Ungarn steht vor einer Schicksalswahl
Wie Orban seine amerikanischen Freunde zum Machterhalt nutzt

Ungarns Premier Viktor Orban steht vor der heikelsten Wahl seit 16 Jahren. Im Inland wächst der Druck, in Umfragen liegt die Opposition vorne. Doch ausgerechnet US-Präsident Donald Trump liefert ihm Rückenwind – und könnte im Wahlkampf zur Lebensversicherung werden.
Kommentieren
Viktor Orbán und Marco Rubio demonstrieren Nähe – ein Signal mit Wahlkampfgewicht.
Foto: IMAGO/Anadolu Agency
BlickMitarbeiter06.JPG
Chiara SchlenzAusland-Redaktorin

Viktor Orban (62) hat sich über Jahre als unerschütterlicher Machtpolitiker inszeniert. Doch vor der Parlamentswahl am 12. April wirkt der ungarische Premier so verletzlich wie lange nicht. In mehreren Umfragen liegt sein Herausforderer Pater Magyar (44) vorne, die Stimmung im Land ist gereizt, der Wahlkampf zunehmend schmutzig. Und doch könnte Orban ausgerechnet von aussen die entscheidende Hilfe erhalten: aus den USA. Orban setzt strategisch stark auf die Trump-Karte. 

Druck im Inland – aber keine Entscheidung

Innenpolitisch ist die Lage für den Dauerregenten angespannt, aber nicht aussichtslos. Die Wirtschaft tritt auf der Stelle, die Preise sind gestiegen, viele Ungarn wünschen sich Veränderung. Mit Magyar ist ein Gegner aufgetaucht, der aus dem Umfeld der regierenden Fidesz-Partei stammt und nun eine geeinte Opposition anführt. Magyar arbeitete jahrelang im Machtapparat der regierenden Partei, bevor er mit dem System brach. Heute führt der Jurist die konservative Oppositionspartei Tisza und gilt als ernsthaftester Herausforderer des Premiers seit 2010.

1/7
Viktor Orban (62) kämpft vor der Wahl um seine wohl wackeligste Machtbasis seit 16 Jahren.
Foto: AP

Der Wahlkampf hat zuletzt an Schärfe gewonnen: Magyar spricht von Schmutzmaterial und mutmasslichen Versuchen, ihn mit einem heimlich aufgenommenen Sexvideo unter Druck zu setzen – Vorwürfe, die das Regierungslager zurückweist, die aber zeigen, wie hart diese Wahl geführt wird. Gleichzeitig bleibt das Wahlsystem für Orbans Partei vorteilhaft. Das ungarische Wahlsystem verschafft ihr strukturelle Vorteile: Neu zugeschnittene Wahlkreise und ein Mehrheitsbonus sorgen dafür, dass Fidesz auch mit knappen Ergebnissen viele Mandate holen kann. Selbst bei einem leichten Rückstand bei den Stimmen ist eine Parlamentsmehrheit für Orban daher nicht ausgeschlossen.

Rückenwind aus Washington

Entscheidend für Orbans Kalkül ist derzeit weniger die innenpolitische Bilanz als die internationale Bühne. Seit Donald Trump wieder im Weissen Haus sitzt, kann sich der ungarische Premier auf demonstrative Rückendeckung aus den USA stützen – und nutzt das gezielt im Wahlkampf. Beim Besuch von US-Aussenminister Marco Rubio in Budapest wurde diese Nähe öffentlich zelebriert. Die Beziehungen zwischen beiden Ländern seien so eng wie nie, erklärte Rubio – vor allem dank des «sehr, sehr engen persönlichen Verhältnisses» zwischen Trump und Orban. Der ungarische Premier sprach im Gegenzug von einem «goldenen Zeitalter» der bilateralen Beziehungen.

Der Zeitpunkt dieser Inszenierung ist kein Zufall. Rubio reiste nach der Münchner Sicherheitskonferenz über Bratislava nach Budapest – Stationen, die zeigen, wie gezielt die Trump-Regierung auf EU-skeptische Regierungen in Europa setzt. In beiden Hauptstädten traf er Politiker, die als ideologische Verbündete Trumps gelten. In Budapest wurde die demonstrative Männerfreundschaft zwischen dem US-Präsidenten und Orban fast schon zum Wahlkampfslogan.

Aussenpolitik als Wahlkampfstrategie

Orban nutzt diese Nähe konsequent. Seine Kampagne setzt weniger auf wirtschaftliche Erfolge als auf das Versprechen von Stabilität in einer unsicheren Welt. Der Premier inszeniert sich als Staatsmann mit direktem Draht nach Washington, Moskau und Peking – als jemand, der in einer neuen, raueren Weltordnung bestehen kann. Dass er an einem von Trump initiierten «Friedensrat» zum Wiederaufbau in Gaza teilnehmen will, fügt sich in dieses Bild: Orban präsentiert sich als Teil eines globalen Machtzirkels, nicht als isolierter EU-Aussenseiter.

Diese aussenpolitische Aufwertung soll innenpolitische Zweifel überdecken. Der Krieg in der Ukraine dient als zentraler Bezugspunkt. Orban stellt die Wahl als Entscheidung zwischen Frieden und Eskalation dar und warnt vor einem angeblich kriegstreiberischen Brüssel. Trumps skeptische Haltung gegenüber der Ukraine passt in dieses Narrativ. Beide Politiker betonen nationale Souveränität und stellen multilaterale Institutionen infrage. Für Orban wird der Schulterschluss mit Washington damit zum Argument im eigenen Wahlkampf: Wer ihn wählt, wählt Stabilität und internationale Verbindungen.

Europa schaut zu – und hält sich zurück

Auch in Europa wird diese Dynamik genau beobachtet. Ein Machtwechsel in Budapest könnte die Rolle Ungarns in der EU und in der Ukrainepolitik deutlich verändern. Gleichzeitig agieren europäische Institutionen auffallend vorsichtig, um Orban keine zusätzliche Angriffsfläche zu bieten. Jede Kritik aus Brüssel kann von ihm als Beleg für ausländische Einmischung genutzt werden – und damit seine Kampagne stärken.

So steht Orban vor einer paradoxen Situation. Innenpolitisch ist seine Macht so umkämpft wie seit Jahren nicht. Aussenpolitisch aber kann er sich als Teil einer internationalen Allianz präsentieren, die ihm Rückenwind gibt. Trump wird dabei zur politischen Lebensversicherung: Nicht, weil er Stimmen in Ungarn bringen kann, sondern weil er das Bild des unersetzbaren Staatsmanns stützt.

Was sagst du dazu?
Liebe Leserin, Lieber Leser
Der Kommentarbereich von Blick+-Artikeln ist unseren Nutzern mit Abo vorbehalten. Melde dich bitte an, falls du ein Abo hast. Noch kein Blick+-Abo? Finde unsere Angebote hier:
Hast du bereits ein Abo?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen