Darum gehts
- Demonstranten sehen keine Spur von Deeskalation
- Für Freitag ist ein Generalstreik geplant
- Fünfmal mehr ICE-Beamte als lokale Polizisten in Minneapolis
Minus 18 Grad, bissiger Wind: Wer bei diesen Bedingungen auf die Strasse geht, muss eine riesige Wut im Bauch haben. So wie Andy (40). Er steht dick eingepackt vor dem Hauptquartier der ICE-Beamten in Minneapolis und schreit mit ein paar Dutzend anderen Demonstranten wüste Parolen in Richtung der unmarkierten ICE-Fahrzeuge, die im Minutentakt auf der Suche nach illegalen Migranten in die Stadt ausschwärmen.
«Die sind wie Tasmanische Teufel in der Wohnstube: Sie haben hier nichts zu suchen», sagt Andy. US-Präsident Donald Trump (79) hat nach der Erschiessung von zwei US-Bürgern durch ICE-Beamte auf offener Strasse angekündigt, die Situation in Minneapolis «ein bisschen zu deeskalieren». Blick hat sich auf den Strassen der eiskalten Grossstadt umgehört. Von Deeskalation: keine Spur.
«Alles ist wie vorher, nur die Gitter hier sind neu, damit wir nicht mehr gegenseitig aufeinander losgehen», sagt Andy, die Zahnlücke so breit wie der Spalt, der durch die amerikanische Gesellschaft geht. Schätzungsweise 3000 ICE-Beamte patrouillieren aktuell durch die Stadt, fünfmal mehr, als Minneapolis Polizisten hat. Andy und seine Kollegen sprechen von einer «Invasion». «Wir bleiben, bis sie alle weg sind.»
Keine Mietautos mehr für ICE
Trump hat den umstrittenen lokalen ICE-Chef Greg Bovino (55) zwar abgezogen. Ansonsten aber stehen die Zeichen in Minneapolis weiter auf Sturm. Das bestätigt ein Mitarbeiter des führenden Autovermieters in der Stadt, der nicht namentlich genannt werden will. «Wir haben etwa gleich viele Mietanfragen von ICE wie zuvor. Aber wir geben ihnen keine Fahrzeuge mit getönten Scheiben mehr raus. Deshalb gehen sie neuerdings zur Konkurrenz», sagt er zu Blick.
Dass bewaffnete Beamte aus unmarkierten Autos springen und vermeintlich willkürlich Leute abführen, bringt auch Devan (44) in Rage. Der Flugzeugingenieur aus einem Vorort von Minneapolis steht vor dem Whipple-Gebäude, wo viele ICE-Agenten stationiert sind. Er will seine Maske vor der Kamera nicht ausziehen. «Das machen die ICE-Agenten ja auch nicht», sagt er.
Dass sich irgendetwas an der Situation vor Ort verändert habe, kann Devan nicht bestätigen. «Da sind etwa gleich viele Fahrzeuge wie immer. Es herrscht der Status quo.» Dass die Bundesregierung ohne Gegenwehr der anderen Staatsgewalten hier so aggressiv durchgreife, bringe ihn richtig in Rage. «Wir sind an der Belastungsgrenze. Es reicht jetzt!»
Nach der Erschiessung des Krankenpflegers Alex Pretti (†37) gingen in der Stadt Tausende Menschen auf die Strasse. An der Kreuzung, an der Pretti rücklings erschossen worden ist, liegt ein Meer aus Blumen, politischen Plakaten und kleinen Geschenken. «Wir sind nicht Trumps Trainingsgelände», steht auf einem. «Alex' Blut klebt an den Händen der Regierung» auf einem anderen. Menschen zünden Kerzen an, weinen, trösten sich. Ein stilles Zeichen des Protests gegen das laute Gebaren der Regierung.
Für Freitag ist in der Stadt ein Grossstreik angekündigt. ICE-Chef Todd Lyons muss hier gleichentags vor Gericht erscheinen und sich für das Verhalten seiner Beamten erklären. Die Situation könnte jederzeit erneut eskalieren.
Der Dämpfer von Trumps neuem Gesandten
Dann wird Rebecca (49) schon nicht mehr hier sein. Die einstige Polizistin ist nur für einen Tag in die Stadt gekommen – drei Stunden Fahrt hin, drei Stunden zurück –, um die Demonstrierenden hier zu unterstützen. «Die Macht der Menschen ist stärker als die Menschen an der Macht», sagt sie. Steht so auch auf dem Pappkarton, den sie ans Gitter vor dem ICE-Hauptquartier gehängt hat.
Auf den Betonsperren dahinter stehen profanere Grussworte an die Mächtigen: «Fuck ICE», «Nazis», «Schweine». Rebecca aber wählt für ihre Botschaft sanftere Worte, «Minnesota nice»-like, so, wie die Menschen hier im kalten Norden der USA ihrem Ruf nach eben sind. «Ich habe aufgehört, Trump zu glauben. Er spricht von Deeskalation. Aber davon sehen wir nichts. Wir müssen abwarten.»
Wenige Stunden später kommt der hochoffizielle Dämpfer von der Trump-Regierung. Tom Homan (64), Trumps Border-Zar, der die ICE-Operation im Bundesstaat Minnesota seit Anfang Woche führt, sagt, deeskaliert werde erst dann, wenn die demokratischen Behörden hier seinen Agenten Zugang zu den Gefängnissen gewährten, damit sie illegale Kriminelle ausschaffen könnten.
Genau das tue man ja schon, sagen die hiesigen Behörden. Die Situation in Minneapolis bleibt wortwörtlich festgefroren. Aufs Wochenende hin sinken die Temperaturen weiter. Die Anspannung in der eisigen Metropole tut es nicht.