Darum gehts
Ein neues Wort dominiert die Debatten in Washington seit Donald Trumps (79) venezolanischem Militärabenteuer: «Fafo («F*** around and find out», zu Deutsch etwa «Tu saudumm und schaue, was passiert»). Das und nichts anderes sei Trumps Strategie, monieren seine Kritiker.
So wirr die Lage in Venezuela nach der Mission der US-Eliteeinheiten auch ist: Hinter dem amerikanischen Vorgehen steht eine klare Strategie. Trump setzt auf ein altbewährtes Machtinstrument, um den lateinamerikanischen Staat nach seinem Gusto zu bändigen. Doch die Venezolaner kennen den grossen Schwachpunkt der Amis – und werden ihn, wenn nötig, schamlos ausnutzen.
Vorweg: Um die riesigen Erdölreserven Venezuelas geht es den Amerikanern nur sekundär. Anders als zu Beginn des Irakkriegs 2003 ist der amerikanische Hunger nach dem schwarzen Gold 2026 weitestgehend gestillt. Die USA sind heute der grösste Ölproduzent der Welt.
Hauptziel des Umsturzes in Caracas ist es, die Chinesen, Russen und Iraner – das Triumvirat von Amerikas geopolitischen Gegnern – auszubremsen. China versucht seit Jahren, sich Venezuelas seltene Erden zu krallen, die Russen führen hier Militärtrainings durch, und der Iran lässt ausserhalb der Hauptstadt Kampfdrohnen bauen.
Was Delcy Rodriguez von Maduro unterscheidet
Mit der Entfernung von Machthaber Nicolas Maduro (63) und dem massiven Druckaufbau auf die Übergangsregierung will Trump sich aller drei Probleme auf einen Schlag entledigen. Doch: Wie macht Washington den Sack jetzt zu? Schliesslich ist auch Venezuelas Interimspräsidentin Delcy Rodriguez (56) eng mit den US-Widersachern verbandelt. Das zeigt nur schon die Liste der ersten drei Gratulanten, die ihr nach ihrer Amtseinsetzung die Hand schüttelten: der chinesische Botschafter, der russische Botschafter und der iranische Botschafter (wobei der darauf verzichtete, seinem weiblichen Gegenüber die Hand zu reichen, und stattdessen höflich nickte).
Einfach so verhaften lassen wie Maduro kann Trump Venezuelas neue Regierungschefin nicht. Maduro war von den USA zur Fahndung ausgeschrieben. Laut US-Recht war seine Entführung aus Caracas eine vom Militär umgesetzte polizeiliche Aufgabe, kein Umsturz. Schon gar nicht, weil Maduro von den USA gar nicht als legitimer Präsident anerkannt ist. Für Rodriguez gibt es hingegen keinen Haftbefehl. Die politischen und rechtlichen Hürden, die Trump für einen Angriff auf sie nehmen müsste, wären deutlich höher.
Die Opposition an die Macht zu bringen, wäre eine andere Option gewesen. Bereit stünde etwa Friedensnobelpreisträgerin Maria Corina Machado (58), die Trump sogar ihren Nobelpreis gewidmet hat und heute im amerikanischen Exil lebt. Doch die US-Geheimdienste rieten Trump davon ab, da Machado die Unterstützung der Armee fehle und sie Venezuela nicht effizient regieren könnte.
Bleibt also, Interimspräsidentin Delcy Rodriguez unter Druck zu setzen. Das macht Trump, indem er den venezolanischen Ölexport blockiert. Ohne Ölexport (der Rohstoff macht 90 Prozent des gesamten Exportguts aus) fehlen dem Regime in Caracas die Einkünfte, um sich über Wasser zu halten. Bereits jetzt muss Venezuela seine Ölproduktion herunterfahren, weil die Lagerhallen aufgrund der Ausfuhrblockade voll sind.
Wer gewinnt – und wer leer ausgeht
Rodriguez scheint die Botschaft verstanden zu haben. Im Ärmel aber hält sie einen Trumpf: Sie weiss, dass Trumps Drohungen Grenzen haben und er Venezuela nicht einfach so einnehmen kann. Für die Eroberung des bergigen Landes bräuchte es laut US-Experten mindestens 150'000, besser 200'000 Soldaten: deutlich mehr als die rund 16'000, die die Amerikaner derzeit in der Region stationiert haben.
Einen Guerilla-Krieg mit amerikanischen Toten könnte sich der «Friedenspräsident» in Washington nicht leisten. Mit Trumps «America First»-Leitspruch wäre ein grösserer Krieg in Lateinamerika nur schwer vereinbar. Zudem müsste er einen entsprechenden Einsatz (anders als die Hauruck-Aktion gegen Maduro) vom US-Parlament absegnen lassen, was derzeit praktisch unmöglich wäre.
Das venezolanische Regime (bis auf Maduro sind ja noch alle im Amt) wird sich aller Voraussicht nach auch ohne erneute US-Invasion beugen, mitspielen und sich nebenher weiter am Rohstoffreichtum des Landes bereichern – wie das Venezuelas Machthaber seit Generationen tun. Die allermeisten der 31 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner des Landes dürften wenig Veränderung zu spüren bekommen. Ihre verzweifelte Hoffnung auf Besserung spielt in den Planspielen beider Seiten kaum eine Rolle.