Darum gehts
- Zwei Drittel der VW-Vorstände sehen eine «existenzbedrohend» schlechte Konzernperspektive
- Trotz 1,56 Milliarden Euro Gewinn drohen 35'000 Stellenstreichungen und Werksschliessungen
- VW mit 34 Milliarden Euro Liquidität, verliert aber Marktanteile an Toyota
Wieder ein Beben bei VW! Genau zur Hauptversammlung Mitte Juni sickerte eine geheime Manager-Umfrage durch. Das Resultat ist ein Schocker: Zwei Drittel der VW-Vorstände halten die Lage des Autogiganten für «existenzbedrohend». Gehen in Wolfsburg bald die Lichter aus?
Das ist natürlich völliger Quatsch. Zum Teil hat die Meldung einen konzernpolitischen Hintergrund, andererseits ist sie auch ein Spiegelbild der Mutlosigkeit, Planlosigkeit und Selbstzerfleischung, die offensichtlich ganz Deutschland ergriffen hat.
Einbruch, dennoch bleiben 1,56 Milliarden Gewinn
Fakt ist: Der Gewinn bricht im ersten Quartal 2026 zwar um fast 30 Prozent ein. Trotzdem verdient VW unter dem Strich immer noch fette 1,56 Milliarden Euro. Jeder normale Kaufmann weiss: Eine Milliarde ist nicht nichts. Deshalb ist die Berichterstattung über den Konzern in grossen Teilen hemmungslos überzogen. Ja, die deutsche Autoindustrie hat schon einmal rosigere Zeiten gesehen. Aber heute scheint völlig vergessen gegangen zu sein, wie eine wirkliche VW-Krise aussehen kann.
Fall 1: Die Perspektivlosigkeit der frühen 1970er, als man viel zu lange am luftgekühlten Boxer im Heck festhielt. Ab 1974 gelang mit Polo, Golf, Passat und Co. mit grosser Hilfe der damals aufgekauften Neutochter Audi eine Totalmodernisierung binnen kürzester Zeit. Ohne diesen fehlerfreien Turnaround gäbe es VW heute wohl nicht mehr.
Fall 2: Genau 20 Jahre später folgte die nächste existenzielle Krise: VW war in ein biederes Image zurückgefallen. Zusätzlich drückten hohe Produktionskosten und Qualitätsmängel. Aber dann kam 1993 Ferdinand Piëch (1937–2019) ans Steuer. Der Verlust im ersten Quartal seines Amtsantritts lag nach heutiger Kaufkraft fast so hoch wie der aktuell ausgewiesene Gewinn. Piëch riss das Ruder auf beeindruckende Weise herum. Trotz oder gerade wegen seines genialen Grössenwahns mit Luxusprojekten wie Phaeton oder Bugatti baute er das Fundament für den Aufstieg zum weltgrössten Autobauer.
Mit Horrormeldungen Gewerkschaften besänftigen
Wie passen also ein Milliarden-Quartalsgewinn 2026 und eine Netto-Liquidität von 34 Milliarden Euro am Ende des Geschäftsjahres 2025 mit dem internen Urteil «existenzbedrohend» zusammen? Nun, Horrormeldungen sind ein probates Mittel, um Gewerkschaften zu bändigen und harte Massnahmen durchzusetzen. Der Konzern hat sich mit der IG Metall bereits auf den Wegfall von 35'000 Arbeitsplätzen geeinigt. Jetzt soll der Druck offenbar nochmals erhöht werden. Plötzlich drohen wieder Werksschliessungen in Deutschland – bisher ein absolutes No-Go.
In der jüngeren Vergangenheit passierten katastrophale Fehler. Allen voran die Ambition des Ex-Chefs Herbert Diess (68), ein Mini-Musk werden zu wollen. Auch die sonst so umsichtige Porsche-Piëch-Familie trifft Schuld – weil sie Diess gewähren liess. Zu früh alles auf die Elektrokarte zu setzen, kostete den Konzern viel Geld. Aber noch schlimmer: auch viel Substanz in den Bereichen Entwicklung, Produktportfolio und Kundenvertrauen.
China subventioniert Europa nicht mehr mit
Viele Jahre lieferte sich VW mit Toyota ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die Weltspitze im Automobilbau. Inzwischen sind die Japaner davongezogen. Toyota bedient weltweit jeden Markt nach Mass. Das sichert die Japaner gegen politische Launen einzelner Länder ab. Für den VW-Konzern gilt: Das bisher so profitable China-Geschäft wird in Zukunft in China selbst stattfinden. Es kann also nicht mehr mithelfen, das aufgeblähte, verbeamtete Bürokratiemonster Wolfsburg am Leben zu halten.
Und das US-Geschäft ist eine einzige, selbstverschuldete Katastrophe. Das Kundenvertrauen ist dort unterirdisch. In der jährlichen Zuverlässigkeitsstudie von J. D. Power belegt Volkswagen unter 31 Herstellern den letzten Platz. Audi liegt nur drei Plätze davor. Warum? Weil sich die Wahrnehmung betreffend das Auto völlig verändert hat.
Die Mechanik, noch immer Domäne deutscher Ingenieure, spielt für Kunden in Amerika (und nicht nur dort) praktisch keine Rolle mehr. US-Kunden wollen statt deutscher Vorzeigemechanik fehlerfreie Software und Infotainment. Genau hier patzt VW. Das US-Desaster hat aber noch einen fiesen Grund: eine hyperempfindliche Abgas-Warnleuchte – wohl eine Spätfolge des Dieselskandals, der VW in den USA bereits 25 Milliarden Dollar kostete.
Die VW-Produkte sind weit besser als ihr Ruf
Das wirklich Tragische an der aktuellen VW-Situation ist aber, dass gesamthaft betrachtet die Produkte weitaus besser und attraktiver sind als das Bild des Konzerns in der Öffentlichkeit. Sicher, bei den Verbrennern braucht es wieder ein breiteres Angebot – doch das wird kommen. Bei den E-Modellen läuft es jetzt schon grossartig. Da gelang es im Vorjahr mit den europaweiten Verkäufen, Tesla vom Thron zu stossen. Allerdings muss die Produktion profitabler werden, denn der übrig gebliebene Gewinn kommt von den Verbrennern.
Toyota und BMW machen derzeit vor, wie der zweifellos vorhandene Systemwandel in der Autoindustrie möglichst schmerzfrei funktioniert: Einfach alles bestmöglich anbieten und dann auf die Schwarmintelligenz der Kunden vertrauen.
Ferdinand Piëch hatte einst eine klare Vision von attraktiven Modellen zu leistbaren Preisen. Das klingt irgendwie nach einem ewig gültigen Erfolgsrezept. VW braucht wieder ein anpackendes Genie wie Piëch. Sonst behalten die jammernden Vorstände am Ende recht.