Das passiert, wenn ein Flieger plötzlich abdrehen muss
Piloten packen über brenzlige Situationen aus

Wenn an Bord eines Flugzeuges etwas Unvorhergesehenes passiert, gilt es schnell zu handeln. Blick konnte bei der Swiss hinter die Kulissen blicken – und erklärt, wie eine ausserplanmässige Landung tatsächlich abläuft.
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Wenn ein Flug, wie hier nach St. Johns, Neufundland umgeleitet werden muss, setzt das eine hochpräzise Maschinerie in Gang.
Foto: Flightradar 24

Darum gehts

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Janine EnderliRedaktorin News

In der Fliegerei gibt es völlig unterschiedliche Notfälle. Da sind die extrem seltenen, dramatischen Momente – wie jüngst beim Angriff im Cockpit der Flydubai-Maschine, in denen die Steuerbarkeit der Maschine akut bedroht ist und im Cockpit jede Sekunde ums Überleben gekämpft wird. Und da sind jene Fälle, in denen das Flugzeug absolut stabil ist, aber aus Vorsicht, wegen eines medizinischen Notfalls oder zickender Technik trotzdem an den Boden muss.

Während Ereignisse wie bei Flydubai absolute Ausnahmesituationen bleiben, stecken hinter vielen Umleitungen eingespielte Sicherheitsroutinen. Dennoch fordert jede Kursänderung das Zusammenspiel von Cockpit und Boden aufs Neue.

Dass bei Kursänderungen ein präzises Zusammenspiel nötig ist, zeigte erst kürzlich ein Fall bei der Swiss. Flug LX9 von Chicago nach Zürich befand sich mitten über dem Atlantik, als in der Kabine plötzlich ein stechender Geruch gemeldet wurde. Umgehend entschied die Crew, auf den Azoren zu landen. Um die nötige Priorität im Luftraum zu erhalten, setzte das Cockpit den Code 7700 ab, der auf eine allgemeine Luftnotlage hinweist, und konnte kurz darauf sicher am Flughafen Terceira landen.

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Frank Zuber, Langstrecken-Chefpilot erklärt, wie die Entscheidungsfindung bei einem Notfall an Bord abläuft.
Foto: Janine Enderli

Wie läuft so eine ausserplanmässige Umleitung im Hintergrund ab? Wer trifft am Ende die Entscheidung – das Cockpit oder der Boden? Blick hat Mark Ansems, Head of Operations Steering, und Frank Zuber, Langstrecken-Chefpilot, in der Swiss-Einsatzzentrale in Kloten ZH getroffen.

Das zeigen neue Swiss-Zahlen

Wetter und Technik sind die Hauptgründe für ungeplante Landungen: 2024 wich die Swiss 200-mal aus, 2025 noch 150-mal bei rund 143'000 Flügen, wie neue Swiss-Zahlen zeigen. Medizinische Notfälle oder gesperrte Lufträume aufgrund eines Ausfalls der Flugsicherung oder schlechte Sichtbedingungen folgten dahinter.

Bei den allermeisten Umleitungen handelt es sich schlicht um eine Vorsichtsmassnahme. «Die Leute denken bei einer ausserplanmässigen Landung oft an das Schlimmste. Die Wahrheit ist oft unspektakulär – aber selbst bei einem kleinen technischen Defekt laufen im Hintergrund sofort hochpräzise Abläufe ab», erklärt Ansems im Gespräch mit Blick. Bei der Flugplanung werden zudem bereits im Vorhinein verschiedene Ausweichflughäfen bestimmt, auf denen man, falls nötig, landen könnte.

Klar ist: Schlussendlich entscheidet der Pilot, was gemacht wird. Dabei wird er von der Einsatzzentrale am Boden tatkräftig unterstützt. «Während wir über Satellitentelefon mit dem Cockpit kommunizieren, laufen im Hintergrund die Arbeiten bereits auf Hochtouren. Da werden Kontakte hergestellt, die Betankung organisiert und die Crew mit Informationen zum Flughafen versorgt.»

Das bedeutet Code 7700

Dramatisch wirkt es für Aussenstehende, wenn bei Flugdatenanbieter wie Flightradar24 plötzlich der Notfall-Code 7700 aufblinkt. Im Fachjargon heisst das «Squawk 7700» – das internationale Zeichen für einen Notfall an Bord. Wenn Swiss-Piloten diesen Transponder-Code tippen, fragen sich viele Schweizer Flugzeug-Fans, was an Bord gerade passiert.

«Der Code 7700 bedeutet für uns in erster Linie Kommunikation und Priorität», erklärt Pilot Zuber. Er signalisiert der Flugsicherung: Wir haben ein Problem und brauchen Bevorzugung beim Anflug. Ob ein Passagier einen Herzinfarkt hat oder auf Anweisung der Flugsicherung am Boden – der Code greift in beiden Fällen. Er verschafft den Piloten freie Bahn in der Luft.

Ist genügend Zeit vorhanden, kann auf einen Flughafen zurückgegriffen werden, der bereits im Vorhinein definiert wurde. «Ist der Flieger einmal am Boden, zieht das einen riesigen Rattenschwanz nach sich», so Ansems. «Weiterreise der Passagiere, Ersatz eines Flugzeugs, falls dieses nicht mehr weiterfliegen kann – alles muss organisiert werden. Und auch die Dienstzeiten der Crew müssen geprüft werden. Würde die Besatzung ihre maximal erlaubte Arbeitszeit überschreiten, darf sie gar nicht mehr weiterfliegen und wir müssen eine andere Lösung finden.»

Kritische Situation über dem Nordpol – diese Möglichkeit existiert

Neben der Priorisierung am Ausweichflughafen kann Code 7700 aber auch auf gefährliche Momente hindeuten. «Rauch in der Kabine, Feuer oder beispielsweise ein Herzstillstand bei einem Passagier – das sind die Momente, in denen es wirklich pressiert. Dann zählt jede Minute», so Zuber.

In einem solchen Fall kann es auch sein, dass spontan auf einen Flughafen ausgewichen werden muss, der nicht schon vorher als Ausweichflughafen ausgemacht wurde. Anspruchsvoll wird es, wenn über ein Gebiet geflogen wird, in dem nur wenige Ausweichmöglichkeiten vorhanden sind.

Derzeit führt die Flugroute von Tokio nach Zürich über die Arktis und den Nordpol. «Da ist eine sofortige Spontanlandung schwierig», erklärt Zuber. «Passiert dort ein medizinischer Notfall, haben wir die Möglichkeit, auf Medaire zurückzugreifen.» Medaire ist ein globales Netzwerk aus Notfallmedizinern, die Flugcrews rund um die Uhr per Satellit beraten. Via Satellitentelefon kann das Kabinenpersonal umgehend mit Notfallärzten sprechen, um den Patienten optimal zu betreuen.

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