Darum gehts
- Schweiz diskutiert Individualbesteuerung: Jede Person zahlt künftig unabhängig Steuern.
- Zehn Kantone lehnen die Reform ab und fordern ein Kantonsreferendum.
- Umfrage: Nur 31 Prozent unterstützen Individualbesteuerung, 55 Prozent bevorzugen Splitting.
Mit der Individualbesteuerung steht ein grundlegender Umbau des Schweizer Steuersystems zur Debatte. Künftig würde jede Person unabhängig vom Zivilstand separat besteuert und müsste eine eigene Steuererklärung einreichen. Der Systemwechsel beträfe nicht nur die direkte Bundessteuer, sondern auch Kantone und Gemeinden, die ihre Tarife und Sozialabzüge neu ausgestalten müssten.
Gegen die Vorlage regt sich vor allem auf kantonaler Ebene Widerstand. Zehn Kantone haben das Kantonsreferendum ergriffen, auch die Konferenz der Kantonsregierungen lehnt die Individualbesteuerung ab. Sie argumentieren, bestehende Modelle wie Splitting- oder Sonderabzugssysteme reichten aus, um die steuerliche Benachteiligung von Ehepaaren abzufedern.
Kritische Stimmen aus der Leserschaft
Auch unsere Community zeigt sich in einer Blick-Umfrage überwiegend skeptisch gegenüber dem geplanten Systemwechsel. So bevorzugen 53 Prozent als Ersatz für die Heiratsstrafe die bewährten Splitting-Modelle, während die Individualbesteuerung mit 31 Prozent deutlich weniger Zustimmung erhält. Weitere Modelle wie der Einheitstarif mit Sonderabzug (7 Prozent), Doppeltarif (5 Prozent) und Familienquotient (4 Prozent) finden kaum Anklang.
Kritiker wie Peter Sturzenegger bringen diese Argumente auch in der Kommentarspalte vor: «Heute können alle Familien steuerneutral selber festlegen, wer wie viel zum Haushaltseinkommen beiträgt. Mit der Individualbesteuerung ist das nicht mehr der Fall**,** und die Steueroptimierung findet auch innerhalb der Familie statt. Wenn man die Progression mindern möchte ohne die grossen Nachteile, die eine Individualbesteuerung mit sich bringt, dann tut es auch eine festgeschriebene Splitting-Quote.»
Kantonale Modelle finden Anklang
Ueli Siegenthaler warnt vor den versteckten Kosten der Reform: «Die Vorlage zwingt einzig und allein jeden Kanton, wie heute, auf ein einheitliches Steuersystem. Nur eben ein neues, mit Entwicklungskosten in unbekannter Höhe, Personalkosten in unbekannter Höhe, unklaren Regeln zu Abzügen und Kompensationen von wegfallenden Steuern. Das Einzige, was klar ist, ist das Bürokratiemonster.»
Für Anton Rebli gibt es bei der Initiative zwei Haken: Er kritisiert, dass «Ehepaare in Zukunft zwei individuelle Steuererklärungen abgeben müssen» und findet, man sollte «wählen können, ob individuell oder gemeinsam besteuert wird». Ausserdem bemängelt er, dass das Vermögen aufgeteilt wird, was kompliziert sein könne. Seiner Meinung nach «sollte es einfach durch zwei geteilt werden». Zusätzlich fragt er: «Warum macht man es nicht einfach mit dem Vollsplitting: Eine Steuererklärung, Einkommen und Vermögen durch zwei geteilt und darauf die Steuertarife angewandt. Braucht keinen zusätzlichen Verwaltungsaufwand.»
Margrit Voegelin spricht sich ebenfalls gegen die Individualbesteuerung aus und plädiert für kantonale Lösungen. «Die Individualbesteuerung braucht es nicht. Sie kostet viel zu viel wegen des enormen Papierkrams und Personalaufwands. Das kann man ganz anders lösen. Viele Kantone wenden schon das Splitting an!»
Andere Stimmen, andere Perspektiven
Ganz anders sieht dies Jörg Hanspeter: «Vollsplitting ist meines Erachtens sogar schlimmer als die Individualbesteuerung. Es verschafft ungerechtfertigte Steuervorteile. Die Regelungen für Verheiratete sind ein Paket mit Vor- und Nachteilen und müssen, falls nötig, als Ganzes neu definiert werden.»
In einem ähnlichen Tenor äussert sich Andreas Stoll: «Leider haben die Kantone trotz ihrer gegenteiligen Aussagen die Heiratsstrafe noch immer nicht abgeschafft. Was auf den ersten Blick gut tönt, zeigt bei genauerem Hinschauen, wie kompliziert und dennoch nicht gleichberechtigt die Steuersysteme sind.» So werde etwa ein verheiratetes Paar mit zwei Kindern, bei dem beide Eltern Teilzeit arbeiten, deutlich höher besteuert als ein Konkubinatspaar mit identischen Rahmenbedingungen. Für Stoll ist deshalb klar: «Ja zur Initiative und Abschaffung dieser Ungleichbehandlung – die gleichen Bedingungen auch für unsere Ehepaare!»
Auch Andi Meier sieht die Individualbesteuerung als notwendigen Fortschritt. «Die Kantone haben ein komplexes Monster aufgebaut. Fortschritt ist schwer, aber er wird sich lohnen. Wenn das neue System drei bis vier Jahre in Betrieb ist, werden die Kantone froh sein», kommentiert er.