Darum gehts
Iran verliert einen weiteren Mann aus dem innersten Machtzirkel. Sicherheitschef Ali Laridschani ist tot. Geheimdienstminister Esmaeil Khatib ist offenbar am Mittwoch ebenfalls getötet worden. Israel und die USA töten gezielt die Führungspersonen des Regimes. Die Strategie dahinter ist klar: Wer die Schaltstellen ausschaltet, schwächt das System.
Kurzfristig stimmt das auch. Laridschani war ein Veteran der Islamischen Republik. In den 1980er-Jahren kämpfte er als Kommandeur der Revolutionsgarde im Krieg gegen den Irak. Danach wechselte er in die Politik: Er leitete die staatliche Medienanstalt Irib, verhandelte als Chefunterhändler in Atomfragen mit dem Westen und war zwölf Jahre lang Sprecher des Parlaments. Als enger Vertrauter Chameneis galt er in Sicherheitsfragen als dessen wichtigster Berater. Sein Tod ist ein Rückschlag für Teheran, aber mehr nicht. Und für die Sicherheit in der Region eine schlechte Nachricht.
Warum «Enthauptung» nicht reicht
Wer nachrückt, ist entscheidend. Namen wie Ex-Präsident Hassan Rohani (77) oder Parlamentschef Mohammad Bagher Ghalibaf (64) kursieren – beide gut vernetzt, aber politisch geschwächt. Gleichzeitig bringen sich laut arabischen Quellen auch Hardliner in Stellung, etwa Saeed Dschalili (60), der für eine deutlich konfrontativere Linie steht.
Klar ist: Das System hat Ersatz. Und der dürfte ideologisch härter sein als seine Vorgänger. Auch an der Spitze zeigt sich das Muster: Nach Chameneis Tod rückte mit seinem Sohn Modschtaba (56) ein Mann nach, der als noch stärker an den Hardlinern der Revolutionsgarden ausgerichtet gilt.
Iran ist kein Staat, der an einzelnen Personen hängt. Die Macht verteilt sich auf mehrere Säulen: die Revolutionsgarden, den Klerus, die Sicherheitsdienste. Dieses Netzwerk ist bewusst so aufgebaut, dass es Verluste auffangen kann. Das zeigt sich jetzt.
Für jeden ausgeschalteten Funktionär gibt es Nachfolger. Die Strukturen bleiben intakt, die Befehlsketten funktionieren weiter. Selbst nach den schwersten Schlägen feuert Iran Raketen ab, organisiert seine Verteidigung und hält die Kontrolle im Innern aufrecht. Auch Geheimdienstkreise gehen laut CNN davon aus: Das Regime lässt sich nicht einfach «wegbomben». Die gezielten Tötungen schwächen es – aber sie brechen das System nicht.
Das eigentliche Risiko: Die Falschen rücken nach
Die grössere Gefahr liegt woanders. Mit Figuren wie Laridschani verschwinden nicht nur Machtträger. Es verschwinden auch die wenigen, die zwischen den Lagern vermitteln konnten. Laridschani war kein Reformer, aber ein Pragmatiker. Einer, der mit Hardlinern und moderaten Kräften gleichzeitig arbeiten konnte – und der überhaupt noch für Verhandlungen infrage kam.
Genau solche Figuren fehlen jetzt. Nachrücken dürften vor allem Hardliner aus den Reihen der Revolutionsgarden – wie Dschalili. Politiker, die ideologisch klarer positioniert sind – und weniger Interesse an Kompromissen haben.
Das verschiebt das Machtgefüge. Das Regime wird zwar schwächer, aber nicht moderater – sondern kompromissloser. Entscheidungen werden weniger abgewogen, Eskalation wird wahrscheinlicher. Ein möglicher Verhandlungskanal fällt weg, bevor er überhaupt genutzt werden kann.
Kaum Hoffnung auf Aufstand
Ein Teil der israelischen Strategie setzt darauf, dass der Druck von aussen das System von innen sprengt. Doch auch hier zeigen sich Grenzen. Zwar gab es zuletzt Proteste im Land. Doch während der Bombardierungen bleibt die Bevölkerung weitgehend von der Strasse fern. Und selbst wenn es zu neuen Aufständen kommt, ist die Lage klar: Die Sicherheitskräfte haben die Kontrolle – und sie sind bereit, Gewalt einzusetzen.
Laut Informationen, die der «Washington Post» zugespielt wurden, gehen selbst israelische Einschätzungen davon aus, dass ein Aufstand brutal niedergeschlagen würde. Ein Umsturz von innen ist damit alles andere als wahrscheinlich.
Ein geschwächtes, aber gefährlicheres System
Die aktuelle Strategie führt zu einer paradoxen Lage. Iran wird getroffen. Die Führung wird ausgedünnt, Entscheidungsprozesse werden schwieriger, das System wirkt fragiler. Gleichzeitig aber wächst der Einfluss jener Kräfte, die auf Konfrontation setzen.
Der Krieg wird damit nicht beendet – sondern könnte sich weiter verhärten und gar ausweiten. Oder anders gesagt: Die Köpfe rollen, das System aber bleibt. Und es verändert sich in eine Richtung, die den Konflikt eher verschärft als löst.