Epsteins intime Chats mit Frauen hierzulande
«Kuss aus der Schweiz, mein gefährlicher Jeffrey»

Epsteins Kontakte zu jungen Frauen in der Schweiz waren intensiver als bisher bekannt. Er chattete ausgiebig mit ihnen – und zahlte Hotels, Flugtickets und Ausbildungen.
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Die US-Regierung hat neue Dokumente im Fall des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein veröffentlicht.
Foto: keystone-sda.ch

Darum gehts

  • US-Ermittlungsakten zeigen Epsteins Verbindungen zu Frauen aus der Schweiz
  • Epstein zahlte einer Russin 34’510 Franken für Eliteschule am Genfersee
  • Die Frauen tauschten mit Epstein intime Nachrichten aus
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.

«Hallo aus der Schweiz!» steht im Betreff eines E-Mails an Jeffrey Epstein (1953–2019) – abgeschickt am 1. Oktober 2014. Die Absenderin zitiert aus dem Roman «Lolita»: «Nichts ist konservativer als ein Kind, besonders ein Mädchen (...), so geheimnisvoll wie eine Nymphe im Dunst der Oktober-Obstgärten». Die Frau schreibt von «Assistentinnen», die es zu finden gelte – «damit du (Epstein, Anm. d. Red.) mit ihnen machen kannst, was du willst ... hmm …mein gefährlicher Jeffrey ;)». Am Ende des Schreibens steht: «Kuss aus der wunderschönen Schweiz».

Am Freitag hat das US-Justizministerium drei Millionen weitere Seiten Ermittlungsakten freigegeben. Der Aktenberg enthält neue Details über Epsteins Missbrauchsring. Wie der New Yorker Financier jahrelang minderjährige und junge Frauen angeworben und sexuell ausgebeutet hat. Zusammen mit Komplizen, mit Ghislaine Maxwell und weiteren Helferinnen.

Osteuropäerinnen in der Schweiz

Bis alle Dokumente ausgewertet sind, wird es Wochen dauern. Erste Recherchen von Blick offenbaren jedoch neue Verbindungen in die Schweiz. Epstein pflegte systematischen Kontakt zu Frauen hierzulande. Das genaue Ausmass lässt sich nicht abschätzen, da viele der Opfer anonymisiert sind – so schreibt es das US-Gesetz vor.

Doch die Schwärzungen sind teils inkonsequent. So lässt sich feststellen: Epstein stand mit mindestens fünf Frauen in der Schweiz in Kontakt. Die meisten von ihnen stammten aus Russland oder der Ukraine. Viele aus prekären finanziellen Verhältnissen. Sie schrieben Epstein teils intime Mails, tauschten sich mit ihm via Messenger-Dienste aus.

Immer wieder übernahm auch Epsteins Assistentin Lesley Groff die Konversation. Vor allem dann, wenn es um Organisation ging: Flugtickets, Visa, Hotels. Groff gehörte zu Epsteins engstem Kreis. Sie koordinierte Termine, Reisen und liess Mädchen auf Epsteins Privatinsel einfliegen.

34’510 Franken für Eliteschule

Wie Epstein junge Frauen in der Schweiz finanziell von sich abhängig machte, zeigt der Fall einer jungen Russin. Epstein finanzierte ihr einen sechswöchigen Sommerkurs an einer Eliteschule am Genfersee. Kostenpunkt: 34’510 Franken. Dauer: Sechs Wochen im Juni und Juli 2019. Noch während des Kurses wurde Epstein verhaftet, kurz darauf erhängte er sich in seiner Zelle in New York (USA).

Blick liegen E-Mails und Rechnungen vor. Demnach zahlte Epstein das Geld über einen Mittelsmann: Richard Kahn. Der US-Buchhalter war über viele Jahre für Epstein tätig. Er verwaltete dessen Finanzen und Firmenstrukturen und wurde nach Epsteins Tod zum Testamentsvollstrecker des Nachlasses ernannt. Erst kürzlich erhielt Kahn eine Vorladung, um vor dem Aufsichtsausschuss des US-Repräsentantenhauses auszusagen.

Kahn trat nicht nur als Sponsor für die teure Privatschule der Frau in Erscheinung, er organisierte ihr auch Flug- und Zugtickets an den Genfersee. Das erinnert an den Fall einer jungen Balletttänzerin in Genf, der Epstein laut den Zeitungen von Tamedia über mehrere Jahre Tausende Dollar überwies.

«Meine Dankbarkeit ist grenzenlos»

Eine Vertraute von Epstein organisierte der Frau einen Flug nach Miami (USA), wo Epstein einen seiner Wohnsitze hatte. In einem Mail schrieb ihm die Frau: «Lieber Jeffrey, meine Dankbarkeit für dich ist grenzenlos. Ich vermisse es, dir eine Fussmassage zu geben.»

In den neu freigegebenen Akten finden sich weitere E-Mails zwischen Epstein und Frauen in der Schweiz. «Hey Jeffrey, hast du Spass auf deiner Insel?», fragte ihn eine Osteuropäerin im Dezember 2010 – und schickte ihm «einen grossen Kuss» aus der Schweiz.

Andere Frauen berichten Epstein von ihrem Alltag hierzulande. Von der Schule, von ihrer Freizeit. Sie schicken ihm Fotos und Herz-Emojis. Eine schreibt: «Ich verbringe gerade einen faulen Morgen nach dem gestrigen Konzert in Lugano.»

Frauen sprachen Epstein mit «Sir» an

Epsteins Opfer kamen häufig aus schwierigen Verhältnissen. Der Multimillionär stellte verletzlichen Mädchen und jungen Frauen eine Ausbildung oder eine Modelkarriere in Aussicht – letztlich ein besseres Leben. Teil seines Ausbeutungssystems war es, sämtliche Kosten zu übernehmen und damit Abhängigkeiten zu schaffen.

Das zeigt sich auch am Fall einer Frau aus Moskau, die in die Schweiz reiste. In einem E-Mail an Lesley Groff, Epsteins Assistentin, schreibt sie, der «Sir» habe ihr gesagt, sie solle sich «wegen des Geldes» an sie wenden. Sie benötige ein Ticket in die Schweiz, ein Hotel sowie «etwas Geld», um Ausgaben für «Schulausstattung, Ausflüge, Verpflegung usw.» zu decken.

Private Treffen

Weitere Nachrichten belegen, dass Epstein zumindest eine Frau persönlich getroffen hat. In einem SMS vom September 2018 freut sich eine Frau darüber, soeben ein Visum für die Schweiz erhalten zu haben. Sie spricht Epstein mit «Sir» an – eine Anrede, die in den Akten immer wieder auftaucht. «Ich möchte direkt morgen Abend in die Schweiz gehen», schreibt sie. Epstein antwortet prompt: «Perfekt, wie aufregend.» Und fügt hinzu: «Ich komme heute um 11 Uhr zu dir.»

Am nächsten Tag wünscht er ihr per SMS einen guten Flug. Sie bedankt sich «für dieses Abenteuer». Wenige Tage später schickt sie ihm ein Foto, das vermutlich den Genfersee zeigt. «Ich habe das alles dir zu verdanken!!! Vielen Dank!!!!!»

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