Darum gehts
- Kiew ist durch russische Angriffe weitgehend ohne Heizung, Strom und Wasser
- Bürgermeister Klitschko fordert Bewohner auf, die Stadt vorübergehend zu verlassen
- Temperaturen in Kiew erreichen in diesen Nächten minus 17 Grad
Kiew erstarrt in Kälte. Zum ersten Mal fordern die Behörden die Bevölkerung auf, die Stadt zu verlassen. Die ukrainische Hauptstadt steht nicht vor dem Fall an die Russen. Doch sie steht unter massivem Druck, der das Leben dort gerade radikal verändert: Russische Angriffe auf die Energieinfrastruktur haben das Stromnetz so stark beschädigt, dass die Stadt nur etwa die Hälfte der benötigten Elektrizität bekommt – diese Nacht liegt die Temperatur wieder bei minus 17 Grad. Tausende Wohnhäuser sind ohne Strom, geschweige denn Heizung oder fliessend Wasser.
Am Freitag forderte Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko (54) die Bewohner auf, die Stadt zu verlassen – wenn sie können. Das sei vorübergehend, so Klitschko auch am Samstag zu Reuters: Erneut appellierte er an die Einwohner Kiews, wenn möglich aus der Stadt zu fliehen, um den Druck auf die Infrastruktur zu verringern.
Reparaturarbeiten laufen rund um die Uhr und Verbündete der Ukraine würden Kiew eilig zusätzliche Generatoren liefern. «Es ist das erste Mal in der Geschichte unserer Stadt», räumte Klitschko ein, «dass bei solch strengem Frost der grösste Teil der Stadt ohne Heizung und mit einem enormen Strommangel auskommen muss.»
Eklat zwischen Klitschko und Selenski
Am 14. Januar hatte Klitschko auf Telegram von «Hass» der ukrainischen Führung auf seine Person gesprochen. Präsident Wolodimir Selenski (47) warf ihm öffentlich vor, zu wenig für den Schutz der Hauptstadt getan zu haben. Kiew sei «unvorbereitet» auf die russischen Militärschläge. Andere Städte hätten sich besser gewappnet.
Ein verärgerter Klitschko schrieb auf Telegram: «Jetzt gibt es nur noch Hass. ‹Ach, Klitschko riet allen, die können die Stadt zu verlassen. Damit sie nicht erfrieren. Ohne Licht und Heizung. Wer kann, solle vorübergehend weggehen.› Wenigstens spreche ich ehrlich», so Klitschko. Er «warne die Leute vor der extrem schwierigen Lage. Und Einschaltquoten oder Scheinwahlen interessieren mich nicht.»
Zermürbung
Die gnadenlose Zermürbungsstrategie des russischen Kriegspräsidenten Wladimir Putin (73) zeigt Wirkung. Zum ersten Mal muss Kiew einräumen, dass der Alltag für Millionen unerträglich wird – mitten im politischen und wirtschaftlichen Zentrum der Ukraine. Putins Taktik des langsamen Erstickens zermürbt Menschen, Staat und Moral.
Kiew bleibt militärisch standhaft, doch das urbane Leben wird systematisch ausgehöhlt. Die Stadt fällt nicht, aber sie erstarrt. Wenn Bürgermeister zur Ausreise rät, Schulen schließen und politische Konflikte offen ausbrechen, zeigt das: Der Krieg erreicht die Wohnzimmer. Putins Kalkül: Kälte, Dunkelheit und Dauerstress sollen mehr bewirken als Panzer.