Blick-Reporterin Helena Graf mitten in georgischer Leihmutter-Industrie
Hier tragen Frauen für 13'000 Franken Schweizer Babys aus

Der unerfüllte Kinderwunsch treibt Paare aus Europa, China und den USA nach Georgien. Hier bringen Leihmütter jährlich an die tausend Kinder zur Welt.
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Leihmutter mit 40: Katsvik aus Armenien ist schwanger mit Zwillingen.
Foto: Helena Graf

Darum gehts

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Helena GrafReporterin

Katsvik (40) schiebt sich durch den Flur des Gagua-Spitals im Norden von Tiflis. Ihr Bauch ist prall. Sie ist im siebten Monat schwanger, erwartet Zwillinge. Vor dem Behandlungszimmer 122 steht ein Stuhl. Sie setzt sich. «Es geht mir gut», sagt sie. «Ich nehme viele Hormone.» Östrogen und Progesteron. «Das unterdrückt die Schmerzen.»

Katsvik will keine Familie gründen. Sie hat schon einen Sohn. Er ist 15 Jahre alt und lebt in Armenien. Sie ist geschieden, hat keine eigene Wohnung. Dafür hat sie Schulden. «Ich bin wegen des Geldes hier», sagt sie.

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Doktor Eka Tedozashvili kümmert sich um Leihmütter in Tiflis.
Foto: Helena Graf

16'000 Dollar – knapp 13'000 Franken. So viel bekommt Katsvik, wenn sie die Zwillinge zur Welt bringt.

Sie kennt die Eltern nicht

Sie ist eine Leihmutter. Die Babys in ihrem Bauch sind genetisch nicht mit ihr verwandt. Sie entstanden durch künstliche Befruchtung.

Die biologischen Eltern leben im Ausland. Katsvik kennt sie nicht. «Man sagt mir nicht einmal, woher genau sie kommen», sagt sie.

Leihmutterschaft ist ein internationales Geschäft.

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Die Klienten sind Paare und Singles mit Kinderwunsch. Meist aus wohlhabenden Ländern. Der Schweiz, Deutschland, China. Vielerorts ist Leihmutterschaft verboten oder stark eingeschränkt. Deshalb gehen solche Eltern ins Ausland.

Etwa nach Georgien. Dort ist Leihmutterschaft legal. Das Geschäft wächst.

Leihmutterschaft in der Schweiz: Verboten – und trotzdem Realität

Leihmutterschaft ist in der Schweiz illegal. Eltern mit Kinderwunsch weichen ins Ausland aus, um ihre Babys austragen zu lassen. Die bekannten Fälle nehmen zu.

  • Der Kanton Zürich verzeichnete 2021 sechs Geburten durch Leihmutterschaft im Ausland. 2023 waren es plötzlich 20. Letztes Jahr gar 25.
  • Der Kanton Bern registrierte 2021 fünf Fälle, 2025 rund zehn.
  • Zwischen 2020 und 2025 verzeichnete der Kanton Waadt 27, der Kanton Aargau 23 und St. Gallen zwölf solcher Geburten.

Die Dunkelziffer ist hoch. Schweizer Behörden erfahren oft nichts von den Geburten. Viele ausländische Geburtsurkunden nennen direkt die biologischen Eltern. Die Leihmutter wird darin erwähnt. Das erschwert die Kontrolle.

Georgien gehört neben den USA und der Ukraine zu den wichtigsten Ländern für Schweizer Paare.

Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) meldet steigende Zahlen. Die Schweizer Botschaft in Tiflis leitete folgende Fälle an Schweizer Behörden weiter:

  • 2023: 3 Fälle
  • 2024: 4 Fälle
  • 2025: 6 Fälle
  • 2026 (bis Juli): 2 Fälle

Georgien ist für Eltern mit Kinderwunsch attraktiv. Ein Gerichtsentscheid ist vor Ort nicht nötig. Die Eltern erhalten direkt per Gesetz eine Geburtsurkunde. Das Verfahren ist viel günstiger als in den USA.

Schweizer Wunscheltern machen sich nicht strafbar, wenn sie ihr Kind im Ausland austragen lassen. Trotz des gesetzlichen Verbots.

Ist das Kind einmal geboren, beginnt ein bürokratischer Spiessrutenlauf.

Nach der Geburt gilt nämlich Schweizer Recht. Das heisst: Die gebärende Frau ist die rechtliche Mutter. Geburtsurkunden, welche die biologische Mutter als rechtliche Mutter nennen, werden nicht anerkannt.

Die Behörden tragen entsprechend die Leihmutter ins Register ein. Der biologische Vater kann das Kind per Vaterschaftsanerkennung direkt als seines eintragen lassen. Einzige Voraussetzung: Er ist der Samenspender.

Sobald die Vaterschaft offiziell registriert ist, kann die Botschaft dem Kind einen Pass ausstellen. Und die Familie kann ausreisen.

Die biologische Mutter muss das Kind dann als Stiefkind adoptieren. Dieses Adoptionsverfahren dauert mindestens ein Jahr. Das Kind lebt in dieser Zeit in einem rechtlichen Vakuum.

Leihmutterschaft ist in der Schweiz illegal. Eltern mit Kinderwunsch weichen ins Ausland aus, um ihre Babys austragen zu lassen. Die bekannten Fälle nehmen zu.

  • Der Kanton Zürich verzeichnete 2021 sechs Geburten durch Leihmutterschaft im Ausland. 2023 waren es plötzlich 20. Letztes Jahr gar 25.
  • Der Kanton Bern registrierte 2021 fünf Fälle, 2025 rund zehn.
  • Zwischen 2020 und 2025 verzeichnete der Kanton Waadt 27, der Kanton Aargau 23 und St. Gallen zwölf solcher Geburten.

Die Dunkelziffer ist hoch. Schweizer Behörden erfahren oft nichts von den Geburten. Viele ausländische Geburtsurkunden nennen direkt die biologischen Eltern. Die Leihmutter wird darin erwähnt. Das erschwert die Kontrolle.

Georgien gehört neben den USA und der Ukraine zu den wichtigsten Ländern für Schweizer Paare.

Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) meldet steigende Zahlen. Die Schweizer Botschaft in Tiflis leitete folgende Fälle an Schweizer Behörden weiter:

  • 2023: 3 Fälle
  • 2024: 4 Fälle
  • 2025: 6 Fälle
  • 2026 (bis Juli): 2 Fälle

Georgien ist für Eltern mit Kinderwunsch attraktiv. Ein Gerichtsentscheid ist vor Ort nicht nötig. Die Eltern erhalten direkt per Gesetz eine Geburtsurkunde. Das Verfahren ist viel günstiger als in den USA.

Schweizer Wunscheltern machen sich nicht strafbar, wenn sie ihr Kind im Ausland austragen lassen. Trotz des gesetzlichen Verbots.

Ist das Kind einmal geboren, beginnt ein bürokratischer Spiessrutenlauf.

Nach der Geburt gilt nämlich Schweizer Recht. Das heisst: Die gebärende Frau ist die rechtliche Mutter. Geburtsurkunden, welche die biologische Mutter als rechtliche Mutter nennen, werden nicht anerkannt.

Die Behörden tragen entsprechend die Leihmutter ins Register ein. Der biologische Vater kann das Kind per Vaterschaftsanerkennung direkt als seines eintragen lassen. Einzige Voraussetzung: Er ist der Samenspender.

Sobald die Vaterschaft offiziell registriert ist, kann die Botschaft dem Kind einen Pass ausstellen. Und die Familie kann ausreisen.

Die biologische Mutter muss das Kind dann als Stiefkind adoptieren. Dieses Adoptionsverfahren dauert mindestens ein Jahr. Das Kind lebt in dieser Zeit in einem rechtlichen Vakuum.

Früher war die Ukraine beliebt bei Eltern mit Kinderwunsch. Seit Beginn des Angriffskriegs weichen viele nach Georgien aus: 2022 bis 2024 kamen hier fast 3000 Kinder durch Leihmütter auf die Welt. 2019 bis 2021 waren es noch 1700.

Gagua-Spital in Tiflis, Eingangsbereich. Ein chinesisches Paar hält ein Neugeborenes auf dem Arm. Sie lächeln.

Eine Leihmutter hat das Kind soeben zur Welt gebracht. Das chinesische Paar ist für die Geburt angereist.

Über Tiktok rekrutiert

Meistens wird das Baby sofort übergeben. Ohne dass die Leihmutter es sieht.

Zara Primanova arbeitet für eine georgische Leihmutteragentur. Sie rekrutiert Frauen aus dem Ausland. Viele Leihmütter kommen aus Zentral- oder Ostasien.

Primanova nutzt Tiktok und Instagram, um Interessierte zu finden. «Ich mache einen Aufruf und schaue, wer sich meldet», sagt sie.

Zara Primanova rekrutiert Leihmütter aus Zentralasien.
Foto: Helena Graf

Nicht jede Frau kommt infrage. Die Leihmütter müssen bereits ein eigenes Kind geboren haben. Sie müssen gesund sein. Laut Primanova dürfen sie nicht mehr als 80 Kilo wiegen.

Wer akzeptiert wird, reist nach Georgien. Primanova organisiert Wohnungen für die Frauen. Meist leben sie dort zu zweit oder zu dritt.

«In manchen Wohnungen hängen Kameras», sagt sie. Die Agentur kontrolliert die Frauen. Kein Alkohol. Keine Zigaretten. Keine Stöckelschuhe. Rechtzeitig schlafen. Wer sich nicht an die Regeln hält, riskiert Geldstrafen.

10 Dollar pro Tag

Vor Behandlungszimmer 122 setzen sich drei Frauen neben Katsvik. Sie kommen aus Kasachstan und Usbekistan, teilen sich eine Wohnung.

Aisha (28) übersetzt für ihre Mitbewohnerinnen. «Wir kamen alle aus der Not heraus hierher», sagt sie. Die Frauen sind alleinerziehend. Zu Hause warten ihre Familien.

Die Agentur bezahlt die Wohnung. Dazu bekommen die Frauen 10 Dollar Taschengeld pro Tag.

Leihmütter aus Kasachstan und Usbekistan. Ihre Familien wissen nicht, dass sie fremde Kinder austragen wollen.
Foto: Helena Graf

Sie warten auf den Embryotransfer. Das Taschengeld reicht nicht. Sie können nichts nach Hause schicken. Aisha arbeitet deshalb Nachtschichten in einem 24-Stunden-Supermarkt namens Drive.

Gleichzeitig nimmt sie Hormone. Estrofem und Progesteron. Sie sollen ihren Körper auf den Transfer vorbereiten.

Aisha sagt, die Medikamente raubten ihr den Schlaf. «Manchmal schlafen wir vier oder fünf Tage lang nicht», sagt sie. «Wir essen mitten in der Nacht. Die Hormone verändern alles.»

«Wie eine Maschine»

Ihre Freundin hatte bereits zwölf Embryotransfers. Bislang schlug jeder Versuch fehl. Aisha hatte sechs. Beim ersten wurde sie schwanger. An Silvester verlor sie das Kind. Sie hatte ein Hämatom an der Gebärmutter und blutete stark. 

Ihre damalige Agentur half ihr nicht, sagt sie. Man habe sie im Spital zurückgelassen. Allein. Ohne Geld für Essen. «Für sie war ich nur eine Maschine, die nicht richtig funktioniert», sagt Aisha.

Die Tür zu Behandlungszimmer 122 öffnet sich. Doktor Eka Tedozashvili bittet die Frauen herein. Sie betreut Leihmütter und führt Embryotransfers durch.

Aisha nennt sie «Mama Eka». Die Ärztin half ihr nach der Fehlgeburt.

Frauenärztin Eka Tedozashvili behandelt zahlreiche Leihmütter.
Foto: Helena Graf

Tedozashvili sagt: «Eine Leihmutter hat ein zehnmal höheres Risiko auf eine Fehlgeburt als eine normale Schwangere.»

Denn Leihmütter produzieren zunächst keine Schwangerschaftshormone. Also müssen sie Medikamente einnehmen. Ein Balanceakt.

Katsvik, die armenische Leihmutter, erwartet Zwillinge. «Der Arzt hat einen Embryo eingesetzt», sagt sie. «Und weil ich so gesund bin, wurden es im Bauch zwei.» Sie glaubt, der Embryo habe sich geteilt.

Gesundheitliches Risiko

Frauenärztin Tedozashvili hält das für unwahrscheinlich. Sie erklärt: «In der Klinik werden oft mehrere Embryonen eingesetzt.»

Zwillinge bergen ein höheres Risiko. Und Katsvik ist 40 Jahre alt. Dennoch wirkt sie unbesorgt. Sie denkt an die 16'000 Dollar.

Die Leihmütter wohnen in WGs – in Quartieren rund um die Geburtskliniken.
Foto: Helena Graf

Auch Aisha hofft auf dieses Geld. Die Frauen bekommen es nicht auf einmal.

  • Vor dem Transfer gibt es 10 Dollar pro Tag. Also 300 Dollar pro Monat.
  • Klappt der Transfer, gibt es einmalig 400 Dollar. Danach bekommen die Frauen 400 Dollar pro Monat.
  • Im fünften Monat gibt es weitere 300 Dollar. Für Schwangerschaftskleidung.

Den grossen Rest bekommen sie nach der Geburt. Ausser sie verlieren das Kind vorher. Dann fällt dieser Batzen weg.

Komplikationen im Operationssaal

Tedozashvili ruft die Frauen nacheinander auf. Sie ordnet Tests an, bespricht Befunde, schüttelt Hände.

Langsam leert sich der Flur. Die Ärztin holt eine Büchse Instantkaffee aus dem Schrank.

Dann schrillt ihr Telefon. Sie nimmt ab. Ihr Gesicht wird ernst. Eine Leihmutter liegt im Operationssaal. Starke Blutungen. Tedozashvili springt auf. Sie rennt aus dem Zimmer. Ihre Schritte hallen über den Linoleumboden.

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