Darum gehts
- Der Kohl-Verlag verkauft mutmasslich KI-generiertes Unterrichtsmaterial
- Der Name «Anni Kolvenbach» ist ein Pseudonym für mehrere Autoren
- Onlinehändler Galaxus entfernte die KI-Bücher nun aus dem Sortiment
Ein Zweitklässler blättert durch ein Schulheft. Plötzlich stockt er. «Iiieh, da liegt ein Kopf im Regal!», ruft er verstört. Der Bub hat recht. Im Arbeitsheft «Rechnen lernen macht Spass 1» zeigt eine Seite den Kopf eines Kindes ohne Körper. Auf einer anderen Seite hat eine Hand plötzlich sechs Finger. Und bei der Aufgabe «Wir zählen bis 10» sind nicht zehn, sondern 23,5 Bonbons abgebildet.
Das Magazin «Spiegel» hat aufgedeckt, was dahintersteckt: Künstliche Intelligenz (KI) kam bei der Erstellung mutmasslich zum Einsatz, die KI-Inhalte wurden offenbar danach nicht sorgfältig geprüft. Das Heft richtet sich an Kinder mit Förderbedarf. Torben Rieckmann, Professor für Kindheitspädagogik an der Internationalen Hochschule in Hamburg, hat es durchgeblättert. Sein Urteil: «Wer mit diesem Material arbeitet, muss sehr viel Zeit einplanen, um die ganzen Irritationen aufzuarbeiten.»
Die Autorin, die keine ist
Auch andere Bücher versagen inhaltlich: Ein Lehrheft zum Zweiten Weltkrieg, das sich an ältere Schüler richtet, zeigt die Sowjetunion auf einer Karte in Südfrankreich. Polen ist doppelt zu sehen und auf einem Bild hält Adolf Hitler ein Buch verkehrt herum, mit zwei Buchrücken. Historiker bezeichnen das Heft laut «Spiegel» als «haarsträubend» und «unfassbar».
Die Bücher erschienen im Kohl-Verlag unter dem Autorennamen «Anni Kolvenbach», angeblich eine pensionierte Sonderpädagogin, Jahrgang 1953. In fünf Jahren veröffentlichte sie 34 Arbeitshefte, im Schnitt alle zwei Monate einen Titel. Als der «Spiegel» beim Verlag nach ihr fragte, meldete sich schliesslich ein Mann. Dieser stritt ab, KI eingesetzt zu haben. Er sei einer von mehreren Freiberuflern, die unter dem Pseudonym schreiben. Das abgedruckte Foto der vermeintlichen Autorin ist ein Symbolbild. Dasselbe Foto nutzen auch Altersheime und Lieferdienste, um Werbung zu machen. Die angeblichen Illustratoren «Theo Moosherz» und «Leonhard Weber» existieren online nur auf der Website des Kohl-Verlags. Wie oft die Hefte bisher verkauft wurden, will der Verlag gegenüber dem Magazin nicht sagen.
Auch bei uns erhältlich
Die Bücher landeten wohl nicht nur in deutschen Klassenzimmern. Auf Galaxus waren Titel der Reihe erhältlich. «Wir sind gerade dabei, die Bücher aus dem Sortiment zu nehmen», schreibt Tobias Heller, Communications Manager des Online-Händlers Digitec Galaxus auf Anfrage. Am Dienstagmorgen war das Rechenheft nicht mehr auffindbar. Es gebe ein grundsätzliches Problem: «Da es noch keine klaren Richtlinien oder Deklarierungspflichten für Verlage gibt, ist es eine grosse Herausforderung, KI-Bücher frühzeitig zu erkennen», so Heller. Galaxus scanne das Sortiment laufend und deaktiviere bekannte KI-Verlage. Die Schwierigkeit: Einige Verlage eröffneten Zweigstellen und schufen so ein «fast undurchsichtiges Netzwerk». «Die perfekte Lösung zur systematischen Identifikation haben wir auch noch nicht gefunden», räumt Heller ein.
Gegenüber dem «Tagesspiegel» sagt ein Vertreter von Kohl, dass die Kritik als Anlass diene, «die einzelnen Punkte gründlich zu betrachten und Missstände zu beheben». Die betroffenen Hefte sind mittlerweile von der Firmen-Website verschwunden. Laut Kohl soll jetzt geprüft werden, ob weitere Publikationen von ähnlichen Fehlern betroffen sein könnten. Die Frage, ob die Autorin und die zwei Illustratoren tatsächlich existieren, liess der Verlag hingegen unbeantwortet.