Seco erklärt das IT-Chaos
Über 15'000 Betroffene warten nach wie vor auf ihr Arbeitslosengeld

Das Seco schätzt die ausstehenden Zahlungen per Donnerstag auf knapp 75 Millionen Franken. Bis wann die IT-Probleme behoben sind, bleibt weiterhin offen. Man arbeite an Lösungen, so die Behörde.
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Tausende Arbeitslose warten in der Schweiz auf ihr Taggeld.
Foto: zVg

Darum gehts

  • Technische Probleme bei neuem IT-System erschweren seit Januar Arbeitslosengeldauszahlungen
  • 75 Millionen Franken ausstehend, betroffen sind über 15'000 Personen
  • Asal 2.0 kostete 200 Millionen und ist langsamer als Vorgänger
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Martin SchmidtRedaktor Wirtschaft

«Offensichtlich ist nicht alles richtig gelaufen, sonst wären wir heute nicht hier», bedauert Jérôme Cosandey (55) vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) am Berner Hauptsitz. «Wir haben gewisse Risiken identifiziert, aber falsch eingeschätzt», führt der Leiter der Direktion für Arbeit aus. Seine Aussagen tätigt er im Rahmen einer Seco-Pressekonferenz zu den neuen Arbeitslosenzahlen. 

Das zentrale Thema ist aber das grosse «IT-Puff» beim Seco: Seit der Umstellung auf das neue Auszahlungssystem Anfang Januar kämpfen die Behörden und Arbeitslosenkassen mit riesigen technischen Problemen. Nach wie vor warten Tausende Personen auf ihre Arbeitslosengelder, die sie eigentlich im Januar hätten erhalten sollen. Wie viele genau, wollen oder können die Verantwortlichen an der Pressekonferenz nicht beantworten.

Wochen oder Monate bis zur Normalität

Das Seco schätzt die ausstehenden Zahlungen per 5. Februar auf knapp 75 Millionen Franken. Rechnet man mit dem Schweizer Medianlohn für Vollzeitbeschäftigte, wären knapp 15’000 Personen betroffen. Da jedoch viele aus einer Teilzeitbeschäftigung in die Arbeitslosigkeit gerutscht sind, dürfte die effektive Zahl der Betroffenen um mehrere tausend Personen höher liegen.

Einige geraten deshalb in Zahlungsschwierigkeiten und können beispielsweise die Miete nicht begleichen. Die Situation sei für die Betroffenen belastend und habe bei einigen auch finanzielle Probleme zur Folge, bedauert Cosandey. «Ich hoffe, dass wir in den kommenden Wochen und Monaten zurück zur Normalität kommen.» Einen genauen Zeitrahmen könne man nicht nennen.

Mehrarbeit wegen steigender Arbeitslosenzahlen

Aktuell sind die Arbeitslosenkassen mit verstärkten Ressourcen dran, den Rückstau bei den Neuanmeldungen abzuarbeiten. Hier sind im Januar wieder einige hinzugekommen: Die Arbeitslosenquote stieg von 3,1 auf 3,2 Prozent. Nun prüfen die Behörden mit den Arbeitslosenkassen eine Erleichterung der Anspruchsprüfungen.

Bei laufenden Bezügern von Arbeitslosengeldern würden die Zahlungen inzwischen meist mit ein bis drei Tagen Verzögerung erfolgen, beteuern die anwesenden Vertreter der Arbeitslosenkassen.

Der Wechsel auf das neue IT-System Asal 2.0 war ein Mammutprojekt. Knapp zehn Jahre hat es gedauert und rund 200 Millionen Franken verschlungen. Aktuell läuft das System aber langsamer als sein Vorgänger aus dem Jahr 1980. 

Bereits Probleme bei der Teileinführung 2023

Waren die Probleme nicht vorhersehbar? Mit dieser Frage werden Jérôme Cosandey und Martin Godel (52), Leiter Arbeitsmarkt und Arbeitslosenversicherung beim Seco, an der Pressekonferenz mehrfach konfrontiert. Godel betont, wie komplex das System sei. Es sei zu Komplikationen gekommen, die so in der Testumgebung gar nicht auftauchen konnten. «Deren Anzahl hat uns dann aber überrascht», gibt er zu. Gemäss Seco ist es zu elf grösseren technischen Zwischenfällen gekommen, die man alle beheben konnte. 

Bereits die Teileinführung von Asal 2.0 im April 2023 im Bereich Kurzarbeits- und Schlechtwetterentschädigung «verlief nicht reibungslos und machte diverse Mängel deutlich», schrieb die Eidgenössische Finanzkontrolle damals in einem Prüfbericht. Ob es dabei auch zu Zahlungsverzögerungen gekommen ist, bleibt an der Pressekonferenz unbeantwortet. «Wir haben damals alle Beanstandungen behoben und daraus unsere Lehren gezogen. Der Support war 2023 ungenügend. Deshalb haben wir aktuell rund 120 IT-Spezialisten dabei, die Hälfte inhouse, die anderen zugekauft», sagt Cosandey. 

Das Personal leiste derzeit Extraschichten. Kurzfristig sollen die Auszahlungen erleichtert werden. Später sollen zusätzliche Server die Systemleistung verbessern.

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