Darum gehts
- In Monaco explodierte eine Bombe und verletzte den Exil-Oligarchen Wadim Jermolajew und eine Familie schwer
- Mögliche Hintergründe: Konflikte um Callcenter-Betrug, Geheimdienste oder Oligarchen-Fehde
- Jermolajews Sohn veruntreute zwischen 2019 und 2022 über 100 Millionen Euro
Monaco gilt als sicherer Hafen für Millionäre und Milliardäre – ein exklusiver Rückzugsort für knapp 40'000 Menschen, die sich an der Côte d’Azur Ruhe vom Alltag kaufen. Nun wurde diese Ruhe gestört: Am Montag explodierte in der Rue Révérend Père Louis Frolla eine Bombe in einem Rucksack, als der Exil-Oligarch Wadim Jermolajew (58), seine Partnerin und ihr 13-jähriger Sohn nach Hause kamen. Die Familie wurde schwer verletzt, die Frau verlor beide Beine. Der Sohn und Jermolajew selbst sind ausser Lebensgefahr.
Doch der Anschlag traf nicht irgendeinen reichen Bewohner, sondern einen Mann, der in der Ukraine als Kollaborateur, Steuerflüchtiger und Symbol für das «Monaco-Bataillon» gilt – jene Oligarchen, die sich der Verteidigung gegen den russischen Angriffskrieg entziehen. Ein Angriff mit ukrainischer Beteiligung steht deshalb zumindest im Raum. Doch es sind nicht die Einzigen, die Interesse am Tod des Exil-Ukrainers haben könnten.
Abrechnung im Callcenter-Milieu
Laut «Le Monde» gehen französische Ermittler derzeit am ehesten von einer Abrechnung im Umfeld der organisierten Kriminalität aus. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen versuchten Mordes und einer Sprengstoffstraftat mit Bezug zum kriminellen Milieu.
Im Fokus steht Jermolajews Familie: Sein ältester Sohn Arthur (35) soll Teil eines Callcenter-Netzwerks gewesen sein, das zwischen 2019 und 2022 Anleger in Europa mit Fake-Investments um mehr als 90 Millionen Franken betrogen haben soll. Ende 2025 wurde er nach einer Interpol-Fahndung in Zypern festgenommen, nach Estland ausgeliefert und wegen Betrugs verurteilt. Der Oligarchen-Sohn kam jedoch mit einer vergleichsweise milden Strafe davon und lebt inzwischen in Israel.
Hinzu kommt eine Serie brutaler Gewalttaten in diesem Umfeld. So wurde der mutmassliche Finanzbetrüger Igor Komarow (†28) im März 2026 auf Bali entführt, gefoltert und getötet. Seine Überreste wurden zerstückelt aufgefunden.
Ukrainischer Geheimdienst
Auch eine Beteiligung des ukrainischen Geheimdienstes SBU wird geprüft. Der Verdacht: Eine Operation gegen Oligarchen, die als «Verräter» gelten, weil sie weiter Geschäfte mit Russland führten und sich gleichzeitig an der Riviera in Sicherheit brachten. Jermolajew steht deshalb seit 2023 auf einer ukrainischen Sanktionsliste, weil er trotz russischer Besetzung Geschäfte auf der Krim betrieben haben soll. Zudem zählt er zum «Monaco-Bataillon» – 80 Exil-Milliardäre, gegen die wegen mutmasslich illegaler Ausreise ermittelt wird.
Die ukrainischen Geheimdienste haben in den vergangenen Jahren mehrfach gezeigt, dass sie gezielte Operationen gegen Kollaborateure und russische Akteure auch ausserhalb der Ukraine durchführen können. Ob Jermolajew ebenfalls Ziel einer solchen Operation wurde, ist bislang jedoch unbewiesen.
Russische Dienste
Eine weitere Möglichkeit sind russische Nachrichtendienste. Russland wird seit Jahren mit Sabotageakten und Anschlägen in Europa in Verbindung gebracht. Ein Attentat auf einen ukrainischen Exil-Oligarchen könnte Unsicherheit erzeugen und den Eindruck erwecken, selbst wohlhabende Exilanten seien nirgendwo sicher, wie das Nachrichtenportal Watson berichtet.
Ebenso denkbar wäre eine False-Flag-Operation, die wie ukrainische Selbstjustiz oder eine Mafia-Abrechnung aussehen soll, um Misstrauen innerhalb der ukrainischen Elite zu schüren. Allerdings gilt Jermolajew selbst als wirtschaftlich eng mit russischen Strukturen verflochten, weshalb ein Motiv Moskaus bislang unklar bleibt.
Selbstjustiz radikalisierter Ukrainer
In der Ukraine gelten Mitglieder des «Monaco-Bataillons» vielen als Kriegsprofiteure, die sich der Wehrpflicht entzogen haben. Jermolajew verkörpert dieses Bild besonders stark: Er gab die ukrainische Staatsbürgerschaft auf, besitzt einen zyprischen Pass und soll trotz des Krieges Geschäfte auf der besetzten Krim weitergeführt haben.
Denkbar wäre daher ein Anschlag durch radikalisierte Einzelpersonen oder kleine Gruppen. Gegen diese Theorie spricht allerdings die Professionalität der Tat: ein präzise platzierter Sprengsatz und ein Angriff in einem stark überwachten Wohngebäude.
Oligarchen-Fehde oder Geldwäscherei
Auch wirtschaftliche Motive sind möglich. Jermolajew bewegte sich seit Jahren in einem Umfeld aus undurchsichtigen Beteiligungen und Geldwäschereivorwürfen. Seine Alef-Gruppe war in zahlreiche Projekte involviert, zudem war er an der estnischen Versobank beteiligt, die später wegen mutmasslicher Geldwäscherei ihre Lizenz verlor.
Vor diesem Hintergrund könnte der Anschlag Teil eines Konflikts zwischen Oligarchen oder kriminellen Netzwerken sein – etwa wegen Vermögenswerten, alter Geschäftsbeziehungen oder belastender Informationen.