Nach US-Zugriff in Venezuela wächst die Nervosität unter den Nato-Partnern
Wer schützt Grönland vor Trump?

Donald Trump zeigt, dass er Grenzen nicht scheut. Nach Venezuela rutscht auch Grönland ins Visier des US-Präsidenten. Das sicherheitspolitische Paradox: Die Insel wird von der Nato geschützt – und genau diese Schutzmacht wird zum Risiko.
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US-Präsident Donald Trump möchte sich auch Grönland einverleiben. Kann sich die arktische Insel wehren?
Foto: imago/UPI Photo

Darum gehts

  • Trump stellt Grönlands Annexion in den Raum, Nato zeigt Schwächen
  • USA könnten durch Machtübernahme in Grönland westliche Ordnung destabilisieren
  • Dänemark investiert Milliarden in Arktisverteidigung gegen potenzielle Bedrohungen
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Chiara SchlenzAusland-Redaktorin

US-Präsident Donald Trump (79) hat gezeigt, dass er bereit ist, das Undenkbare zu tun. Die militärische Operation gegen Venezuelas Machthaber Nicolás Maduro (63) wirkt wie ein Menetekel: Wenn Washington offen ein Regime stürzt, warum sollte eine Annexion Grönlands noch unvorstellbar sein? Was lange als bizarre Fantasie eines impulsiven Präsidenten galt, ist heute eine reale sicherheitspolitische Frage. Und sie führt direkt ins Herz eines Paradoxons, auf das die westliche Ordnung keine Antwort hat.

Eigentlich ist es simpel: Grönland gehört zu Dänemark. Dänemark ist Mitglied der Nato. Also sollte Grönland von der Nato verteidigt werden. Die Nato wird jedoch von den USA getragen. Und hier wird es kompliziert. Genau diese USA treten nun selbst als potenzielle Bedrohung auf. Die Allianz, gebaut zur Abwehr externer Feinde, ist blind auf einem Auge: Sie kennt keinen Notfallplan für einen Angriff von innen.

Artikel 5 – stark auf dem Papier, schwach in der Praxis

Trump hat die Sorgen zuletzt selbst befeuert. Am Sonntag sagte er, die USA bräuchten Grönland «very badly» – sehr dringend. Eine Aussage, die nach dem Zugriff in Venezuela nicht mehr als blosse Rhetorik gelesen wurde, sondern als ernsthafte Drohkulisse.

Juristisch scheint die Lage eindeutig. Grönland fällt unter den Nato-Vertrag. Die Beistandsklausel in Artikel 5 würde greifen. Doch genau hier beginnt das Problem. Artikel 5 verpflichtet die Mitgliedstaaten nicht automatisch zu militärischem Eingreifen, sondern nur zu Massnahmen, die sie selbst für angemessen halten. Vor allem aber braucht es einen einstimmigen Beschluss im Nato-Rat. Die USA hätten ein faktisches Vetorecht gegen jede kollektive Reaktion auf ihr eigenes Handeln. Das Bündnis wäre zwar formal verpflichtet – praktisch aber handlungsunfähig.

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Die arktische Insel Grönland ist geopolitisch begehrt – und sicherheitspolitisch verwundbarer, als es scheint.
Foto: AFP

Militärisch ist die Übermacht eindeutig. Die USA sind in der Arktis bereits präsent, verfügen über Infrastruktur, Aufklärung und logistische Überlegenheit. Für Washington wäre es kein technisches Problem, Fakten zu schaffen – sei es durch Truppenverstärkungen, politischen Druck oder eine schleichende Machtübernahme unter dem Deckmantel der Sicherheitskooperation. Die eigentliche Gefahr liegt nicht im offenen Krieg, sondern im grauen Bereich darunter.

Europa reagiert geschlossen – rhetorisch. Berlin, Paris, London und Brüssel betonen Souveränität und territoriale Integrität. Doch Abschreckung sieht anders aus. Weder Nato noch EU verfügen über ein Instrument, das glaubwürdig gegen den Willen der USA eingesetzt werden könnte. Die EU-Beistandsklausel ist zwar stärker formuliert als Artikel 5, politisch aber ebenso heikel. Wer will wirklich riskieren, US-Soldaten in der Arktis gegenüberzustehen?

Abschreckung durch Kosten, nicht durch Waffen

Die realistischste Antwort liegt deshalb ausserhalb des Militärischen. Ein US-Zugriff auf Grönland würde UN-Verfahren, weltweite Nichtanerkennung sowie massive politische und wirtschaftliche Kosten für die USA nach sich ziehen. Grönland würde zum Symbol eines amerikanischen Tabubruchs. Die transatlantischen Beziehungen wären auf Jahre vergiftet. Diese Kosten sind derzeit die einzige wirksame Abschreckung.

Trumps Rhetorik zeigt, dass er erwägt, diesen Preis zumindest zu testen. Grönland wird damit zum Stresstest für die westliche Ordnung. Nicht, weil morgen US-Panzer in der Hauptstadt Nuuk stehen werden, sondern weil die Nato keine Antwort darauf hat, wenn Macht vor Recht tritt.

Dänemarks leise Aufrüstung

Hinzu kommt Grönland selbst. Die Insel ist kein machtloses Objekt, sondern ein autonomes Gebiet mit eigener Regierung und klarem politischem Willen. Die Mehrheit der Grönländer strebt langfristig die Unabhängigkeit von Dänemark an, lehnt aber einen Anschluss an die USA ab. Gerade die Unabhängigkeitsfrage macht Grönland aber verwundbar: Wirtschaftliche Versprechen, Investitionen oder Sicherheitsgarantien könnten genutzt werden, um Nuuk von Kopenhagen zu lösen – ohne offene Gewalt, aber mit grosser Wirkung.

Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen (48) stellt sich Trump offen entgegen. Die USA hätten «kein Recht, irgendeinen Teil des dänischen Königreichs zu annektieren», sagte sie und betonte, Grönland sei nicht verhandelbar. 

Dänemark versucht gegenzusteuern, investiert Milliarden in die Arktisverteidigung und betont die Partnerschaft mit Grönland. Doch auch das zeigt das Paradox: Kopenhagen rüstet faktisch nicht gegen Russland oder China auf, sondern indirekt gegen einen Verbündeten. Allein diese Tatsache offenbart, wie sehr Trumps Rhetorik die Sicherheitsarchitektur Europas bereits beschädigt hat. Grönland ist damit ein Testfall dafür, was «der Westen» im 21. Jahrhundert bedeuten wird.

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