Ölgeschäfte im sudanesischen Bürgerkrieg
Zwei Schweizer Managern drohen lange Haftstrafen

Hunderte Verhandlungstage, Dutzende Zeugen und Forderungen nach jahrelangen Haftstrafen: Der Mammutprozess gegen zwei Schweizer Manager wegen ihrer Rolle im sudanesischen Bürgerkrieg steht kurz vor dem Abschluss.
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Ian Lundin (l.) und Alexandre Schneiter am Stockholmer Bezirksgericht.
Foto: IMAGO/TT

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Sara BelgeriRedaktorin

Seit rund zweieinhalb Jahren wird in Gerichtssaal 34 des Stockholmer Bezirksgerichts verhandelt. Es ist der längste Gerichtsprozess der schwedischen Geschichte. Und ein historischer.

Angeklagt sind der Schweizer Alexandre Schneiter und der schwedisch-schweizerische Doppelbürger Ian Lundin. Beide leben im Kanton Genf und gehören laut dem Wirtschaftsmagazin «Bilan» zu den 300 reichsten Schweizern. Ihnen wird Beihilfe zu Kriegsverbrechen im Sudan in der Zeit von 1999 bis 2003 vorgeworfen.

Ende eines historischen Prozesses

Der Fall gilt als historisch, weil es einer der wenigen Prozesse ist, bei denen Vertreter eines grossen, börsenkotierten Unternehmens wegen mutmasslicher Verstösse gegen das Völkerrecht vor Gericht stehen.

Jetzt neigt sich der Prozess dem Ende zu. Vergangene Woche war Gerichtssaal 34 besonders voll: Die schwedische Staatsanwaltschaft forderte in ihrem Schlussplädoyer zehn Jahre Haft für Lundin respektive sechs Jahre für Schneiter.

Im Zentrum des Verfahrens steht die Rolle des schwedischen Ölkonzerns Lundin Oil (heute: Orrön Energy), den Lundins Vater Adolf gegründet hatte. Ian Lundin leitete das Unternehmen und fungierte als Vorstandsvorsitzender. Alexandre Schneiter war für die Ölsuche zuständig und später CEO. Sein Fokus lag – wie er im Prozess betonte – auf dem, «was unter der Erdoberfläche lag», nicht darüber.

Kamen «in Frieden»

Die Geschichte führt zurück in den zweiten sudanesischen Bürgerkrieg unter dem Regime von Omar al-Bashir (82). 1997 erhielt Lundin Oil eine Ölkonzession für das Gebiet «Block 5A», im Süden des damals noch vereinigten Sudans.

Offiziell trat das Unternehmen mit dem Anspruch auf, wirtschaftliche Entwicklung zu fördern. Als die «Rundschau» 2019 über den Fall berichtete, zeigte sie Aufnahmen der Eröffnungsfeier. «Wir wollen bald Öl finden, damit es eurer Wirtschaft besser geht. Wir kommen in Frieden», sagt Lundin darin. Tatsächlich aber entwickelte sich die Region rund um die Konzession zu einem Brennpunkt der Gewalt. In Aufnahmen von 2001, die die «Rundschau» zeigte, ist Lundin umringt von Kindersoldaten zu sehen.

Menschenrechtsorganisationen dokumentierten später systematische Vertreibungen, zerstörte Dörfer und Angriffe auf Zivilisten. Ein Bericht der European Coalition on Oil in Sudan (ECOS) schätzt, dass in der Region Block 5A rund 12’000 Menschen starben und 160’000 vertrieben wurden. Allein im Konzessionsgebiet sollen mehr als 40 Ortschaften zerstört worden sein.

Auch die niederländische NGO Pax sammelte Zeugnisse von Betroffenen. Einer von ihnen, James Kuong Ninrew, schilderte: «Wir wurden vertrieben. Unser Gebiet wurde uns weggenommen, ohne unser Einverständnis. Unsere Leute wurden getötet.»

Angeklagte weisen Vorwürfe zurück

Für die schwedische Staatsanwaltschaft sind diese Gewaltakte kein Zufall, sondern stehen in direktem Zusammenhang mit den Interessen des Ölkonzerns. Sie argumentiert, dass Lundin mit der sudanesischen Regierung Vereinbarungen getroffen habe, um militärischen Schutz für die Ölsuche zu erhalten. Dies habe dazu geführt, dass das Militär und regimenahe Milizen systematisch gegen Zivilisten vorgegangen seien. Die Anklage spricht unter anderem von Bombardierungen aus der Luft, Vertreibungen und dem Niederbrennen von Dörfern und Ernten.

Sowohl Ian Lundin als auch Alexandre Schneiter weisen alle Vorwürfe zurück. Bereits 2018 erklärten Schneiter und Lundin in einem offenen Brief, sie seien «absolut überzeugt», unschuldig zu sein. Vielmehr habe das Unternehmen versucht, Frieden zu fördern. In einem «Rundschau»-Beitrag von 2024 argumentierte Alexandre Schneiters Verteidiger Per Samuelsson, dass man nie Einfluss auf die militärischen Operationen des Sudans gehabt habe.

Die Ermittlungen begannen bereits 2010, ausgelöst durch einen Bericht internationaler NGOs. 2021 wurde Anklage erhoben, und im September 2023 begann der Prozess. Dieser sprengt alle bisherigen Dimensionen der schwedischen Justiz: Hunderte Verhandlungstage, zahlreiche Zeuginnen und Zeugen aus Afrika und Europa sowie eine enorme Menge an Beweismaterial prägten das Verfahren.

Antrag auf Untersuchungshaft

Besonders ist der Prozess auch für die Betroffenen selbst: Über 30 Zivilisten aus dem Sudan und Südsudan wurden angehört. Insgesamt sagten 32 von 34 Klägern persönlich aus.

Im Zentrum der Schlussplädoyers der Staatsanwaltschaft standen denn auch diese Aussagen. Laut der schwedischen Nachrichtenagentur TT sprach Staatsanwalt Henrik Attorps in seinem Schlussplädoyer von «Mittäterschaft an Verbrechen gegen Zivilisten», bei denen das Leben zahlreicher Zivilisten aufgrund des «Profitstrebens des Unternehmens und der Angeklagten» völlig zerstört worden sei.

Der Staatsanwalt beantragte, dass sowohl Schneiter als auch Lundin nach der Urteilsverkündung in Untersuchungshaft genommen werden, da sie als Schweizer Staatsbürger nicht ausgeliefert werden können und daher Fluchtgefahr bestehe.

Das Bundesamt für Justiz und die Bundesanwaltschaft bestätigen auf Anfrage, dass ein Rechtshilfeersuchen aus Schweden eingegangen ist, das von der Bundesanwaltschaft vollzogen wurde.

Die Verteidigung weist die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft entschieden zurück. Ian Lundins Anwalt Torgny Wetterberg erklärt gegenüber Blick, es gebe «keine Beweise» für die Anschuldigungen. Das Plädoyer der Staatsanwaltschaft sei «schwach» gewesen und habe entscheidende Fakten ausser Acht gelassen. Der gesamte Prozess sei letztlich eine «monumentale Verschwendung staatlicher Ressourcen». Die Verteidigung werde in ihren Schlussplädoyers darlegen, warum die Argumentation der Staatsanwaltschaft in jeder Hinsicht unhaltbar sei.

Alexandre Schneiters Verteidiger liess eine Anfrage unbeantwortet.

Die Schlussplädoyers der Verteidigung sind auf Ende April angesetzt. Der Prozess wird voraussichtlich im Mai enden. Ein Urteilstermin steht noch aus.

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