IMS-Pflichtpraktikum sorgt für Ärger
«Über 100 Bewerbung gesendet, nur Absagen»

Ein Vater aus dem Aargau kämpft um einen Praktikumsplatz für seinen Sohn an der IMS in Baden – eine Pflicht, die für den Abschluss nötig ist. Inzwischen melden sich weitere Eltern zu Wort. Für unsere Community ist klar: Schuld sei das Ausbildungssystem.
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Der Hilferuf von Kai Gerwig wurde nach eigenen Angaben gut 35'000 Usern angezeigt.
Foto: Screenshot Linkedin

Darum gehts

  • Ein 17-Jähriger aus dem Aargau findet keinen Praktikumsplatz für Informatikabschluss
  • Eltern kritisieren IMS-Ausbildungssystem wegen fehlender Unterstützung bei Praktika
  • Ein Schüler schickte über 100 Bewerbungen, erhielt aber nur Absagen
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.

Ein 48-jähriger Familienvater aus dem Aargau sorgt sich um die berufliche Zukunft seines 17-jährigen Sohnes. Der Jugendliche besucht die Informatikmittelschule (IMS) an der Kanti Baden und absolviert dort die Ausbildung zum Informatiker EFZ mit Berufsmaturität. Nach drei Jahren Schule ist ein einjähriges Praktikum obligatorisch – ohne diese Stelle gibt es keinen Abschluss.

Doch genau hier liegt das Problem: Trotz Bewerbungen hat der 17-Jährige bislang keinen Praktikumsplatz gefunden. Die Konkurrenz ist gross, da sich zahlreiche IMS-Schülerinnen und -Schüler aus verschiedenen Kantonen auf die wenigen verfügbaren Stellen bewerben. Bereits eine Einladung zum Vorstellungsgespräch sei schwierig zu bekommen, so der Vater. Aus Frust und Sorge wandte er sich auf Linkedin an die Öffentlichkeit und bat um Unterstützung.

Eltern schildern ähnliche Erfahrungen

Wie sich zeigt, steht er mit seiner Sorge nicht allein da. Mehrere Eltern meldeten sich bei Blick mit ähnlichen Erfahrungen. So berichtet Leser Michel Tuma: «Auch unser Sohn war bei der IMS in Baden. Er hat eins zu eins das Gleiche erlebt.» Unterstützung von der Schule habe es dabei keine gegeben. 

Auch Leserin Simone Kasper, deren Sohn die IMS in Basel-Stadt besucht, schildert ähnliche Probleme. Sie haben unzählige Bewerbungen verschickt, auch Blindbewerbungen, doch alle blieben ohne Erfolg. «Ich finde es schlimm, dass die Schule damit wirbt, es gäbe nach drei Jahren Schule genügend Praktikumsstellen. In der Klasse meines Sohnes haben von elf Schülern fünf einen Praktikumsplatz. In der Parallelklasse sind es gerade einmal zwei von zwölf Schülern. Für mich ist die Schule auf keinen Fall eine Empfehlung. Das System funktioniert so nicht», betont Kasper. 

Mario D'Ignoti Parenti erzählt ebenfalls von einer vergleichbare Situation. Seinem Sohn sei exakt dasselbe passiert. «Er hat die Ausbildung selbst bezahlt, ist jetzt im 1. Lehrjahr als Berufsumsteiger zum Informatiker EFZ Applikationsentwickler und findet keine Praktikumsstelle. Er hat über 100 Bewerbungen verschickt, nur Absagen.» 

Kritik am Ausbildungskonzept

In unserer Kommentarspalte wird die Problematik intensiv diskutiert. Leser Urs Keller etwa kritisiert das Konzept des Ausbildungssystems grundsätzlich. Ausbildungspraktika seien in der Schweiz eher unüblich. «Entweder man macht eine Lehre direkt in einem Betrieb, oder man macht die Ausbildung in einem Ausbildungszentrum, welches auch dafür sorgt, dass man danach einen Praktikumsplatz bekommt für das letzte Lehrjahr. In der Industrie gibt es solche Ausbildungszusammenschlüsse.» Hier scheine dies nicht der Fall zu sein. «Da man ohne das Praktikum die Lehre nicht abschliessen kann, scheint das Konzept der IMS nicht ganz durchdacht zu sein.» 

Ähnlich argumentiert Kurt Frey. Er ortet das Problem klar bei der Schule. Es gebe zu wenige Lehrstellen für Informatiker, gleichzeitig aber sehr viele Interessenten. «Da springen die Schulen in die Bresche, aber das Problem ist damit nicht gelöst. Die Schulen verzögern das Problem einfach, was noch schlimmer ist.» Wenn ein Praktikum Pflichtbestandteil der Ausbildung sei, müsse die Schule zumindest unterstützen oder idealerweise vertraglich gesicherte Praktikumsplätze anbieten. «Andernfalls verspricht sie eine Ausbildung, die gar nicht möglich ist. Aber wer weiss schon drei Jahre im Voraus, dass er einen Praktikanten brauchen kann, gerade in der sich so schnell wandelnden IT.»

«Das System ist krank!»

Patrick Renold betont die strukturelle Dimension des Problems: «Es ist echt schwer zu ertragen, wenn junge Leute eine Ausbildung machen und noch vor dem 20. Altersjahr erfahren müssen, was es heisst, nicht gebraucht zu werden.» Dies sage viel über den Bildungsmarkt aus. «Komplett am Markt vorbei. Diesem jungen Mann kann man keinen Vorwurf machen. Das System ist krank!», ergänzt Renold.

Peer Bivol betrachtet die Situation differenzierter: «Wenn man keinen Platz findet, kann man das EFZ und die Berufsmaturität nicht abschliessen. Wer sich für die IMS entscheidet, muss sich bewusst sein, dass man sich sehr intensiv und kompetitiv um diese Stelle bewerben muss – fast wie auf einen richtigen Job nach dem Studium.»

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