Neuer Grossangriff auf den Iran
Das steckt hinter Trumps Krieg – und das sind seine Folgen für uns

Mit dem heftigen Militärschlag gegen den Iran verfolgen die USA und Israel ein klares Ziel. Doch hinter dem Angriff könnte mehr stecken als der Gedanke, die Zivilbevölkerung vom Mullah-Terror zu befreien. Konsequenzen hat der neue Krieg auch für Europa.
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Dabei wurde offenbar auch der aktuelle Anführer der iranischen Revolutionsgarden, Mohammad Pakpour (zweiter von links) getötet.
Foto: IMAGO/ABACAPRESS

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • USA und Israel greifen den Iran seit Samstag an
  • Führungsfiguren und iranische Nuklearanlagen als Hauptziele der Luftschläge
  • Teheran reagiert heftig. Auch Europa könnte es treffen
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Samuel SchumacherAusland-Reporter

Seit der Regierungszeit von US-Präsident George W. Bush (79) denken die USA laut über einen Angriff auf das iranische Regime nach. Donald Trump (79) hat am Samstag durchgezogen, was seine Vorgänger nicht gewagt haben: Seit den Morgenstunden fallen Bomben auf Teheran – auch auf das Wohnquartier des geistlichen Führers Ayatollah Ali Chamenei (86).

Ihren gemeinsamen Angriff auf das Mullah-Regime haben die USA und Israel über Monate akribisch geplant. Das Ziel ist klar: die Vernichtung der iranischen Nuklear- und Waffenindustrie und die «Befreiung des iranischen Volkes», wie Israels Regierungschef Benjamin Netanyahu (76) nicht ohne Ironie sagte. Die Konsequenzen des andauernden Angriffs werden auch die Schweiz treffen. Und sie könnten für einen Tyrannen fernab von Teheran ebenfalls eine böse Wende bedeuten.

Klar ist: Anders als beim gezielten Schlag gegen die iranischen Atomanreicherungsanlagen im Juni 2025 nimmt Washington mit Hilfe von Jerusalem diesmal auch die Führungsebene im schiitischen Gottesstaat ins Visier. Mehrere hohe Figuren des Sicherheitsapparats – darunter offenbar der Armeechef und der Anführer der gefürchteten Revolutionsgarden – wurden in den ersten Stunden des neuen Krieges getötet.

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Donald Trump verkündete am Samstagmorgen den gemeinsamen US-israelischen Angriff auf das iranische Regime.
Foto: IMAGO/Anadolu Agency

Trump nutzt ein Zeitfenster

Amerika und Israel gehen den Sturz des iranischen Regimes mit maximaler Entschlossenheit an. Das Zeitfenster dafür ist vielversprechend: Der Iran ist noch von den US-Angriffen im vergangenen Juni geschwächt. Die Stellvertreter-Armeen der Hamas in Gaza und der Hisbollah im Libanon sind faktisch ausgeschaltet. Syriens Iran-freundlicher Diktator Bashar al-Assad (60) sitzt mit gebundenen Händen im russischen Exil. Und Irans Verbündeter Wladimir Putin (73) hat gerade andere Sorgen, als den Mullahs den Allerwertesten zu retten.

Das Regime reagierte mit heftigen Gegenangriffen auf US-Militärbasen überall im Nahen Osten und mit Drohnenattacken gegen Israel. Man habe mitten in den Verhandlungen um einen neuen Atom-Deal gesteckt, gibt Teheran zu Protokoll. Das Unverständnis über den US-Angriff scheint aufrichtig. Die Argumentation der Mullahs wäre überzeugender, wenn sie in den vergangenen zwei Monaten nicht mutmasslich bis zu 32'000 Demonstranten ermordet hätten.

Trump selbst geht mit dem Angriff ein grosses Risiko ein. Seine Strategen würden es gern sehen, dass er sich im Jahr der wichtigen Zwischenwahlen am 3. November auf die steigenden Lebenshaltungskosten in den USA fokussiert und nicht einen neuen Krieg im Nahen Osten anzettelt. Andererseits könnte sich Trump nach der Verhaftung von Machthaber Nicolás Maduro (63) in Venezuela und einem möglichen Sturz des Regimes im Iran als Befreier aller Unterdrückten aufspielen.

Die Ära, in der sich mächtige Player durch völkerrechtliche Bedenken von allzu harschen Attacken auf andere Länder abgehalten haben, scheint endgültig vorbei. Die Geopolitik ist wieder da angelangt, wo sie vor einigen Dekaden schon einmal stand: Was zählt, ist einzig die Macht des Stärkeren. Und wer der Stärkste ist, daran gibt es derzeit keinen Zweifel.

Europa im Visier der Mullahs

Für Israels Regierungschef geht es vor den Wahlen Ende Jahr ebenfalls um nichts weniger als das politische Überleben. Netanyahus drei Korruptionsprozesse dauern an. Sein Wunsch, dereinst das Präsidentenamt übernehmen zu können und damit für mindestens sieben Jahre juristische Immunität zu geniessen, ist grösser denn je. Schaltet er den bösen Nachbarn in Teheran aus, wäre das für ihn ein politischer Super-Boost.

Europa könnte als Stationierungsgebiet von rund 100'000 US-Soldaten (34'000 allein in Deutschland) Ziel iranischer Vergeltungsschläge werden. Wie lang das attackierte Regime überhaupt noch zu solchen Angriffen in der Lage bleibt, ist fraglich. Nicht zuletzt, weil iranische Soldaten und Revolutionsgardisten sich in diesen Stunden sehr gut überlegen werden, ob ihnen das eigene Überleben nicht vielleicht doch mehr wert ist als die islamistische Revolution.

Israel hat angeblich eine populäre Gebets-App im Iran gehackt und allen Soldaten und Polizisten im Land eine Push-Meldung geschickt, in der sie zur Niederlegung der Waffen aufgerufen wurden – mit dem Versprechen auf Amnestie. Und Trump sagte in seiner achtminütigen Rede am Samstagmorgen: «Ihr habt die Wahl: Legt die Waffen nieder oder bereitet euch auf den sicheren Tod vor.»

Geht es in Wirklichkeit um Putin?

Am Ende der Auftaktphase dieses neuen Krieges scheint jedoch vor allem denkbar, dass der US-Präsident mit seinem Angriffsbefehl gegen die Mullahs den ultimativen Schachzug gegen den ewigen Widersacher Wladimir Putin im Auge hat – obwohl es seiner Moskauer Nemesis kurzfristig helfen würde, wenn die Ölpreise bei einer zu erwartenden Schliessung der wichtigen Meeresenge von Hormuz sofort steigen.

Da der Iran dem Kreml unter anderem Baupläne für die perfiden Shahed-Drohnen liefert, mit denen Putin die ukrainische Zivilbevölkerung Nacht für Nacht terrorisiert, wäre die Ausschaltung eines weiteren Moskau-Verbündeten neben den heftigen Sanktionen gegen die russische Ölindustrie ein weiterer Move, mit dem Trump Putin den Wind aus den Segeln nehmen könnte. Ein direkter Angriff auf die Atommacht Russland ist undenkbar. Doch die Schlinge um den Bösewicht in Moskau allmählich zuziehen: Das kann Trump sich durchaus leisten.

So gesehen wäre die «Operation Epischer Zorn», wie das Pentagon den Angriff auf die Mullahs betitelt hat, nichts als ein strategischer Geniestreich gegen Amerikas geopolitischen Endgegner Russland. Bestenfalls führt er dazu, dass Millionen von Menschen im Iran in absehbarer Zeit ein freieres Leben führen. Und das wäre mehr als ein wünschenswerter Nebeneffekt.

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