begegnung. Wir verbrachten alle gemeinsam eine Woche am Meer, wohnten im selben Haus, machten Ausflüge, kochten zusammen. Das hat uns allen geholfen, fürs Vertrauen. Und ihre Kinder haben gesehen: Das Baby, das im Bauch ihrer Mutter heranwächst, kommt zu liebevollen Eltern. Wichtig als kleiner Reminder: Das Baby hat keine genetische Verbindung zum Bauchmami. Es ist eine zweite Frau im Spiel, die Eizellspenderin.
Die dritte Episode, die vielleicht emotionalste: Unser erster Sohn war da. So lange hatten wir auf ihn gewartet. Wir waren live dabei, wie Taylor das Wunder zur Welt brachte. Ihr Mann wich ihr keine Sekunde von der Seite. Er, mein Mann und ich standen zu dritt um Taylors Bett. Als das Baby da war, schossen uns drei Männern die Tränen in die Augen. Taylors Mann, übermannt von den Gefühlen, weil er so stolz war auf seine Frau. Er drückte sie, umarmte uns und sagte ganz gerührt: We did it!
Für uns kamen nur die USA infrage
Mir ist total bewusst, dass wir Glückspilze sind, auch wenn der Prozess zuweilen schwierig, mühsam und hochemotional war. Zwei gesunde Kinder, der Kontakt zum Bauchmami und dessen Familie. Und zu all den Menschen, die uns in Vermont unterstützten. Das läuft nicht immer und überall so. Ich kenne aber einige solch schöne Geschichten wie die unsere. Und das macht mir Hoffnung. Vielleicht sogar darauf, dass Leihmutterschaft dereinst auch in der Schweiz legal ist. Als Abmachung unter mündigen Erwachsenen. Auf Freiwilligkeit basierend. Fair und klar geregelt für alle Beteiligten.
Genau das ist der Grund, warum wir uns auf unserem Weg für die USA entschieden haben. Die Gesundheit und das Leben des Bauchmamis und des ungeborenen Kindes standen für uns über allem. Alles ist vertraglich geregelt. Alle sind abgesichert. Aus legaler, medizinischer und ethischer Sicht kamen für uns nur die USA infrage, und das nach sorgfältiger Abwägung vieler Optionen. Kind, Leihmutter und die Eltern sind klar definiert; Aufgaben klar verteilt. Die Wahl der Institutionen haben wir aufgrund von Empfehlungen von Freunden getroffen, die denselben Prozess durchgemacht haben.
Getrennt durch Meilen, verbunden durch Liebe
Unsere beiden Söhne wachsen auf im Wissen, dass sie über alles gewünscht und geliebt sind. Sie wachsen auf im Bewusstsein, dass ihre Geschichte vielleicht nicht gewöhnlich, aber normal und positiv besetzt ist. Kein Geheimnis. Wenn die Kinder grösser werden, werden wir entsprechend detaillierter berichten können, wie ihre Reise begonnen hat. Alles immer möglichst altersgerecht. Und wir sind auf immer und ewig dankbar für all die Menschen, die Sorge trugen zu unseren Kindern, bevor sie überhaupt geboren wurden.
By the way: Im Schlafzimmer unserer Kinder hängt ein gerahmtes Bild von einem auf einer Wolke schlafenden Pinguin. Links von ihm die Silhouette des Staates Vermont. Rechts von ihm die Silhouette der Schweiz. Die beiden Orte verbindet der Satz: «Getrennt durch Meilen, verbunden durch die Liebe». Ein Geschenk unseres Bauchmamis. Als wir nach der Geburt unseres zweiten Sohnes auf Wiedersehen sagen mussten, schrieb uns Taylor danach: «Diesmal war es noch schwerer, auf Wiedersehen zu sagen. Ich hoffe, es ist in Ordnung, dass wir euch als Teil unserer Familie betrachten. Wir fühlen uns geehrt, dass ihr unserer Familie erlaubt habt, ein Teil davon zu sein, eure zu gründen!»