Der Vergleich mit Obama und Biden überrascht
Trumps Ausschaffungs-Beamte sind brutal - aber auch effizient?

Donald Trump verspricht Massenabschiebungen und maximale Härte. Doch ein Blick auf die Zahlen zeigt ein anderes Bild: Unter Barack Obama wurden deutlich mehr Menschen aus den USA zurückgeschickt. Die Statistik entzaubert Trumps grosses Versprechen.
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Donald Trump verspricht die grösste Abschiebungsaktion der US-Geschichte – doch die nackten Zahlen erzählen eine andere Geschichte.
Foto: keystone-sda.ch

Darum gehts

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Chiara SchlenzAusland-Redaktorin

Minneapolis ist in diesen Tagen mehr als nur eine Stadt im Mittleren Westen der USA. Nach eskalierten Einsätzen der US-Einwanderungsbehörde ICE, Protesten und nationalen Schlagzeilen ist sie zum Sinnbild einer Abschiebepolitik geworden, die sichtbar sein will – und Reibung erzeugt. Die Bilder passen zur Rhetorik aus dem Weissen Haus. Donald Trump (79) spricht von der «grössten Abschiebungsaktion aller Zeiten», von «harter Hand» und kompromissloser «Durchsetzung des Rechts». Razzien, gepanzerte Fahrzeuge und martialisch inszenierte Videos prägen die Wahrnehmung weit über Minnesota hinaus.

Doch wer hinter diese Inszenierung blickt und die nackten Zahlen analysiert, stösst auf eine unbequeme Wahrheit: Die effizienteste Abschiebepolitik der jüngeren US-Geschichte führte nicht Trump.

Was Zahlen taugen – und was nicht

Vielmehr war es ein demokratischer Vorgänger: Barack Obama (64). Ein Vergleich der Abschiebepolitik ist komplizierter, als er auf den ersten Blick scheint. In den USA gibt es keine einheitliche rechtliche Definition von «Abschiebung». Mal werden Zurückweisungen an der Grenze mitgezählt, mal nur Rückführungen aus dem Landesinneren. Zuständig sind verschiedene Behörden, die Daten unterschiedlich erfassen. Genau hier liegt ein zentrales Problem der aktuellen Debatte: Seit Trumps Amtsantritt werden detaillierte Abschiebestatistiken nur noch unregelmässig oder gar nicht mehr veröffentlicht. Kategorien werden zusammengelegt, Zeitreihen brechen ab. Transparenz und Vergleichbarkeit werden zur Mangelware.

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In Minneapolis zeigt sich, wie Trumps Abschiebepolitik im Alltag funktioniert: sichtbar, konfrontativ und politisch hoch umstritten.
Foto: AP

Die Obama-Jahre: hohe Zahlen, leiser Vollzug

Unter Obama wurden derweil zwischen 2009 und 2017 insgesamt rund 5,3 Millionen Menschen aus den USA abgeschoben oder zur Rückkehr gezwungen – mehr als unter jedem anderen Präsidenten der vergangenen Jahrzehnte. Besonders in den ersten Amtsjahren lagen die Zahlen auf Rekordniveau. Der Grund war kein spektakulärer Härtekurs, sondern ein strukturierter, technokratischer Ansatz. Menschen, die bereits in Haft waren, konnten effizient identifiziert und rückgeführt werden – ohne grossflächige Razzien oder Eskalationen im öffentlichen Raum.

Politisch war dieser Kurs teuer für den Demokraten. Obama wurde von Aktivisten scharf kritisiert, der Beiname «Deporter in Chief» blieb hängen.

Trumps Bilanz: mehr Zugriff, weniger Ergebnis

Trump dagegen setzt auf maximale Sichtbarkeit. Laut Auswertungen verfügbarer Bundesdaten wurden in seinem bisherigen Amtsjahr 2025 rund 540’000 Menschen abgeschoben oder zur Rückkehr bewegt. Das ist mehr als in einzelnen Jahren seiner ersten Amtszeit, liegt aber unter den Zahlen der letzten Biden-Jahre – und deutlich unter dem Niveau der Obama-Ära.

Auffällig ist vor allem die Verschiebung der Strategie. Die Zahl der Festnahmen im Landesinneren ist stark gestiegen, insbesondere Festnahmen auf offener Strasse, in Wohnungen oder an Arbeitsplätzen. Gleichzeitig hält die Zahl der tatsächlichen Rückführungen mit den drastisch ausgeweiteten Zugriffen nicht Schritt. Mehr Festnahmen führen nicht automatisch zu mehr Abschiebungen – sondern zu längeren Haftzeiten, überfüllten Einrichtungen und wachsendem Druck auf ein ohnehin überlastetes System.

Haftsystem wächst schneller als Abschiebungen.

Deshalb explodiert der Ausbau der Haftplätze. Innerhalb eines Jahres stieg die Zahl der in Abschiebehaft gehaltenen Menschen um mehr als 75 Prozent. Laut Daten des American Immigration Council befanden sich Ende 2025 zeitweise über 70’000 Personen in Gewahrsam der Einwanderungsbehörde – so viele wie nie zuvor. Rund drei Viertel der Inhaftierten hatten keine strafrechtliche Verurteilung, sondern wurden ausschliesslich wegen ihres Aufenthaltsstatus festgehalten.

Die drastische Ausweitung der Razzien wirkt sich auch auf die Haftstatistiken und auf die Todesfaelle in Gewahrsam aus: 2025 wurde laut «The Guardian» zum todesreichsten Jahr in ICE-Gewahrsam seit mehr als zwei Jahrzehnten, mit mindestens 32 dokumentierten Todesfällen in ICE-Gewahrsam. Auch Anfang 2026 gab es bereits weitere Todesfälle in Haft.

Experten: Zielmarken kaum erreichbar

Unabhängige Institute wie das Migration Policy Institute ziehen eine nüchterne Bilanz. Trotz steigender Festnahmen und massiver Ausweitung der Haft ist die Trump-Regierung nicht auf Kurs, jährlich die angekündigte Million Abschiebungen zu erreichen. Zwar sinkt die Zahl der Menschen ohne legalen Status leicht, doch Experten widersprechen den von der Regierung kolportierten Millionenabgängen. Ohne detaillierte, veröffentlichte Daten bleibt aber unklar, wie viele Menschen tatsächlich abgeschoben wurden und wie viele schlicht von selbst aus gingen.

Was bleibt ist ein Missverhältnis zwischen Anspruch und Ergebnis: viel Show, viel Inszenierung, aber weniger Effizienz, als die Rhetorik verspricht.

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