Giuseppe Piscitelli
Vom Platzspitzbaby zur Tiktok-Entdeckung

Als «Gopf» unterhält der Zürcher Giuseppe Piscitelli auf Social Media Tausende von Fans. Er kam einen weiten Weg. Giuseppe wuchs mit einer drogenabhängigen Mutter auf. «Sie ist eine Heldin», sagt er heute. Auch wenn sie nach wie vor nicht clean ist.
Kommentieren
1/7
Giuseppe Piscitelli am Ufer der Limmat beim Zürcher Platzspitz. Hier konsumierte seine Mutter Ende der 80er-Jahre in der offenen Szene erstmals harte Drogen.
Foto: Raphaël Dupain

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Giuseppe Piscitelli (31) erzählt von seiner schwierigen Kindheit in Zürich
  • Mit 15 spülte er die Medikamente seiner drogenabhängigen Mutter weg
  • Heute unterhält er auf Tiktok fast 7000 Follower
War diese Zusammenfassung hilfreich?
Externe Inhalte
Möchtest du diesen ergänzenden Inhalt (Tweet, Instagram etc.) sehen? Falls du damit einverstanden bist, dass Cookies gesetzt und dadurch Daten an externe Anbieter übermittelt werden, kannst du alle Cookies zulassen und externe Inhalte direkt anzeigen lassen.
familienbloggerin_sandra_c_2.jpg
Sandra CasaliniRedaktorin

Es ist ruhig auf dem Zürcher Platzspitz. Ein paar Spaziergängerinnen sind unterwegs, Sonnenanbeter halten ihre Gesichter in die ersten frühlingshaften Sonnenstrahlen. Nichts deutet darauf hin, dass hier in den 80er -und 90er-Jahren das Drogenzentrum von ganz Mitteleuropa war. Giuseppe Piscitelli (31) lässt seinen Blick schweifen. «Sie war 15, als sie erstmals hierherkam», sagt er. «Der Ort hat sie wohl mehr angezogen als abgeschreckt.» Warum seine Mutter anfing, Drogen zu nehmen, weiss er nicht. Nur, dass es beim Cannabis angefangen und beim Heroin aufgehört hat. Seine mittlerweile 55-jährige Mutter spreche nicht gross über ihre Drogensucht. «Sie will nicht. An vieles erinnert sie sich nicht. Das liegt vielleicht an den Medis.»

Beim Elterngespräch schlief die Mutter ein

Als sie mit Giuseppes zwei Jahre älterem Bruder schwanger wird, hört sie auf, Heroin zu spritzen. Clean ist sie deswegen noch lange nicht, sie konsumiert diverse Medikamente und Ersatzdrogen. Giuseppes frühe Kindheit ist geprägt von häuslicher Gewalt. Irgendwann, da ist Giuseppe «etwa neun», geht der Vater «Zigis holen» und kommt nicht mehr zurück. Er lebt heute in seiner Heimat Italien, hat eine neue Familie gegründet, zu seinen Söhnen in der Schweiz hat er losen Kontakt. 

Mit dem Abgang des Vaters beginnt für Giuseppe eine Kindheit ohne Regeln, aber mit viel zu viel Verantwortung. Immer wieder wird er fremdplatziert, immer wieder reisst er aus. Wenn die Mutter im Entzug ist, stürmt er in die entsprechende Klinik und ruft nach ihr. Warum sie dort ist, kann er nicht richtig einordnen. «Ich war halt ein Kind und wollte bei meiner Mama sein.» Manchmal hat diese ihren Drogenkonsum nach einem Entzug tatsächlich für einige Wochen im Griff. «Das war jeweils schön, aber auch blöd. Dann war sie plötzlich streng.» Da ist ihm die Mutter fast lieber, die beim Elterngespräch in der Schule einschläft, während der Lehrer sich über Giuseppes Leistungen und Absenzen beschwert. 

Mit 15 spült er ihre Pillen das WC runter

Die Schule ist für den Jungen eher Nebensache. Sein Hauptjob ist, sich um seine Mutter zu kümmern. Er besorgt Essen, aber nie Drogen. Seine Mutter lebt von Sozialhilfe, wird hin und wieder von ihrer Mutter und ihrem Bruder unterstützt. «Wir waren ständig pleite, mussten Ende Monat überall Geld zusammenkratzen, um Brot zu kaufen.» Einmal überredet Giuseppe seine Mutter, das Geld am Kiosk in ein Gewinnspiel zu investieren, weil er das starke Gefühl habe, dass sie heute Glück hätten. Sie gewinnen 60 Franken, mit denen sie einkaufen gehen. «Das war einer der schönsten Tage meiner Kindheit.»

Als Teenager geht er an die Elternabende seiner zehn Jahre jüngeren Halbschwester, begleitet seine Mutter zur Therapie. Und realisiert langsam, was die Mama für ein Problem hat. An einem Sonntag, Giuseppe ist 15, spült er ihren gesamten Pillenvorrat das WC runter. Leider auch ihre Medikamente für Schilddrüsenunterfunktion, die sie dringend braucht. «Da bekam ich zum ersten Mal mit, dass Medis auch für etwas gut sein können.» Trotzdem: Noch heute hat Giuseppe panische Angst vor Pillen und Spritzen. «Ich frage beim Zahnarzt, ob die Betäubung wirklich nötig ist. Im Zweifel will ich lieber keine.» 

Mit 20 Vater, mit 21 Ehemann, mit 23 geschieden

Als er 20 ist, wird Giuseppe Vater. Ein Jahr später heiratet er – während der Hochzeitszeremonie schläft seine Mutter ein –, weitere zwei Jahre danach ist er geschieden. Mit Mitte 20 steht er ohne Frau und ohne Job da – die angefangene Gastro-Lehre hat er kurz vor Lehrabschluss hingeschmissen –, dafür mit Schulden. Als er seine heutige Verlobte kennenlernt, merkt er: «Es gibt so viel, wofür es sich zu kämpfen lohnt.» Nicht nur für seine Beziehung zu ihr, sondern vor allem auch für die zu seinem Sohn. Zu ihm und dessen Mutter hat er heute ein hervorragendes Verhältnis. 

Seine berufliche Liebe findet Giuseppe online. Als «Gopf» unterhält er seine Follower (auf Tiktok sind es immerhin fast 7000) mit einem Mix aus Comedy und Rap, postet aber auch immer wieder ein ernsteres Video, in dem er aus seinem Leben erzählt. Ausserdem hat er es ins Finale des «Swiss Men's Award» geschafft, das am 2. Mai stattfindet. «Ich will meine Geschichte nicht verstecken», sagt Giuseppe. Diese zeigt nicht nur, dass es sich lohnt, nie aufzugeben, sondern auch, dass Liebe vieles überwinden kann.

«Ich habe immer gewusst, dass meine Mama mich sehr liebt, und ich sie. Und ich habe gesehen, wie sie gekämpft hat, wie sie immer wieder versucht hat, aufzustehen. Sie ist eine Heldin.» Clean ist sie zwar nach wie vor nicht ganz, hat ihr Leben aber mittlerweile gut im Griff. «Noch vor ein paar Jahren hätte ich nicht darauf gewettet, dass sie ihren 55. Geburtstag erlebt.» 

Wenn er seinen heute zehnjährigen Sohn ansehe, so Giuseppe, sei er dankbar, dass dieser eine Kindheit erleben darf, die diesen Namen verdient. «Hätte ich mir selbst eine andere gewünscht? Natürlich. Aber es bringt nichts, darüber nachzudenken. Dank ihr bin ich zu dem geworden, der ich bin. Und das ist ganz gut so.»

Externe Inhalte
Möchtest du diesen ergänzenden Inhalt (Tweet, Instagram etc.) sehen? Falls du damit einverstanden bist, dass Cookies gesetzt und dadurch Daten an externe Anbieter übermittelt werden, kannst du alle Cookies zulassen und externe Inhalte direkt anzeigen lassen.
Was sagst du dazu?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen