Darum gehts
- Iranische Angriffe auf Dubai erschüttern Sicherheit des Emirats
- Influencer betonen Vertrauen in die Regierung, einige fliehen ins Ausland
- Kritik an Behörden wird streng bestraft, Influencer müssen staatliche Vorgaben beachten
Es ist eine Szene, wie sie auf Social Media eigentlich täglich aus Dubai zu sehen ist: ein Beach Club mit einem türkisblauen Pool, umgeben von Palmen und weissen Liegestühlen, dazu elektronische Musik. Der britische Influencer Will Bailey filmte das Geschehen am vergangenen Wochenende.
Dann richtet er plötzlich die Kamera nach oben. «Das war nur wenige Meter von uns entfernt», sagt er sichtlich erschüttert. «Schaut euch das an.» Über den Palmen und Hausdächern steigt eine dunkle Rauchwolke auf. Das Fairmont Hotel in Dubai sei getroffen worden, sagt er. «Oh mein Gott.» Und noch einmal, als ob er es nicht glauben könne: «Oh mein Gott.»
Auch die deutsche Influencerin Ina Aogo (37) berichtet auf Instagram, dass in der Nähe ihres Hauses eine Rakete abgefangen worden sei. Sie hätten «ein paar Sachen fliegen gesehen». Und Fiona Erdmann (37), ebenfalls deutsche Influencerin, erzählt von «Alarm mitten in der Nacht» und Abwehrmanövern, die «so laut waren, dass unsere Türen vibrierten und wir uns alle in Abstellräume verbarrikadiert haben».
Das Image bröckelt
Im Zuge des US-israelischen Kriegs gegen den Iran hat Teheran die Golfregion ins Visier genommen und Drohnen sowie Raketen auf die Vereinigten Arabischen Emirate abgefeuert. Zwar wurden die meisten Geschosse laut der Regierung abgefangen, dennoch gab es Tote und zahlreiche Verletzte. Bilder eines Brands an der Fassade des Luxushotels Burj al Arab und von Rauch über der Stadt gingen um die Welt. In der ersten Kriegsnacht musste das Wahrzeichen der Stadt, der Burj Khalifa, evakuiert werden.
Seitdem hat das Image der Glitzermetropole Risse bekommen. Und die Influencer, einst Markenbotschafter für Dubai und das dortige Luxusleben, berichten plötzlich live aus dem Krisengebiet.
Dabei haben die Golfstaaten in den vergangenen Jahren viel investiert, um ein Bild von Glamour, Luxus und Sicherheit aufzubauen. Insbesondere Dubai wurde zum Symbol dieses Versprechens.
Der Aufstieg der Stadt, die monarchisch-autokratisch von der Familie al-Maktum regiert wird, ist vergleichsweise jung. Dank des Ölbooms verwandelte sich das einstige Fischerdorf am Persischen Golf innerhalb weniger Jahrzehnte in eine Tourismus- und Einwanderungsmetropole. Und in ein Influencer-Mekka.
Strand, Sonne, Steueroase
Die sogenannte Creator Economy wächst rasant. Laut einer Analyse von Goldman Sachs könnte sie bis 2027 weltweit rund 480 Milliarden Dollar wert sein. Auch im Nahen Osten gewinnt sie an Bedeutung: In der Region wird ihr aktueller Wert auf etwa 1,3 Milliarden Dollar geschätzt. In der Golfregion gibt es laut einem Bericht der Influencer-Marketing-Plattform Qoruz rund 263'000 Social-Media-Influencer – 75 Prozent mehr als noch 2023.
Influencer seien ein besonders wirkungsvolles Instrument im Marketing, sagt Andreas Lanz (38), Marketingprofessor an der Universität Basel. «Firmen können heute genau sehen, wie viele Menschen ein Post erreicht und wie viel Umsatz daraus entsteht», sagt Lanz. «Das macht Influencer-Marketing extrem attraktiv.»
Besonders verbreitet ist diese Form der Werbung in Lifestyle-, Beauty- und Reisebranchen – genau jenen Bereichen, die auch das Bild Dubais prägen.
Dass so viele Influencer ausgerechnet nach Dubai ziehen, überrascht Lanz deshalb nicht. «Es wird mit der Idee eines erstrebenswerten Lebens gespielt», sagt er. «Dubai hat Strand, Sonne, Events, eine perfekte Kulisse. Gleichzeitig sind die Steuern extrem niedrig. Gerade für europäische Influencer ist das ein starkes Argument.»
Hinzu komme der Lifestyle-Faktor. «Influencer brauchen ständig Szenarien, um Produkte zu inszenieren: Restaurants, Hotels, Pools, Events. Dubai bietet das ganzjährig und sieht auf Bildern immer ‹picture perfect› aus», sagt Lanz.
Vertrauen in die Regierung
Doch seit den iranischen Angriffen bröckelt dieses Bild. Entsprechend bemühen sich die Behörden, den Eindruck von Normalität zu vermitteln. Das staatliche Medienbüro Dubais veröffentlichte kürzlich ein Video des Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate, Scheich Muhammad bin Zayid al-Nahyan (64), der gemeinsam mit Dubais Kronprinz Hamdan bin Mohammed al-Maktum (43) durch die Dubai Mall spaziert.
Auch in sozialen Netzwerken verbreiten sich entsprechende Botschaften. In einem viralen Trend beantworten Influencer die Frage: «Du lebst in Dubai, hast du keine Angst?» Die Antwort: «Nein, weil ich weiss, wer uns beschützt.» Danach erscheinen Bilder von Dubais Emir, Scheich Mohammed bin Raschid al-Maktum (76) und seinem Sohn Hamdan.
Auffällig viele Influencer betonten in den vergangenen Tagen denn auch, wie sehr sie der Regierung vertrauen und wie sicher sie sich fühlen. Schnell entstand deshalb der Verdacht, dass die Inhalte möglicherweise von staatlicher Seite vorgegeben wurden. Viele Influencer weisen jedoch zurück, unter Druck zu stehen. Gegenüber der «Welt» berichten einige allerdings anonym von Zensur. Eine Influencerin sagte der Zeitung, es habe entsprechende «Telefonate» gegeben.
Kritik verboten
Ob die Regierung tatsächlich Druck ausgeübt hat, bleibt unklar. Fest steht jedoch: Wer in Dubai als Influencer arbeiten will, benötigt eine staatliche Lizenz. Kritik an der Regierung sowie die Verbreitung von Falschinformationen sind nicht erlaubt. Wer gegen diese Richtlinien verstösst, muss mit Strafen oder dem Entzug der Lizenz rechnen.
Entsprechend streng reagieren die Behörden auf kritische Inhalte. Die Dubai-Polizei warnte diese Woche: Wer Gerüchte oder falsche Informationen verbreite und damit «öffentliche Panik» auslöse, müsse mit bis zu zwei Jahren Gefängnis und einer hohen Geldstrafe rechnen.
Auch Andreas Lanz sagt: Die Golfstaaten seien wirtschaftlich stark vom internationalen Image abhängig. «Sie leben vom Tourismus und davon, dass Unternehmen sich dort ansiedeln. Sicherheit ist deshalb ein zentraler Bestandteil ihres Markenversprechens.» Deshalb sei es aus seiner Sicht nur logisch, kommunikativ Einfluss zu nehmen. «Wenn das Bild von Stabilität und Sicherheit bröckelt, steht für die Region wirtschaftlich sehr viel auf dem Spiel.»
Das Leben geht weiter
Während einige Influencer nach Deutschland, Thailand oder in den Oman ausgereist sind, sitzen weiterhin Tausende Touristen fest – darunter auch Schweizerinnen und Schweizer. Am Samstag kam es am Flughafen von Dubai zu einer Explosion. Die Behörden sprechen von abgestürzten Trümmerteilen, Augenzeugen von einem Drohneneinschlag. Der Luftraum wird immer wieder gesperrt, zahlreiche Flüge fallen aus.
Influencerin Fiona Erdmann hält sich inzwischen mit ihrer Familie im Oman auf. In den sozialen Medien reagiert sie dort gereizt auf Kritik. «Dürfen wir nicht einfach unseren Job machen?», fragt sie.
The show must go on. Krieg hin oder her.