Darum gehts
Wladimir Putins (73) Angriff auf die Ukraine, Donald Trumps (79) Schlag gegen Venezuela und sein Appetit auf Grönland: Die Welt gerät aus den Fugen. Der Dritte im Bunde, Xi Jinping (72), könnte durch das imperialistische Gebaren der beiden Herrscher dazu motiviert werden, ebenfalls aktiv zu werden und sein Reich zu vergrössern.
Der französische Präsident Emmanuel Macron (48) sagte vergangene Woche einen Satz, der zu denken geben muss: «Wir leben in einer Welt der Grossmächte, die versucht sind, die Welt unter sich aufzuteilen.» Tatsächlich deutet alles darauf hin, dass Trump, Putin und Xi den Kuchen zu weiten Teilen dritteln wollen. Die bange Frage bleibt: Wer erhält welches Stück? Und was wird aus Europa?
Nach dem Zweiten Weltkrieg galt mehrere Jahrzehnte eine Weltordnung, die zwar von regionalen Kriegen gestört wurde, aber im Grossen und Ganzen ihre Gültigkeit hatte. Es war West gegen Ost, dazu kam der Rest der Welt.
Als 1989 der Eiserne Vorhang fiel, wurde der Globus zu einer bunteren Kugel. Klemens H. Fischer, Professor für Internationale Beziehungen und Geopolitik an der Universität Köln, sagt gegenüber Blick: «Diese Phase ist jetzt endgültig vorbei. Wir treten ein in die Ära der Renaissance der Imperien.»
Rückkehr des Imperialismus
Den drei Grossmächten USA, Russland und China geht es darum, ihre Dominanz zu festigen. Sie haben es nicht nur auf strategisch wichtige Orte abgesehen, sondern vor allem auf Rohstoffe wie seltene Erden, Rohöl, Erdgas und auf Fischereigründe. Fischer: «An diesen Linien beginnen die eigentlichen Grenzen der Expansion der drei Grossmächte, ehe sie militärisch gegeneinander vorgehen müssen.»
Die Rückkehr des globalen Imperialismus komme nicht aus heiterem Himmel, meint Fischer. Sie sei die Folge davon, dass die Einflussräume der Grossmächte ausgeschöpft seien und nun der Kampf um die noch nicht eindeutig verteilten Gebiete beginne.
Die Ansprüche der Grossmächte und die Rolle der Restgebiete:
USA – Westliche Dominanz
Die Vereinigten Staaten wollen ihren Einfluss auf den ganzen amerikanischen Kontinent ausweiten und in der gesamten westlichen Welt eine klare Dominanz ausüben. Auch Grönland steht auf der Menükarte von Donald Trump. Er will die zu Dänemark gehörende Insel «unbedingt».
Russland – Zurück zum Zarenreich
Moskau hat mit dem Angriff auf die Ukraine seine imperialen Ziele offengelegt. Im Zentrum steht die Wiederherstellung des ehemaligen Zarenreichs und der ehemaligen Sowjetunion. Das Vorgehen ist brachial.
China – Weltweiter Grosseinkauf
Peking züngelt seit Jahrzehnten an Taiwan. Aus strategischen Gründen möchte China sich im gesamten ost- und südostasiatischen Raum ausbreiten. Die Regierung tut dies still und leise. Die Armee wird bisher nur zur Drohung eingesetzt. «Peking geht auf eine globale Einkaufstour und hat durch die Belt-and-Road-Initiative den nahezu perfekten strategischen Ansatz entwickelt», sagt Fischer. Bei dieser Initiative, auch Neue Seidenstrasse genannt, geht es um den Aufbau von Handelswegen und Infrastrukturnetzen in über hundert Ländern.
Indien – Ohne Expansionsgelüste
Indien zählt inzwischen mehr Einwohner als China. Es wird immer mehr zu einer Grossmacht, hat aber keine grösseren Expansionspläne.
Afrika – Tragischer Kontinent
Das bodenschatzreiche, aber wirtschaftlich arme Afrika ist zum verdeckten Kriegsschauplatz der Grossmächte geworden. Die USA, Russland, China und auch Indien versuchen mit allen Mitteln – ausgenommen militärischer Intervention – auf dem Kontinent Fuss zu fassen. Das machen sie teils durch Direktinvestitionen, teils durch mehr oder weniger grosszügige Kreditvergabe, teils durch Bildungs- und Technologiekooperation. Fischer: «Afrika spielt wohl die tragischste Rolle in dieser Ära des Neoimperialismus.»
Europa – Spielball der Grossmächte
Europa nimmt im Kampf der Imperien eine Statistenrolle ein. «Der EU fehlt es schlicht an militärischen Kapazitäten, um einen Hebel in der Hand zu haben», sagt Fischer.
Von allen Seiten wird auf Europa eingedroschen: Russland droht militärisch, die USA wollen es mit der Förderung rechter Parteien auf ihre Seite ziehen, China macht mit Tiefpreispolitik wirtschaftlichen Druck. Fischer: «Europas Selbstständigkeit wird massgeblich davon abhängen, ob es gelingt, sich wirtschaftlich wieder zu konsolidieren.»
Europa müsse im Neoimperialismus einen Platz finden, der möglichst viel Autonomie einräume, aber im Notfall auch einen sicheren Hafen ermögliche. «Und der wird trotz der derzeitigen Washingtoner Administration wohl weiter in den USA liegen», meint Fischer.