Jahrelange Ermittlungen
«Unmenschlich» – Babys missbraucht, Pädo-Ring zerschlagen

Babys, Kleinkinder, Kinder: Ihr Missbrauch wurde gefilmt, geteilt und von über 500'000 Nutzern bejubelt. Eine BBC-Doku zeigt nun, wie Ermittler eines der grössten Pädophilie-Netzwerke des Darknets sprengten – und was sie dabei sahen.
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Twinkle nannte sich dieser Mann im Darknet. Der Portugiese wurde am 20. Juni 2017 verhaftet. Er lag im Bett – mit zwei Kindern.
Foto: Screenshot BBC

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • BBC-Dok «The Darkest Web» zeigt globale Jagd auf Pädophilen-Netzwerke
  • Twinkle und Lubasa betrieben Foren mit über 500'000 aktiven Nutzern
  • Ein Ziegelstein half, ein missbrauchtes Mädchen namens Lucy zu retten
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Tobias BolzernRedaktor Digital

Greg Squire hat das Bild bis heute nie vergessen. Eine Zimmerwand, rohe Backsteine. Ein Mädchen, das er seit Monaten sucht, aber nicht kennt. Er nennt sie Lucy. Squire arbeitet für den US-amerikanischen Geheimdienst Homeland Security, Abteilung Cybercrimes. Im Darknet, jenem verschlüsselten Teilnetz des Internets, das nur über Spezialsoftware zugänglich ist und digitale Spuren verwischt, kursieren Bilder eines Mädchens, sogenanntes Child Sexual Abuse Material (CSAM), Bild- und Videomaterial, das den sexuellen Missbrauch von Kindern dokumentiert. Der Täter bearbeitet die Fotos akribisch: kein Gesicht, keine erkennbaren Details sind sichtbar. Nur einmal vergisst er etwas: eine Wand.

«The Darkest Web» heisst die neue BBC-Doku, die Squire und Ermittlungsteams in Portugal, Brasilien und Russland über Jahre hinweg begleitet und mehrere Fälle neu aufrollt. Was sie zeigt: Täter im Darknet sind keine Einzelgänger. Sie sind gut organisiert, technisch versiert, international vernetzt. Und eine kleine Gruppe von Ermittlern jagt sie, nicht nur mit Technologie, sondern vor allem mit grosser Hartnäckigkeit.

Ein Stein führt zu Lucy

Neun Monate sucht Squires Team 2014 nach Lucy. Es ist sein erster Fall. Lichtschalter und Steckdosen auf den Fotos verraten: Nordamerika. Mehr nicht. Meta, der Konzern hinter Facebook wird um Hilfe gebeten, doch diese Winken ab. Die Ermittler analysieren jedes Detail auf den Fotografien: Bettzeug, Kleidung und Spielzeug. Dann gibt es eine erste Spur: Ein gezeigtes Sofa gab es nur regional. 40'000 Käufer in 29 US-Bundesstaaten. Eine kaum zu bewältigende Liste – dann kam die Wand. 

Squire googelt «Bricks» und landet bei der Brick Industry Association. Sie schicken das Foto an Experten im ganzen Land. Es meldet sich John Harp, der seit 1981 Ziegel verkauft. Er hat den Stein in der Wand sofort identifiziert: Es ist ein «Flaming Alamo», modular, acht Zoll, rosa, mit Anthrazitüberzug. Hergestellt von Mitte 1960er- bis Mitte 1980er-Jahre, in einem einzigen Werk im US-Südwesten. Harp sagt zu Squire das Entscheidende: «Ziegel sind schwer. Sie reisen meist nicht weit.» Der Suchradius schrumpft auf unter 200 Kilometer. Die Liste auf 50 Personen.

Das Team durchforstet deren Social-Media-Profile. Dann finden Sie Lucy auf Bildern. Vier Stunden später klicken die Handschellen. Täter ist der Lebenspartner von Lucys Mutter, ein vorbestrafter Sexualstraftäter. Er hatte das Mädchen über sechs Jahre missbraucht und die Fotos im Darknet geteilt. Er wird zu mehr als 70 Jahren Haft verurteilt.

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Babys als Opfer, Festplatten im Wald

Während Lucy gerettet wird, wächst die Szene im Darknet. Die Anzahl der Foren explodiert. Im Jahr 2015 taucht Babyheart auf. Ein Forum, das sich dem Missbrauch von Babys und Kleinkindern widmet. Betrieben von einem Nutzer namens Twinkle. Die Ermittler haben keinen Namen, kein Gesicht, nur den Nutzernamen und viel Material, das die Ermittler aus fünf Ländern an ihre Grenzen bringt. Die Ermittler können Twinkle zu dem Zeitpunkt Missbrauch an 12 bis 15 Kindern zuordnen. 

Squire sagt: «Die Videos, vor allem mit Ton, sind unerträglich.» Babyheart wächst von ein paar Tausend auf über 100'000 Mitglieder. Interpol, Homeland Security, Behörden aus Australien, England, Spanien und Frankreich jagen den Mann. Schliesslich verdichten sich die Hinweise: Twinkle benutzt in einem englischsprachigen Chat eine portugiesische Redewendung. Über einen in Brasilien festgenommenen Mittäter führt die Spur nach Portugal. Am 20. Juni 2017 betreten die Ermittler am frühen Morgen sein Haus. Twinkle liegt im Bett, zusammen mit zwei Kindern, beide um die fünf Jahre alt.

Er ist Mitte zwanzig, dünn, kooperativ. «Diese Männer haben eine perfekte Welt im Darknet. Im echten Leben sind sie schwach. Deshalb tun sie das den Opfern an», sagt der portugiesische Ermittler Ricardo Saias, der die Razzia leitet. Er beschreibt die Taten als «unmenschlich». Die Festplatte seines Computers, voll mit CSAM, liegt vergraben im Wald. Im Kofferraum: Spielzeug, Kameras und Handschellen. Er hatte ein gemeinsames Missbrauchswochenende mit einem anderen Täter geplant, das die Ermittler stoppen konnten. Twinkle wird zu 21 Jahren Haft verurteilt.

Über Twinkle kommen die Ermittler zu einem noch grösseren Namen: Lubasa. Ein Brasilianer, um die 30, Entwickler. Er betreibt damals fünf der grössten Kindesmissbrauchs-Foren im Darknet. Eine halbe Million User sind dort registriert. Am 6. Juni 2019 verhaftet ihn die Polizei. Seine Wohnung hat kein Bett, PC-Tower bis unter die Decke und eine verwahrloste Küche.

«Im Darknet war er der grosse Puppenspieler», sagt Squire. «Im echten Leben jemand, der im Elend lebt.» Das Gericht verurteilt ihn zu 266 Jahren Haft. Nach seiner Verhaftung werden Tausende Hinweise an Behörden weltweit verschickt. Eine Spur führt nach Russland – zu einem entführten Jungen, der nach 50 Tagen lebend gefunden wird. Sein Entführer wird zu 19 Jahren Haft verurteilt.

Die Zahlen hinter der Doku sind ernüchternd. Weltweit, so schätzen Behörden, gibt es eine Million aktive Nutzer in CSAM-Foren. Squire macht keinen Unterschied zwischen Konsumenten und Produzenten: «Sie sind der Grund, warum diese Seiten existieren. Sie befeuern die Nachfrage. Sie sind Teil des Problems.» Ihnen gegenüber stehen laut BBC weniger als 50 Undercover-Agentinnen und -Agenten weltweit, die diese Netzwerke infiltrieren.

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