Die Entführung von Diktator Nicolás Maduro in die USA hat bei Ariana Weishaupt gemischte Gefühle ausgelöst. Die 31-jährige Venezolanerin lebt seit zehn Jahren in der Schweiz. Die aktuelle Entwicklung in ihrer alten Heimat verfolgt sie mit Freude und Zurückhaltung gleichermassen: «Ich weiss, dass sich etwas ändern wird, will mir aber nicht ausmalen, wie», sagt die studierte Industrieingenieurin. Dass sie sich bewusst keine Hoffnungen auf Verbesserung macht, schütze sie vor einer erneuten Enttäuschung.
Das kollektive Gedächtnis der Venezolaner ist von Leid und Enttäuschungen geprägt. Seit Beginn des Chavismus 1999 unter dem linksautoritären Hugo Chávez ist das südamerikanische Land in eine schwere wirtschaftliche und humanitäre Krise gestürzt. Laut Uno-Flüchtlingskommission UNHCR sind insgesamt fast acht Millionen Menschen aus dem südamerikanischen Land geflüchtet – es ist eine der grössten Migrationsbewegungen der Gegenwart.
Ariana Weishaupt verliess Caracas 2015 mitten im Studium. Als sich die Krise zuspitzte, stürmten Bewaffnete das Universitätsgelände, Vorlesungen und Seminare fielen immer wieder aus, weil die Studenten streikten. Lebensmittel und Medikamente wurden zunehmend knapp.
Weishaupt begrüsst das Ende der Ära Maduro, blickt jedoch mit grosser Skepsis auf die Zukunft: «Die Machtstrukturen, die das Land über Jahre geprägt haben, sind weiterhin intakt.» Das zeige sich unter anderem daran, dass fortan Delcy Rodríguez an der Spitze des Landes stehe. Seit 2018 Maduros Vizepräsidentin, diente sie dem Diktator zugleich als Aussen- und Erdölministerin. Dies macht sie zu einer Schlüsselakteurin bei der Umsetzung von Plänen Donald Trumps, die venezolanische Ölindustrie «auf unbestimmte Zeit zu kontrollieren und voranzutreiben». Als treue Verbündete des Maduro-Regimes balanciere sie nun zwischen den Erwartungen der USA und der Loyalität zum Machtapparat ihres Vorgängers.
«Schlimme Zustände seit 25 Jahren»
Zwar verfolge Trump eindeutig wirtschaftliche Absichten, dennoch stösst die internationale Kritik an seiner Offensive bei Ariana Weishaupt auf Unbehagen: «Seit fast 25 Jahren herrschen in Venezuela schlimme Zustände.» Aber kaum jemand habe dem Land je geholfen. Dass nun ausgerechnet dieser Angriff verurteilt wird, macht sie misstrauisch: «Jetzt, wo jemand den ersten Schritt macht, heisst es plötzlich: Das darf man nicht.»
Gleicher Meinung ist Emiliano Rivero (26), der derzeit in Vantaa (Finnland) lebt und nach zwei negativen Entscheiden auf das endgültige Ergebnis seines Asylantrags wartet. «Ich bin kein Fan von Donald Trump, aber ich unterstütze seine Aktion», sagt er. Für ihn stehe nicht im Vordergrund, wer und ob die USA von venezolanischem Öl profitieren werden. «Seit Beginn der Diktatur hatten wir ohnehin nichts davon.»
Emiliano Rivero musste Venezuela wegen der Teilnahmen an regimekritischen Protesten verlassen. Würde Rivero abgeschoben, so glaubt er, würde er unmittelbar bei seiner Ankunft verhaftet werden. Regierungskritische Straftaten verjährten nie. Die jüngsten Ereignisse haben seine Lage vorerst entschärft: Solange Venezuela als instabil und die Sicherheit des Luftraums als eingeschränkt gilt, darf er nicht deportiert werden.
Seit Nicolás Maduro in einem New Yorker Gefängnis sitzt, wo er auf seinen Prozess wegen mutmasslichen Drogenterrorismus wartet, feierte die venezolanische Diaspora in vielen Städten der Welt das Ende seiner Herrschaft. Im Land selbst blieb es still. «Hier herrscht eine Stimmung der Angst», erklärt Luis Pérez* (28) aus Caracas. «In den ersten drei Tagen nach dem Angriff sind wir gar nicht erst aus dem Haus gegangen.» Wie viele andere tat er nach diesen ersten Tagen vor allem eines: Vorräte kaufen, so gut es das Geld erlaubte. Niemand weiss, ob weitere Angriffe folgen. Der US-Militärschlag vom 3. Januar forderte laut dem venezolanischen Innenministerium rund hundert Todesopfer, was die Nervosität weiter schürt.
Die Gefahr der Festnahme
Sobald es dunkel wird, verlässt Pérez seine Wohnung nicht mehr. Auch für dieses Gespräch bleibt der studierte Arzt zu Hause und spricht dennoch leise – «man weiss nie, wer zuhört». Seine Whatsapp-Chats löschen sich automatisch, in sozialen Netzwerken überlegt er genau, auf welche Beiträge er reagiert. Wer den US-Angriff offen befürwortet, läuft Gefahr, festgenommen zu werden.
Diese Vorsicht ist nicht unbegründet. Seit dem Machtwechsel patrouillieren wieder vermehrt bewaffnete Paramilitärs durch die Strassen. Die regimetreuen «Colectivos» dienen zur Einschüchterung der Bevölkerung. Gleichzeitig kündigte die Regierung am Donnerstag an, «viele politische Gefangene freizulassen». Wer wann von dieser Massnahme betroffen sein wird, blieb offen. Mindestens sieben Freilassungen sind bisher bestätigt worden.
Was es für einen echten Wandel bräuchte, ist für Pérez klar. «Der beste Fall wäre ein Bruch des Systems von innen», sagt er. Erst wenn sich die Angehörigen unterschiedlicher Machteliten gegenseitig verraten und damit selbst entmachten, werde sich etwas ändern. Für Luis Pérez steht fest, dass seine Zukunft nicht in Venezuela liegt. Wenn alles nach Plan läuft, kann er bald in Deutschland in seinem erlernten Beruf als Arzt arbeiten.
Auch wenn die Realität derzeit wenig Hoffnung verspricht, ist für viele Venezolanerinnen und Venezolaner in diesen Tagen wieder vorstellbar, was lange unerreichbar schien: ein freies, demokratisches Venezuela.
* Name geändert