Darum gehts
Barack Obama (64) schaltet in den Warnmodus, Bruce Springsteen (76) veröffentlicht für die Anti-ICE-Protestbewegung eine Polithymne und die linke Hälfte der US-Medien fürchtet sich offen vor dem baldigen Anbruch der Tyrannei in der mächtigsten Demokratie der Welt.
Grund für die Hysterie ist die Lage in Minneapolis, wo ICE-Beamte seit Wochen Jagd auf Migranten machen. Im Stadtzentrum sitzt der gebürtige Berner David Mörker (57) in einer Hotellobby und trinkt schwarzen Kaffee. Seit 28 Jahren lebt der Geschäftsmann und Vizepräsident der weltweiten Auslandschweizervereinigung hier. Wer glaube, die Demokratie in Amerika sei jetzt gefährdet, der habe etwas Grundsätzliches nicht verstanden, sagt Mörker.
«Seit George Washingtons Zeit gab es in den USA immer schon ein ‹Gschlegel› zwischen den politischen Kräften.» Deswegen gehe weder die Welt unter noch sei die Demokratie gefährdet. «In Amerika ist das schlicht der Modus Operandi.» Klar: Der Graben zwischen den Parteien werde tiefer. Das merke er auch in Gesprächen mit den rund 83'000 Auslandschweizern in den USA. Aussergewöhnlich sei die Lage aber nicht. «Denken Sie immer daran: Obama hat als Präsident deutlich mehr illegale Migranten ausgeschafft als Trump. Er hat das einfach nicht an die grosse Glocke gehängt.»
«Minneapolis war schon immer ziemlich blauäugig»
Trump setzt alles daran, Obamas Ausschaffungsrekord zu brechen. Das Weisse Haus hat vorgegeben, dass die ICE-Migrationspolizisten täglich 3000 Illegale verhaften müssen. «Ganz ehrlich: Ich bin viel in der Stadt unterwegs – und ich habe noch nie irgendwo ICE-Beamte gesehen. Von einer ‹Invasion›, wie sie manche sehen, kann also keine Rede sein», sagt Mörker.
Dass die Lage ausgerechnet im eisigen Minneapolis derart angespannt sei, liege zum einen am tragischen Tod der beiden US-Bürger Renée Good (†37) und Alex Pretti (†37). Was man in der Debatte aber auch sehen müsse: «Minneapolis war schon immer ziemlich blauäugig. Die Menschen hier stellen sich seit jeher bedingungslos auf die Seite der ‹Underdogs›, der Ausgegrenzten.» Minneapolis-Bürgermeister Jacob Frey (44) hat beispielsweise angekündigt, dass die Stadt illegale Migranten weiterhin vor den Suchtrupps der Bundesregierung schützen werde.
Die überschwängliche Hilfsbereitschaft gegenüber den Gestrandeten dieser Welt habe dazu geführt, dass sich in Minnesota – dem einzigen Bundesstaat im amerikanischen Mittleren Westen, der konsequent demokratisch stimme – eine grosse Diaspora aus Somalia angesiedelt habe. Rund 100'000 der knapp sechs Millionen Menschen im «Land der 10'000 Seen» stammen aus dem afrikanischen Problemstaat.
Einige wenige von ihnen haben sich während und nach der Corona-Zeit unrechtmässig an den staatlichen Finanztöpfen bedient. Die Untersuchungen laufen. Doch Trump traut der Sache nicht und will den «korrupten Behörden» im demokratischen Bundesstaat auf die Sprünge helfen – indem er seine prügelnde ICE-Armee durch die vereisten Strassen ziehen lässt. «Wäre das ein roter, republikanischer Staat, hätte die Lokalpolitik das Problem geregelt und es wäre nie zu diesen Ausschreitungen gekommen», sagt Mörker. Erst die Naivität der Minnesotans gegenüber dem Migrationsproblem habe Trump dazu gebracht, besonders hart durchzugreifen.
Kappeler Milchsuppe für den US-Präsidenten?
Dass sich dagegen Proteste formieren, versteht Mörker. Dass das alles aber ein «Umbruch» in der US-Geschichte sei, ein «Breaking Point», wie viele liberale Beobachter behaupten, das glaubt der US-schweizerische Doppelbürger nicht. «Das Leben hier ist sehr gemächlich, ein bisschen wie in der Schweiz. Die Menschen bauen über Jahre Druck auf, den sie nicht ablassen können. Wenn dann etwas passiert wie diese beiden tragischen Tötungen, dann lassen alle auf einmal Druck ab – wie bei einem Ventil.» Alles pfeife dann, schrecke auf und lege sich rasch wieder. «Kein Grund zur Panik», sagt Mörker.
Was bleiben wird, ist die Spaltung, der Riss quer durch die Gesellschaft, der Graben, der die doch eigentlich Vereinigten Staaten entzweit. David Mörker sieht zwei Lösungen, die das riesige Land wieder zusammenbringen könnten. Erstens: ein Revival der Kappeler Milchsuppe, zu der sich katholische und reformierte Soldaten nach geschlagener Schlacht im Kappelerkrieg 1529 trafen und danach ihre Kampfhandlungen einstellten. Oder ein Konklave, bei dem man Trump, Minnesota-Gouverneur Tim Walz (61) und Minneapolis-Bürgermeister Jacob Frey (44) einsperre, bis sie eine friedliche Lösung gefunden hätten.
Beides scheint derzeit wenig realistisch. Amerika bleibt wohl noch eine Weile geeint in der Ablehnung gegen die jeweils andere Hälfte. «Wir Schweizer haben Mühe, dieses Denken zu verstehen», sagt Mörker. «Aber Sorgen machen muss uns die Lage nicht.» Amerikas Demokratie feiert dieses Jahr ihren 250. Geburtstag. Und in 250 Jahren werde sie ihren 500. Geburi feiern. Daran hat der gmögige Berner im stürmischen Zentrum der amerikanischen Politshow keinen Zweifel.