Darum gehts
Mehr als 40'000 Menschen werden in den USA jedes Jahr erschossen (Suizide nicht mitgerechnet). Der Tod aus dem Pistolenlauf gehört zum amerikanischen Alltag. Nur selten noch erwacht Amerika aus seiner Waffenlethargie und realisiert, was da im eigenen Land eigentlich abgeht.
So geschehen am Mittwochmorgen, als ein Beamter der Migrationsbehörde ICE in Minneapolis die dreifache Mutter Renee Nicole G. * (†37) tötete, als sie versuchte, in ihrem Auto davonzufahren. Goods Tod ist tragisch und für Donald Trump (79) politisch brandgefährlich – in dreifacher Hinsicht.
Das Gebaren der US-Regierung im Nachgang des Dramas ist – diplomatisch ausgedrückt – pietätlos. Ob es sich bei dem Ereignis um einen «kaltblütigen Mord» gehandelt hat, wie das linke Demokraten behaupten, oder um «Notwehr gegen eine Inland-Terroristin», wie das etwa Vizepräsident J. D. Vance (41) erzählt, wird letztlich eine Jury vor Gericht entscheiden müssen.
Klar ist: Die Beleidigungen («Terroristin», «Geisteskranke»), die das Weisse Haus der Verstorbenen auf seinen offiziellen Kanälen anhängt, verschrecken nicht nur die Demokraten, sondern auch viele moderate Republikaner. Die Spaltung der Partei schreitet weiter voran.
Besonders dreist waren die Falschaussagen von Trumps Ministerin für innere Sicherheit, Kristi Noem (54). Die oberste Chefin der ICE-Behörde hat vor laufenden Kameras behauptet, eine «inländische Terroristin» hätte versucht, ICE-Agenten zu überfahren, als diese versuchten, ihr Auto aus dem Schnee zu befreien. Später schob Noem nach, linke Kreise würden ihre Anhänger darin schulen, mit dem Auto Polizisten zu überfahren.
Dass die Bundespolizei FBI den Fall jetzt auch noch an sich reisst und den lokalen Strafverfolgungsbehörden in Minnesota den Zugang zum Beweismaterial verwehrt, weckt vielerorts den Verdacht, die US-Regierung versuche, etwas zu vertuschen. Dieses Misstrauen kann Trump im Jahr der wichtigen Zwischenwahlen schlecht gebrauchen. Erst am Donnerstag warnte er seine Partei, dass sie die «Midterms» im November unbedingt gewinnen müssen, weil ihm sonst ein neues Amtsenthebungsverfahren drohe.
Mindestens eine Million illegale Migranten will Trump aus dem Land schaffen. Um genügend Leute für die Hausdurchsuchungen, Verhaftungen und Festnahmen vermeintlicher Illegaler zur Verfügung zu haben, will die Regierung in diesem Jahr 100 Millionen Dollar in die Rekrutierung neuer ICE-Agenten stecken.
Die Washington Post machte basierend auf internen ICE-Dokumenten publik, wie Trump seine Vollstrecker anwerben will. Im Fokus stehen Waffen-Fans, Militär-Enthusiasten und Anhänger des Kampfsport-Veranstalters UFC. Auf der ICE-Rekrutierungsseite heisst es: «Amerika wird überrannt von Kriminellen und Plünderern. Wir brauchen DICH, um sie rauszuwerfen.» Laut Sarah Saldaña (75), die unter Barack Obama (64) ICE geführt hatte, zieht diese Strategie genau die falschen Leute an: schlecht ausgebildete, auf Kampf getrimmte, aggressive Männer.
Dass die Ausbildung der ICE-Agenten kürzlich von 27 auf 8 Wochen reduziert worden ist, ist wenig beruhigend. ICE, sein Budget und sein Rekrutierungsstil dürften rasch zum heissen Thema in Washington werden.
Wie gelähmt schienen die «Blauen» bislang angesichts Trumps Wahnsinnsshow. Abgesehen von New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani (34), der seine «Alles muss bezahlbarer werden»-Botschaft wie ein politischer Pressluftbohrer in die Köpfe der Wähler hämmerte, schienen die Demokraten nicht so richtig zu wissen, was sie der Trump-Maschinerie in der Politmanege entgegenhalten könnten.
Jetzt stehen die Zeichen plötzlich auf Angriff. Gavin Newsom (58), Kaliforniens Regierungschef, schiebt Trump und seiner Rhetorik direkt die Schuld an Renee G.'s Tod in die Schuhe. Amy Klobuchar (65), Senatorin aus Minnesota und 2020 bereits einmal Präsidentschaftskandidatin, wirbelt durch alle Talkshows und präsentiert sich – bislang – im allerbesten Licht.
Und dann wäre da noch Jacob Frey (44), seit 2018 Bürgermeister von Minneapolis, seit seiner Pressekonferenz am Donnerstag landesweit bekannt. Er habe eine Botschaft an ICE, sagte der Ex-Marathonläufer (Bestzeit 2:16:44): «Get the F*** out of our city!» («Verschwindet aus unserer Stadt!») Frey hat die Auftrittskompetenz, die Stimme und das Aussehen, die es im medienversessenen Amerika für einen erfolgreichen Präsidentschaftswahlkampf bräuchte.
Dumm nur, dass er offiziell gar kein Demokrat ist, sondern Mitglied der kleinen «Bauern- und Arbeiterpartei» von Minnesota. Aber das kann sich bis 2028 ja noch ändern.
* Name bekannt