Darum gehts
- Jeffrey Epstein war enger mit der Schweizer Finanzwelt vernetzt als bisher bekannt
- Neue Akten zeigen Kontakte zu Schweizer Bankern und jungen Frauen
- Über drei Millionen Seiten Dokumente vom US-Justizministerium geben neue Einblicke
Der verurteilte Sexualstraftäter Jeffrey Epstein (1953–2019) war enger mit der Schweiz verbunden als bisher bekannt. Neue Akten aus den USA zeigen: Der Multimillionär tauschte sich über Jahre mit Bankerinnen, Top-Finanzern und einflussreichen Namen aus Genf, Zürich und Verbier aus. Dabei vermischten sich Finanzkontakte mit seiner systematischen Suche nach jungen Frauen.
Epstein bewegte sich nicht nur im Umfeld amerikanischer Eliten. Neue, nun freigegebene Dokumente aus den USA legen offen, wie tief der verurteilte Sexualstraftäter auch im Schweizer Finanzplatz vernetzt war – selbst nach seiner ersten Verurteilung. Die neuen Akten zeigen, wie der verurteilte Sexualstraftäter in der Schweiz systematisch Beziehungen pflegte, vorab Frauen aus Russland und der Ukraine finanziell an sich band und Abhängigkeiten schuf. Parallel dazu war er im Umfeld des Schweizer Bankenplatzes bestens vernetzt.
Die über drei Millionen Seiten umfassenden Dokumente, die das US-Justizministerium veröffentlicht hat, enthalten zahlreiche E-Mails mit klarem Bezug zur Schweizer Finanzwelt, wie Recherchen der «NZZ am Sonntag» offenlegen. Die Dokumente zeigen Treffen in Genf, Feriengrüsse aus Verbier, Kontakte nach Zürich – und ein Umfeld, in dem Bankgeschäfte, gesellschaftliche Nähe und die Vermittlung junger Frauen ineinandergriffen.
«Ein gutes Mädchen, vielleicht»
«jeevacation@gmail.com» war Epsteins primäre E-Mail-Adresse nach seiner Verurteilung und Entlassung aus dem Gefängnis – bis zu seiner Verhaftung im Jahr 2019. Besonders brisant ist der E-Mail-Austausch zwischen Epstein und einer jungen Russin, die 2015 mehrere Monate bei einer Zürcher Privatbank arbeitete. In ihren Nachrichten nennt sie Epstein ihren «amerikanischen Mentor». Ab einem gewissen Zeitpunkt schreibt sie ihm sogar über ihren offiziellen Bank-Account.
Die Frau berichtet ihm von ihrem Traineeship, das sie laut eigener Aussage nur deshalb absolvieren könne, weil sie mit russischem Pass keinen regulären Vertrag erhalten habe. Epstein soll ihr in Aussicht gestellt haben, Studiengebühren an einer Elite-Universität zu übernehmen.
In mehreren Mails schlägt sie Epstein junge Frauen aus ihrem Umfeld vor – vorsichtig formuliert, aber auffällig systematisch. Über eine Bekannte schreibt sie, sie sei «ein gutes Mädchen, vielleicht». Eine andere sei früher Model gewesen und träume von New York.
Feriengrüsse und Machtkontakte
Opferanwälten zufolge setzte Epstein in Europa offenbar gezielt Mittelsleute ein, um Frauen anzuwerben – oft mit dem Versprechen von Geld, Kontakten oder Karrieren in Mode und Finanzwelt. Die neuen Akten beleuchten auch Epsteins enge Beziehung zur Familie Rothschild. Besonders auffällig ist der Austausch mit Ariane de Rothschild (60), CEO der Genfer Privatbank Edmond de Rothschild.
Die beiden verabreden sich zu Treffen in Genf, Paris und New York, tauschen Ferienbilder aus Afrika und der Karibik – und diskutieren offen über Top-Personal der Schweizer Banken. In einer E-Mail erwähnt de Rothschild, die UBS könne an einem Kauf ihrer Schweizer Einheit interessiert sein. Epstein rät ihr, die Sache genau zu prüfen. Kurz darauf schreibt sie, sie wolle UBS-CEO Sergio Ermotti (65) treffen.
Eine Sprecherin der Bank erklärte auf Anfrage, es habe sich lediglich um eine geschäftliche Bekanntschaft gehandelt. Zu privaten Inhalten der Korrespondenz wolle man sich nicht äussern.
«Bist du auf der Insel»
Auch der Name Jes Staley (69), ehemaliger UBS-Verwaltungsrat und Ex-Chef von Barclays, taucht in den Dokumenten auf. Im Mai 2015 – kurz nach seiner Wahl in den UBS-Verwaltungsrat – schreibt Staley Epstein eine persönliche Mail und fragt: «Are u on the Island?» – «Bist du auf der Insel?»
Gemeint ist mutmasslich Epsteins Privatinsel Little Saint James, auf der der Sexualstraftäter über Jahre hinweg Minderjährige missbraucht haben soll. Staley hatte eingeräumt, Epstein mehrfach besucht zu haben, bestreitet jedoch jede Kenntnis illegaler Vorgänge.
Wer wusste was?
Mit jeder neuen Aktenveröffentlichung wird deutlicher, wie weit Epsteins Netzwerk reichte – bis in die Schweiz, mitten in den Bankenplatz. Die Dokumente zeigen keine strafrechtlichen Beweise gegen Schweizer Banken oder Banker. Doch sie werfen Fragen auf: Wie konnte Epstein selbst nach seiner Verurteilung derart selbstverständlich in höchsten Finanzkreisen verkehren? Und wer wusste was?
Das US-Justizministerium erklärt die Aktenfreigabe nun für abgeschlossen. Die öffentliche Aufarbeitung der Millionen Dokumente, Videos und Fotos beginnt jedoch erst – auch hierzulande.