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Schreie zu hören:Video soll Kabine des Flugzeugs zeigen

Nach dem blutigen Kampf im Flydubai-Cockpit
Wie sicher sind Schweizer Passagier-Jets?

In manchen Jets von Swiss und Edelweiss fliegen bewaffnete Sky Marshals mit. Eingesetzt werden sie vom Fedpol, das Kommando hat der Kapitän der Maschine.
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Erleichterung: Passagiere nach dem Flydubai-Flug.
Foto: Ariel Schalit
Raphael Rauch, Ringier
Raphael RauchBundeshausredaktor

Mitten im Flug von den Vereinigten Arabischen Emiraten nach Tel Aviv (Israel) kämpften am Mittwoch zwei Piloten um Leben und Tod. Der omanische Co-Pilot ging mit einem Notfallbeil auf seinen indischen Kollegen los und verletzte ihn am Kopf und an den Händen. Die Boeing 737 Max der Billiglinie Flydubai sackte in den Sturzflug. Doch der blutüberströmte Kapitän handelte geistesgegenwärtig und öffnete die gesicherte Tür zum Cockpit – Passagiere konnten den mutmasslichen Terrorakt beenden. Zufällig war eine Ersatzcrew an Bord und landete die Maschine sicher.

Netanyahu unter Druck

Viele der israelischen Passagiere an Bord hatten beim Militär gelernt, wie man sich in brenzligen Situationen verhält. Einer von ihnen nahm den Amok-Piloten in den Schwitzkasten. Ein mitreisender Zahnarzt versorgte den schwerverletzten Piloten.

Ganz Israel feiert sie jetzt dafür. Benjamin Netanyahu (76) lobte sie dafür, «einen zweiten 11. September» verhindert zu haben. Der Premier, im aktuellen Wahlkampf massiv unter Druck, kann Heldengeschichten gut gebrauchen. Der Vorfall zeigt aber auch, wie lasch die Kontrollen in der Zivilluftfahrt sind. Wie konnte ein Co-Pilot, der beim Swiss-Partner Oman Air wegen seiner extremistischen Vergangenheit entlassen worden war, bei Flydubai weiterfliegen? In Israel dürfen zudem nur Piloten landen, deren Herkunftsland diplomatische Beziehungen zu Israel unterhält – was bei Oman nicht der Fall ist.

Swissair-Entführung nach Jordanien

«Sky Marshals», bewaffnete Sicherheitsmitarbeiter, waren am Mittwoch dem Vernehmen nach nicht an Bord. Bei der israelischen «El Al» fliegen sie praktisch immer mit – andere Airlines setzen sie nur nach Risikoanalyse ein.

Die Schweiz beschäftigt seit den 1970er-Jahren bewaffnete Schutzengel – hier heissen sie «Tiger». Nachdem 1969 auf dem Flughafen Zürich-Kloten eine El-Al-Maschine unter Beschuss geraten war, folgte nur ein Jahr später das Drama von Zerka: Extremisten entführten eine Swissair DC-8 nach Jordanien. Die 145 Passagiere und zwölf Swissair-Mitarbeiter wurden freigelassen. Später wurde die Swissair-Maschine vor laufenden Kameras auf einer Piste in der Wüste gesprengt.

In der First Class um die Welt

Die Schweiz reagierte sofort: 1970 führte der Bund bewaffnete Sicherheitskräfte im Passagierbereich ein. Verantwortlich für Koordination, Einsatzplanung, Bedrohungsanalyse und Rekrutierung ist das Bundesamt für Polizei (Fedpol), die Tiger werden aus einem Personalpool von kantonalen und kommunalen Polizeikorps über Militärangehörige und Angestellte des Bundesamts für Zoll und Grenzsicherheit (BAZG) bis hin zu Fedpol rekrutiert.

Für sie ist es vielfach eine willkommene Abwechslung vom Alltag an der Polizeifront. Mehrmals im Jahr dürfen sie in Business oder First Class durch die Welt jetten, um an Bord für Sicherheit zu sorgen. Nach Informationen von Blick sind auf ausgewählten Flügen jeweils zwei Tiger im Einsatz, die nur abwechselnd schlafen: einer muss immer wach sein. Swiss und Edelweiss müssen Gratis-Sitzplätze für die Tiger zur Verfügung stellen; Lohn und Spesen zahlt der Steuerzahler.

Manche Vielflieger glauben, bisweilen einen Tiger zu erkennen. Ein Indiz: Wenn jemand trotz Champagner-Service über den Wolken keinen Tropfen Alkohol anrührt.

Tiger sind mit Spezialmunition bewaffnet

Eine deutsche Flugsicherheitsbegleiterin beschrieb ihren Job einmal so: «Es ist für unseren Auftrag immens wichtig, dass wir nicht als Polizeibeamte zu erkennen sind. Ich mache es mir in meinem Sitz bequem. So soll es zumindest auf meine Sitznachbarn wirken.»

Kommt es zum Äussersten, ziehen die Tiger blank. Sie verwenden Spezialmunition, die beim Abfeuern die Flugzeughülle nicht durchlöchert. Geplant werden die Einsätze im Voraus vom Fedpol. Über den Wolken unterstehen die Tiger dem Kommando des Kapitäns.

Vorfall in Tokio – Fedpol greift durch

Beim Flugpersonal gelten die Sicherheitskräfte – in der Mehrzahl Männer – als beliebt. «Sie sind gute Kollegen», sagt eine erfahrene Flugbegleiterin. An Bord werden sie wie normale Passagiere behandelt. Nach dem Flug im Crewhotel sind die Tiger dann wieder Kollegen mit allem, was dazugehört. Bei der Swiss kursiert noch heute die romantische Story einer Flugbegleiterin, die ihren späteren Ehemann an Bord kennenlernte: einen Tiger, der über die Sicherheit von Crew und Passagieren wachte.

Ein Vorfall vor mehr als drei Jahren in Tokio (Japan) allerdings gab intern zu reden. Was genau geschah, hält das Fedpol unter dem Deckel. Klar ist: Es floss reichlich Alkohol. «Es handelt sich um eine Verfehlung in der Freizeit des Mitarbeitenden ohne Auswirkungen auf die Flugsicherheit. Der damalige Mitarbeiter einer Kantonspolizei wurde aus dem Programm ausgeschlossen und amtet nicht mehr als Sicherheitsbeauftragter im Luftverkehr», so das Fedpol.

«Ein Tiger ist wie eine Versicherung»

Ob ein Schweizer Tiger über den Wolken tatsächlich aktiv werden musste, will das Fedpol «aus taktischen Gründen» nicht verraten. Erfahrene Swiss-Mitarbeiter können sich an keinen Vorfall erinnern. «Was gut ist und zeigt, wie sicher das Fliegen ist», sagt ein Insider. Ein Tiger sei wie eine Versicherung und habe eine abschreckende Wirkung. Wobei sich manche Flugbegleiter manchmal fragen: «Wo sind die Tiger, wenn man sie braucht?» Zum Beispiel, als 2024 in einer Swiss-Maschine von den USA nach Zürich ein gewaltbereiter Belgier die Swiss-Crew attackierte und drohte: «Ich werde euch töten!» Die Crew konnte ihn mit Mühe überwältigen, der Flieger kehrte nach Newark zurück. Der Mann wurde später in den USA verurteilt.

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