Darum gehts
Donald Trump (79) lässt die Muskeln spielen. Vor Irans Küste sammelt sich eine US-Flotte, Flugzeugträger und Begleitzerstörer. Und doch sagt der US-Präsident, er hoffe, die Waffen nicht einsetzen zu müssen. «Wir haben gerade sehr viele sehr grosse, sehr mächtige Schiffe unterwegs Richtung Iran – und es wäre grossartig, wenn wir sie nicht nutzen müssten.» Gleichzeitig stellt Trump Teheran ein klares Ultimatum. Um einen Militärschlag zu verhindern, müsse der Iran zwei Dinge tun, sagt er: «Erstens keine Atomwaffen. Und zweitens aufhören, Demonstranten zu töten.» Gespräche habe es bereits gegeben. Weitere seien geplant.
Im Zentrum der amerikanischen Planspiele steht ein Name: Ali Chamenei (86). Irans Revolutionsführer, religiöse Autorität, Machtzentrum des Regimes. Wer ihn trifft, trifft das System selbst. Doch ein Angriff auf ihn birgt erhebliche Risiken.
Der Reiz des Enthauptungsschlags
In Washington wird über eine Option diskutiert, die militärisch als sauber gilt, politisch aber hochexplosiv ist: den «decapitation strike», den Enthauptungsschlag im Iran. Die Idee dahinter: kein Einmarsch, kein jahrelanger Krieg. Stattdessen ein gezielter Angriff auf die Führungsspitze, um das System von innen heraus zu destabilisieren.
Trump kennt diese Logik. In Venezuela setzte er monatelang auf massiven Militärdruck, um das Regime zu einem Deal zu zwingen. Als das nicht funktionierte, folgten ein Angriff und die Festnahme von Nicolás Maduro (63).
Auch im Juni 2025 wählten die USA gemeinsam mit Israel einen ähnlichen Ansatz gegen den Iran: kurze, präzise Schläge auf Nuklearanlagen. Trump verkündete danach, Irans Atomprogramm sei praktisch ausgeschaltet. Das Regime aber blieb. Ein Schlag gegen Chamenei wäre die nächste Eskalationsstufe.
Der ideale Gegner
Iran ist dabei der ideale Gegner: Die Führung ist verhasst im republikanischen Lager. Ein Konflikt, der sich verkaufen lässt und der von innenpolitischen Problemen ablenkt – von wirtschaftlichem Druck, politischen Affären oder schwindender Zustimmung. Trumps Kalkül folgt dabei einem bekannten Muster: maximale Drohkulisse, unklare Absichten, permanente Eskalationsbereitschaft. Wer zuerst zuckt, verliert.
Doch genau hier beginnt das Risiko.
Denn selbst innerhalb der US-Regierung ist klar: Niemand weiss, was nach Chamenei käme. Der Revolutionsführer ist nicht nur politisches Oberhaupt, sondern auch religiöse Autorität. Sein Tod oder Sturz würde kein kontrollierbares Machtvakuum schaffen, sondern eine heikle Machtfrage auslösen, auf die das System nur begrenzt vorbereitet ist.
Die Machtfrage nach Chamenei
Formell sieht die iranische Verfassung zwar eine Nachfolgeregelung vor. Der oberste Führer wird vom Expertenrat bestimmt, einem Gremium aus 88 schiitischen Geistlichen. Doch der Spielraum ist gering: Zugelassen sind faktisch nur regimetreue Hardliner. Fachleute rechnen daher nicht mit einer starken neuen Führungsfigur, sondern eher mit einem schwachen Konsenskandidaten – oder sogar mit einem kollektiven Führungsgremium.
Die Hoffnung, ein Nachfolger könnte westlicher oder verhandlungsbereiter sein, wirkt eher wie Wunschdenken. Iran hat über Jahrzehnte gelernt, externen Druck in interne Geschlossenheit zu übersetzen. Ein Enthauptungsschlag könnte das System schwächen – oder es brutal einen.
Regionale Eskalation droht
Hinzu kommt die regionale Dimension. Iran ist kein isolierter Akteur, sondern ein Knotenpunkt bewaffneter Netzwerke. Ein Angriff auf die Führung würde kaum folgenlos bleiben: Vergeltungsschläge gegen US-Stützpunkte, Angriffe auf Israel, Destabilisierung im Persischen Golf. Eine Eskalationsspirale, die sich nicht mehr kontrollieren lässt – selbst von einem Präsidenten, der auf schnelle Siege setzt.
Trump sagt zwar, er wolle keinen Krieg. Er sagt, er hoffe auf Gespräche. Gleichzeitig lässt er Kriegsschiffe auffahren und Bedingungen diktieren. Ein Schlag gegen Chamenei könnte das Regime erschüttern. Er könnte aber auch genau das auslösen, was Trump vorgibt, vermeiden zu wollen: eine Eskalation, die ausser Kontrolle gerät.