Darum gehts
- Silvio Blatter reflektiert in seinem neuen Buch Nähe und Distanz
- Der 80-Jährige nutzt KI für Ideen, aber nicht für Beziehungen
- Der Autor fürchtet sich mehr vor dem eigenen Tod als vor dem Tod anderer
«Wo soll ich sitzen?», fragt Silvio Blatter. «Gegenüber oder lieber um die Ecke? Für manche ist das zu nah, wenn man sich nicht kennt.» Nähe und Distanz – darum gehts in Blatters neuestem Erzählband «Für die Vögel». Und man gewinnt einen Einblick, wie der Autor die Welt sieht.
Wie würden Sie als 80-jähriger Mann die heutige Welt beschreiben?
Silvio Blatter:Da gibt es ein grosses Paradox: Die Welt als Ganzes nehme ich als recht deprimierend wahr, die Klimaerwärmung, die Gewalt, die Flüchtlinge. Ich lebe heute in einer komplizierten und schwierigen Welt, aber ich habe ein sehr gutes Leben. Ich empfinde dieses als grosses Privileg.
Was fasziniert Sie am Thema Nähe und Distanz?
Zum einen ändert sich im Laufe der Zeit der gesellschaftliche Umgang damit, zum anderen auch der persönliche. Gleich bleibt, dass im Zentrum die Nähe zu mir selber steht. Wenn ich bei mir bin, bin ich viel besser in der Kommunikation.
Silvio Blatter wurde 1946 in Bremgarten AG geboren. Er ist ausgebildeter Primarlehrer und Hörspielregisseur. Bekannt wurde er durch die Freiamt-Trilogie, bestehend aus den Romanen «Zunehmendes Heimweh», «Kein schöner Land» und «Das sanfte Gesetz», die ein Bild von Blatters Heimatregion und ihren Bewohnern zeichnen. Sein Werk wurde mehrfach ausgezeichnet.
Neben seiner Tätigkeit als Autor ist Silvio Blatter auch als Maler bekannt. Er lebt in Zürich und ist regelmässig in München, wo seine Frau, die Malerin Petra Amerell, lebt. Blatter ist Vater einer erwachsenen Tochter.
Silvio Blatter wurde 1946 in Bremgarten AG geboren. Er ist ausgebildeter Primarlehrer und Hörspielregisseur. Bekannt wurde er durch die Freiamt-Trilogie, bestehend aus den Romanen «Zunehmendes Heimweh», «Kein schöner Land» und «Das sanfte Gesetz», die ein Bild von Blatters Heimatregion und ihren Bewohnern zeichnen. Sein Werk wurde mehrfach ausgezeichnet.
Neben seiner Tätigkeit als Autor ist Silvio Blatter auch als Maler bekannt. Er lebt in Zürich und ist regelmässig in München, wo seine Frau, die Malerin Petra Amerell, lebt. Blatter ist Vater einer erwachsenen Tochter.
Sind wir als Gesellschaft in letzter Zeit distanzierter oder distanzloser geworden?
Persönlich merke ich, dass ich als älterer Mann schon mit mehr Distanz betrachtet werde. Allgemein empfinde ich das Handy als echtes Problem. Da sitzen drei, vier Leute zusammen und alle starren auf ihr Gerät. So entsteht doch keine Nähe – aber vielleicht ist es ja eine, die ich nicht verstehe. Mir scheint, wir geraten so schnell in Panik, dass wir lieber auf Distanz gehen, statt etwas falsch zu machen. Davor haben wir unglaublich grosse Angst.
Gleichzeitig scheint online jede Distanz verloren zu gehen: Menschen zu beschimpfen, die man gar nicht kennt, ist an der Tagesordnung.
Dass man online Dinge schreibt, die man einem Gegenüber niemals ins Gesicht sagen würde, halte ich für eine Verletzung der Sorgfaltspflicht, die man hat, wenn man schreibt.
Soziale Medien sind immer wieder Thema in Ihren Büchern. Wie stehen Sie dazu?
Ich finde sie faszinierend, habe aber selbst keine Profile. Im Alltag reichen mir E-Mail und Whatsapp. KI hingegen nutze ich. ChatGPT liefert mir regelmässig sehr inspirierende Ideen. Schreiben kann ich allerdings besser als die künstliche Intelligenz.
Nutzen Sie KI auch emotional – so wie das ein Mann in einer Ihrer Erzählungen im aktuellen Buch tut?
Nein, ich pflege keine Beziehungen zu Maschinen. Auch wenn ich bis zu einem gewissen Grad keinen Grund sehe, dies nicht zu tun. Ratschläge von KI können hilfreich sein, auch auf Gefühlsebene. Aber wenn es um tiefere Beziehungen geht, sind sie mit Menschen sicher befriedigender.
Distanz zwischen Eltern und Kindern ist ebenfalls öfter ein Thema in Ihren Erzählungen.
Ich finde es spannend, wenn zum Beispiel jemand sagt, er oder sie habe als Kind zu wenig Elternliebe bekommen, und die Eltern empfinden dies aber gar nicht so.
Was haben Sie für ein Verhältnis zu Ihrer Tochter?
Vermutlich ein engeres als viele andere zu ihren erwachsenen Kindern, da wir in Zürich im selben Haus wohnen. Ich pendle zwischen der Schweiz und München, wo meine Frau lebt.
Und was hatten Sie für ein Verhältnis zu Ihren Eltern?
Ein gutes, auch wenn ich als Erwachsener gewisse Dinge anders bewertete als zuvor. Meine Mutter hat mir verschwiegen, wer mein Vater ist. Als Kind und Jugendlicher hat mich das nicht gestört, ich bin mit ihrem Ehemann aufgewachsen. Heute finde ich, ich hätte das Recht gehabt, es zu wissen.
Abwesende Väter sind ja heutzutage nichts Ungewöhnliches. Nach einer Trennung verliert Schätzungen zufolge etwa jedes zehnte Kind in der Schweiz den Kontakt zum Vater.
Das ist tragisch, sowohl für die Kinder als auch für die Väter. Auf der anderen Seite waren Väter jahrelang das Familienoberhaupt, das bestimmt, aber für ihre Kinder auf emotionaler Ebene nicht wirklich ansprechbar. Heute wird von Vätern auch emotionale Anwesenheit eingefordert.
Kann es umgekehrt zu viel Nähe geben zwischen Eltern und Kindern?
Ich glaube schon. Wenn jemand sagt, zwischen ihm oder ihr und dem Kind herrsche eine Symbiose, werde ich hellhörig. Das ist nichts Gutes. Kinder müssen nicht symbiotisch mit ihren Eltern sein, sondern zu eigenständigen Personen heranwachsen.
Eine der Kurzgeschichten in Ihrem Buch löst gemischte Gefühle aus: Ein erwachsener Mann freundet sich mit einem Kind an. Das Mädchen verschwindet spurlos, der Verdacht fällt verständlicherweise auf ihn.
Die Geschichte ist in Teilen autobiografisch. Vor 30 Jahren habe ich in einem Mehrfamilienhaus gewohnt. Am Eingang traf ich einmal auf ein Mädchen, das keinen Schlüssel hatte und dessen Eltern nicht zu Hause waren. Ich liess es herein und gab ihm ein Glas Milch. Es klingelte dann immer öfter bei mir, wenn die Eltern nicht daheim waren, zum Beispiel, um sich bei den Hausaufgaben helfen zu lassen. Die Eltern haben das irgendwann unterbunden, was ich verstehe.
Ihnen wäre vermutlich auch nicht wohl, wenn Ihre Enkel regelmässig bei einem Ihnen nur oberflächlich bekannten Mann verkehren.
Das ist leider wahr. Ich habe es mir zum Beispiel auch abgewöhnt, einem fremden Kind beim Aufstehen zu helfen, wenn es hinfällt. Es ist richtig, dass die Gesellschaft hier Distanz verlangt, aber auch schade. In diesem Fall gibt es halt keinen Mittelweg.
Sie schreiben auch über Demenz. Fürchten Sie sich davor?
Nein. Ich glaube, wenn das mein Schicksal wäre, hätte es mich längst erwischt. Trotzdem finde ich die Vorstellung, zu merken, dass man immer mehr Distanz zum eigenen Leben entwickelt, sehr beklemmend. Ich versuche, so lange wie möglich mich selbst zu bleiben.
Was heisst das?
Ich möchte geistig und körperlich flexibel bleiben. Ich kenne viele in meinem Alter, die ständig darüber sprechen, was ihnen alles wehtut. Ich bewege mich täglich, halte mich fit und kann guten Gewissens sagen: Mir tut nichts weh.
Haben Sie Angst vor dem Tod?
Ja. Die Vorstellung, dass ich statistisch gesehen nicht mehr so viel Zeit vor mir habe, gefällt mir nicht.
Fürchten Sie sich mehr vor dem eigenen Tod als vor dem von anderen?
Natürlich wäre es schlimm, jemanden aus meinem engen Umfeld zu verlieren. Aber wenn ich sterbe, verliere ich alle, diese Vorstellung finde ich unerträglich. Der Tod ist die ultimative Trennung von allem.
Sie sagen, dass man mit dem Alter nicht mehr so relevant ist.
Man wird nicht mehr so beachtet und oft auch nicht mehr richtig ernst genommen. Ich fühle mich manchmal unterfordert; ich hätte der Gesellschaft durchaus noch etwas zu geben.
Sie pendeln zwischen Zürich und München. Ist das Ihre Art, immer wieder Distanz zu schaffen?
Nicht bewusst. Meine Frau ist Künstlerin, wir haben uns später im Leben kennengelernt, und es war keine Option, dass sie ihr Leben dort für mich aufgibt oder ich meines hier für sie. Wir geniessen beide unsere Freiräume und können gut allein sein. Mir wird nie langweilig. Ich bin nicht nur Schriftsteller, sondern auch passionierter Leser. Ich interessiere mich sehr für die jungen Schweizer Autoren und vor allem für die Autorinnen. Frauen sehen die Dinge oft anders als Männer.
Inwiefern?
Geschmeidiger. Und differenzierter. Als Mann kann man viel von ihnen lernen. Auch mit 80 noch.