Der Menschenhandel mit den Leihmüttern in Georgien
Anna gebärt Zwillinge für China-Paar – Agentur zahlt Geld nicht

Leihmutterschaft ist in Georgien ein kaum kontrolliertes Geschäft. Agenturen locken Frauen mit Tausenden Dollars nach Tiflis. Der Fall Kinderly zeigt, wie schutzlos sie dabei sind.
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Anna Sentseva (39) mit ihrer Tochter Sofia in Tiflis (Georgien).
Foto: zVg

Darum gehts

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Helena GrafReporterin

Es klopft an der Tür. Anna Sentseva (39) zuckt zusammen. Sie drückt ihre zweijährige Tochter Sofia an sich. Am Bauch brennt die frische Kaiserschnitt-Narbe. Vor wenigen Wochen hat Anna Zwillinge geboren. Als Leihmutter für ein chinesisches Paar. Sie öffnet. Vor ihr steht der Vermieter. «Ihr habt 24 Stunden Zeit», sagt er. «Danach fliegt ihr raus.»

Einen Tag später steht Anna auf der Strasse. In Tiflis, der Hauptstadt Georgiens – einem für sie fremden Land. Sie trägt dort für die Leihmutterschaftsagentur Kinderly Babys aus. Die Agentur sollte ihre Miete bezahlen. Laut Vermieter hat sie das nicht getan.

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Anna Sentseva hat für Kinderly Zwillinge zur Welt gebracht. Bezahlt wurde sie nie.
Foto: zVg

Mindestens 30 weiteren Frauen ergeht es an diesem Tag gleich. Sie alle arbeiten für Kinderly. Die Agentur ist eine von Dutzenden in Tiflis. Der georgische Staat registriert und kontrolliert sie nicht. Betrogene Leihmütter haben keine staatliche Anlaufstelle.

Anna kommt aus Jekaterinburg in Russland. Dort hat sie fünf Kinder und einen Ex-Mann, der sie verfolgt und bedroht. Sie will weg, sich ein eigenes Leben aufbauen. Dafür braucht sie Geld.

In Russland ist sie mit 39 Jahren zu alt für eine Leihmutterschaft. Die Grenze liegt bei 35. In Georgien gibt es keine solche Beschränkung.

Kinderly verspricht ihr 18'000 Dollar (14'590 Franken) für Zwillinge. Anna fliegt nach Tiflis. Im Sommer 2024 setzen ihr Ärzte zwei Embryonen ein. Beide wachsen.

Doch bald beginnen die Probleme. «Ich bekam mein Taschengeld nie pünktlich», erzählt Anna. «Um jeden Dollar musste ich betteln.»

Schwanger reist sie zurück nach Russland zu ihren Kindern. Im Winter kehrt sie zur Entbindung nach Georgien zurück. Ihre jüngste Tochter Sofia nimmt sie mit.

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Nach Geburt nicht bezahlt

Ende Februar setzen die Wehen ein. Der Junge liegt in Steisslage, seine Herztöne fallen ab. Die Ärzte holen die Zwillinge per Notkaiserschnitt.

Nach dem Aufwachen will Anna die Babys sehen. Trotz Verbots der Agentur schleicht sie sich auf die Neugeborenenstation. «Die Babys lagen zusammen in einem kleinen Plastikbettchen», erinnert sie sich. «Zwischen ihnen lag ein einzelner rosafarbener Nuggi.» Das Personal entdeckt Anna und schickt sie weg. Einige Tage später darf sie nach Hause.

Doch Kinderly zahlt die versprochenen 18'000 Dollar nicht. Die Agentur vertröstet Anna, dann ignoriert sie sie. Mitte März meldet Kinderly Konkurs an. Kurz darauf wirft der Vermieter die Frauen aus der Wohnung.

Vor dem verlassenen Hotel steht immer noch ein Kinderwagen.
Foto: Helena Graf

Sie ziehen in ein verlassenes Hostel zwischen Bahngleisen und Busbahnhof. «Es gab keinen Strom, kein Gas, kein warmes Wasser», erzählt Anna. «Überall krabbelten Wanzen und Kakerlaken. Wir hatten nichts zu essen. Die Babys froren. Bei einigen frisch operierten Frauen platzten die Kaiserschnitt-Wunden auf.»

Anna veröffentlicht einen Hilferuf auf Facebook. Eine belarussische Masseurin aus Tiflis bietet ihr ein Zimmer an. Nach zwei Monaten fliegen Anna und Sofia zurück nach Russland.

Ihr Fall landet bei Nino Andriashvili (45). Die Anwältin der georgischen Menschenrechtsorganisation Sapari beschäftigt sich mit Missständen im Leihmutterschaftsgeschäft – in der Schweiz ist Leihmutterschaft verboten. 

Sie betreut Leihmütter, die von ihren Agenturen nicht bezahlt wurden: Nino Andriashvili (45).
Foto: Helena Graf

Das Problem seien fehlende Gesetze und staatliche Kontrollen, sagt sie. «Das führt zu systematischem Betrug an den Leihmüttern.» Auch die Auftraggeber kontrolliere kaum jemand. «Es gibt keine Kontrollen darüber, wo die geborenen Kinder landen und ob es ihnen gut geht.»

Im Fall Kinderly spricht Andriashvili von transnationalem Menschenhandel. Die Agentur habe vulnerable Frauen mit falschen Versprechen nach Georgien gelockt, ihre Körper ausgebeutet und sie mittellos zurückgelassen.

Die wichtigsten Begriffe zum Thema Leihmutterschaft erklärt:

Eizellenspende: Eine Frau stellt ihre Eizelle für eine Schwangerschaft zur Verfügung. Die Eizelle wird meist im Labor mit den Samenzellen des Vaters befruchtet. Die Frau, die die Eizelle spendet, ist die genetische Mutter des Kindes. Sie trägt das Kind aber nicht selbst aus.

Künstliche Befruchtung: Dabei wird eine Schwangerschaft mithilfe medizinischer Verfahren herbeigeführt. Bei einer In-vitro-Fertilisation (IVF) werden Eizelle und Samenzelle im Labor zusammengebracht. Entsteht ein Embryo, wird er anschliessend in die Gebärmutter eingesetzt.

Leihmutterschaft: Eine Frau trägt ein Kind für eine andere Person oder ein anderes Paar aus. Bei der sogenannten gestationellen Leihmutterschaft stammt die Eizelle nicht von der Leihmutter. Sie trägt also ein genetisch nicht mit ihr verwandtes Kind aus. Dabei ist die Frau, von der die Eizelle stammt, ist die genetische Mutter, die Leihmutter die gebärende Frau.

Eizellenspende: Eine Frau stellt ihre Eizelle für eine Schwangerschaft zur Verfügung. Die Eizelle wird meist im Labor mit den Samenzellen des Vaters befruchtet. Die Frau, die die Eizelle spendet, ist die genetische Mutter des Kindes. Sie trägt das Kind aber nicht selbst aus.

Künstliche Befruchtung: Dabei wird eine Schwangerschaft mithilfe medizinischer Verfahren herbeigeführt. Bei einer In-vitro-Fertilisation (IVF) werden Eizelle und Samenzelle im Labor zusammengebracht. Entsteht ein Embryo, wird er anschliessend in die Gebärmutter eingesetzt.

Leihmutterschaft: Eine Frau trägt ein Kind für eine andere Person oder ein anderes Paar aus. Bei der sogenannten gestationellen Leihmutterschaft stammt die Eizelle nicht von der Leihmutter. Sie trägt also ein genetisch nicht mit ihr verwandtes Kind aus. Dabei ist die Frau, von der die Eizelle stammt, ist die genetische Mutter, die Leihmutter die gebärende Frau.

Wie gross die Not sein kann, zeigt eine weitere Leihmutter. Die Georgierin erzählt, sie habe neben mehreren Schwangerschaften auch einen Teil ihrer Leber verkauft. Dafür bekam sie rund 15'000 Dollar (12'160 Franken). Manche Leihmutterschaftsagenturen würden Frauen sogar auf diese Möglichkeit hinweisen, sagt sie.

Im Sommer 2026 kommt der Fall Kinderly vor Gericht. Andriashvili vertritt 20 Leihmütter. Das Gericht verurteilt die beiden Gründer zu je zehn Jahren Gefängnis – ein Präzedenzfall in Georgien.

«Drei Tage nach dem Kaiserschnitt musste ich mich alleine durchschlagen»
2:04
Leihmutter ausgebeutet:«Brachte Kinder zur Welt – und bekam keinen Lohn»

Zurück in Leihmutterschaft

Den Frauen bringt das Urteil wenig. Ihr Geld haben sie bis heute nicht.

Die Not treibt einige zurück ins Leihmutterschaftsgeschäft. Sie unterschreiben bei anderen Agenturen.

So wie Anastasia – eine andere Leihmutter, die Kinderly abgezockt hat. Sie muss möglichst schnell Geld verdienen und wird kurz nach der letzten Geburt wieder als Leihmutter schwanger.

Das Baby kommt tot zur Welt. Die Nabelschnur liegt um seinen Hals. Der Arzt sagt Anastasia, dass sie keine Schuld trage.

Zweimal abgezockt

Trotzdem verweigert ihr die neue Agentur das Honorar. Die Koordinatoren behaupten, Anastasia habe verbotene Medikamente genommen. Beweise haben sie keine. 

Wieder hat Anastasia eine Leihmutterschaft durchgemacht. Wieder steht sie ohne Geld da.

Auch Anna wartet bis heute auf ihre 18'000 Dollar. Sie ist zurück in Russland, arbeitet in einem Schichtbetrieb. Georgien habe sie weit hinter sich gelassen, sagt Anna. «Ich bin einfach froh, diesen Horror überlebt zu haben.»

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