Darum gehts
- EU führt bis 10. April neues Einreise- und Ausreisesystem ein
- Bearbeitungszeiten an Grenzen um 70 Prozent verlängert, Chaos im Sommer droht
- Wartezeiten an Flughäfen könnten bis zu 6 Stunden betragen
«Die Wartezeiten an Flughäfen könnten bis zu 6 Stunden betragen. Wir müssen dieses Chaos unbedingt verhindern!» Seit vergangenem Herbst wird das neue Einreise- und Ausreisesystem (EES) schrittweise in der EU eingeführt. Vollständig eingeführt werden soll es bis zum 10. April. Mit einem automatisierten IT-System sollen Drittstaatsangehörige an Schengen-Aussengrenzen dabei digital registriert werden.
Das Ziel: Ohne manuelle Stempelungen soll Zeit bei den Kontrollen eingespart werden. Zudem erkennt das System automatisch, wenn der genehmigte Aufenthalt überschritten wird. Doch bereits jetzt zeichnet sich ein Chaos im Hinblick auf die Einführung der neuen Technologie ab. Die Europäische Kommission rudert nun zurück und räumt den Mitgliedstaaten gewisse Flexibilitäten ein, um die Überlastung während Zeiten mit erhöhtem Verkehrsaufkommen zu verringern, bestätigt ein Sprecher am Freitag.
Überlastung wegen neuer Technologie
Die Möglichkeit, das EES in diesem Sommer auszusetzen, werde entscheidend sein, wenn die Situation an den Grenzkontrollen unhaltbar wird. Drittstaatsangehörige, die in den Schengen-Raum einreisen, könnten sich dadurch weiterhin für einen manuellen Passstempel entscheiden.
Denn die Einführung der biometrischen Technologie sei bereits auf erste Probleme gestossen, die zu erheblichen Verspätungen für Fluggäste geführt haben, berichtet der Sender Euronews. Luftverkehrsorganisationen warnen davor, dass die Wartezeiten in diesem Sommer aufgrund der Einführung des EES deutlich länger ausfallen könnten. Sie fordern dringende Massnahmen, um die Probleme des «chronischen Mangels an Grenzpersonal» und «ungelöster technologischer Probleme» anzugehen.
Verzögerungen und verpasste Flüge
Der Flughafen Lissabon hat das EES im Dezember aufgrund übermässiger Verzögerungen für drei Monate ausgesetzt. Berichten zufolge führten «schwerwiegende Unregelmässigkeiten» bei der EES-Kontrolle zu übermässigen Wartezeiten bis zu sieben Stunden.
An Flughäfen, an denen das EES in Betrieb ist, müssen Passagiere aus visumfreien Ländern wie Grossbritannien, den USA und anderen Nicht-EU-Ländern ihre biometrischen Daten an speziellen Schaltern registrieren lassen. Anfangs lag die Schwelle für die Registrierung von Ankommenden aus Drittländern bei nur 10 Prozent. Seit dem 9. Januar wurde diese Schwelle auf 35 Prozent angehoben, während das System an Dutzenden weiteren Flughäfen und Häfen eingeführt wurde.
Bearbeitungszeiten um 70 Prozent verlängert
Die neuen Grenzkontrollen bereiten Reisenden bereits Probleme. Sie berichten von langen Warteschlangen, da die Reisenden das Abfertigungsverfahren zum ersten Mal durchlaufen. In einigen Fällen haben die Verzögerungen sogar zu verpassten Flügen geführt.
Ein Ende vergangenen Jahres vom Airport Council International Europe (ACI Europe) veröffentlichter Bericht zeigt, dass die schrittweise Einführung des EES die Bearbeitungszeiten an den Grenzen um bis zu 70 Prozent verlängert hat. In Spitzenzeiten liegen diese mit Wartezeiten bei bis zu drei Stunden.
Sorgt das EES im Sommer für Chaos?
Ab dem 10. April müssen die Mitgliedstaaten die EES-Technologie an allen Grenzübergängen einführen und alle Drittstaatsangehörigen, die in das Land einreisen, registrieren. Nach diesem Datum können die Mitgliedstaaten den Betrieb des EES jedoch bei Bedarf für einen zusätzlichen Zeitraum von 90 Tagen teilweise aussetzen, mit einer möglichen Verlängerung um 60 Tage, um die Sommerperiode mit erhöhtem Verkehrsaufkommen abzudecken.
«Die Einführung eines Systems dieser Grössenordnung ist eine komplexe Aufgabe. Durch die Verlängerung der Flexibilität während der Sommermonate geben wir den Mitgliedstaaten die notwendigen Instrumente an die Hand, um potenzielle Probleme zu bewältigen und vor allem Chaos während des Sommerverkehrs zu vermeiden», erklärte Markus Lammert, Sprecher der Europäischen Kommission, auf einer Pressekonferenz am 30. Januar.
Diese Entscheidung bedeutet, dass die Mitgliedstaaten mehr Flexibilität bei der Umstellung haben, je nachdem, wie ihre Verkehrsknotenpunkte mit dem neuen System zurechtkommen. Für Reisende bedeutet dies, dass sie in den kommenden Monaten an den Grenzen möglicherweise weiterhin einen manuellen Stempel in ihren Reisepass erhalten.
ACI Europe warnt vor «ernsthaften Sicherheitsrisiken»
Die Entscheidung folgte auf die Kritik von ACI Europe wegen der «erheblichen Unannehmlichkeiten, die den Passagieren dadurch entstehen». Im Dezember warnte der Generaldirektor von ACI Europe, Olivier Jankovec, dass die Ausweitung des Systems «unweigerlich zu viel schwerwiegenderen Staus und systemischen Störungen für Flughäfen und Fluggesellschaften führen würde». Er warnte, dass dies zu «ernsthaften Sicherheitsrisiken» führen könnte.
Jankovec erklärte kürzlich gegenüber dem britischen Sender BBC, dass die Möglichkeit, das EES in diesem Sommer auszusetzen, von entscheidender Bedeutung sein werde, wenn «die Situation an den Grenzkontrollen unhaltbar wird». Ohne diese Flexibilität und wenn die Probleme mit der Technologie und der Anzahl der Grenzpolizisten nicht verbessert werden, könnte es zu Verzögerungen von fünf bis sechs Stunden kommen, warnte er.
Luftfahrtorganisationen fordern Aussetzung bis Oktober
Am Mittwoch forderten europäische Luftfahrtorganisationen die dringende Lösung der «kritischen Probleme», die für die bestehenden Verzögerungen verantwortlich sind. «Wenn nicht dringend Massnahmen ergriffen werden, um ausreichende Flexibilität zu gewährleisten, sind ernsthafte Störungen während der Hochsaison im Sommer eine reale Möglichkeit, mit Wartezeiten von möglicherweise vier Stunden oder mehr», heisst es in einem gemeinsamen Schreiben von ACI Europe, Airlines for Europe (A4E) und der International Air Transport Association (Iata).
Sie betonen, dass dringende Massnahmen erforderlich sind, um den «chronischen Mangel an Grenzschutzbeamten» und «ungelöste technologische Probleme» zu beheben. Die Verbände haben die Europäische Kommission um Bestätigung gebeten, ob die Schengen-Länder das EES bis Oktober teilweise oder vollständig aussetzen können.
Im Januar forderte der britische Reiseverband (Abta) die EU-Grenzbehörden auf, verstärkt auf Notfallmassnahmen zurückzugreifen, um die Einführung des Systems zu erleichtern. «Wir fordern die Grenzbehörden auf, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um Verzögerungen zu minimieren. Ihnen stehen Notfallmassnahmen zur Verfügung – wie die vorübergehende Abschaltung des Systems oder die Einschränkung der Kontrollen – und wir möchten, dass diese zur Steuerung des Passagieraufkommens eingesetzt werden. Einige der bisher aufgetretenen Probleme hätten vermieden werden können, wenn Notfallmassnahmen angewendet worden wären», sagte Mark Tanzer, Geschäftsführer von Abta.
Dieser Artikel ist zuerst auf Blic.rs erschienen. «Blic» gehört wie Blick zum Ringier-Verlag.