Merz-Debakel erklärt
Das steckt wirklich hinter dem AfD-Aufstand im Osten

Fast 44 Prozent der Wählenden haben am Wochenende in Sachsen-Anhalt die AfD gewählt. Das hat nur zum Teil mit dem Wahlprogramm der extremen Partei zu tun. Vielen AfD-Wählern geht es um etwas ganz anderes.
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Fast 44 Prozent der Wählenden gaben der AfD in Sachsen-Anhalt ihre Stimme.
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Darum gehts

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  • Fast 44 Prozent wählen bei Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am Sonntag AfD
  • Frustration im Osten Deutschlands über Politik Berlins
  • Nur 16 Prozent der Deutschen sind zufrieden mit Kanzler Friedrich Merz
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Samuel SchumacherAusland-Reporter

«Und liegen wir auch am Boden: Ein Bein stellen können wir dem abgehobenen Ex-Banker im Berliner Kanzleramt noch allemal!» Das dürften sich viele Menschen in Sachsen-Anhalt gedacht haben, als sie am Sonntag ihren Wahlzettel für die AfD einwarfen.

Klar gibt es unter den fast 44 Prozent AfD-Wählern im ostdeutschen Bundesland auch jene, die sich vom 258-seitigen Regierungsprogramm der «Alternative» haben überzeugen lassen. Eine bessere Bildungspolitik, konsequente Ausschaffung Krimineller, Gratiskitas: Wer will das schon nicht? Macht man sich aber in den weiten Osten Deutschlands auf und hört den Menschen in den AfD-Hochburgen zu, merkt man rasch: Hinter dem Wunsch nach Wandel steht etwas ganz anderes.

Riesig ist die Verbitterung über die Mächtigen in der Hauptstadt, perfekt verkörpert durch den Ex-Anwalt und einstigen Blackrock-Aufsichtsrat Friedrich Merz (70), der das Land mit seiner hölzernen Art und dem griesgrämigen Blick einfach nicht aus der Patsche kriegt.

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Ulrich Siegmund und seine AfD räumten in Sachsen-Anhalt ab.
Foto: Getty Images

Ist natürlich auch schwierig. Deutschland, Europas wichtigste Industrienation, ist gelähmt durch die hohen Energiekosten. Die Abschaltung der Atomkraftwerke, der Ausstieg aus der Kohle, der Wegfall des russischen Gases, die Hormus-Ölkrise: alles nicht Merz’ Schuld. Und doch festigt sich gerade im wirtschaftlich hinterherhinkenden Osten das Bild eines Zauderers, der nichts gebacken kriegt.

Die traumatisierten Millionen im Osten

«Ein Anklopfer» sei der Merz, erklärte mir einst Jürgen Müller (64), Gemeindepräsident von Karlsdorf in Thüringen, der Gemeinde mit dem höchsten AfD-Wähleranteil ganz Deutschlands. Merz mache Ansagen und krebse beim ersten Widerstand gleich zurück. Die «Ossis» seien sich das gewohnt: «Wir wissen, dass wir von denen da oben angearscht werden. Wir haben das in der DDR ja alles schon mal erlebt», erzählte mir Müller bei meinem Besuch in der AfD-Hochburg. Die im Westen, die würden es auch bald merken.

Haben sie inzwischen getan. Nur noch 16 Prozent der Deutschen finden, Merz mache seinen Job gut. Ein historischer Katastrophenwert. Dass der Multimillionär während der Hochphase des Wahlkampfs im Osten seelenruhig fast vier Wochen Urlaub am süddeutschen Tegernsee gemacht hat, dürfte seinem Ruf bei den abgehängten Büezern im Land nicht gerade geholfen haben.

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Deutschland ohne Gessler-Mythos

«Fast schon etwas Herrschaftliches» hätten die Verwalter der Bundesrepublik, erklärte mir einst der Autor und Antiquariatsinhaber Manfred Mortzeck (78) aus der Stadt Jena in Thüringen. Wenn die Deutschen jetzt also in Scharen gegen ihre Regierung und für die extreme Alternative votieren, dann kann man das als versuchten Befreiungsschlag gegen die Unterdrücker lesen.

Anders als in der Schweiz, wo man sich gerne der eigenen anti-obrigkeitlichen Geschichte rühmt, hat Deutschland keinen Gessler-Mythos, in dem sich die Volksseele wohlig baden könnte; keine viermal jährlich verschickten Abstimmungscouverts, die es einem erlauben, seinen politischen Protest vom Küchentisch aus «denen da oben» direktdemokratisch mitzuteilen. Da bricht man die Lanze halt bei den Landtagswahlen, da wählt man halt den Uli Siegmund (35), um den «Fritze» (wie sie Merz im Osten unzimperlich nennen) zu fetzen.

Noch etwas anderes spielt mit: das alte Trauma des Ostens, perfekt auf den Punkt gebracht vom einstigen Linken-Chef Gregor Gysi (78). Der wird nicht müde, auf die vermeintlichen Fehler bei der Wiedervereinigung Deutschlands am 3. Oktober 1990 aufmerksam zu machen. Statt wenigstens ein paar der Errungenschaften der DDR (Gratiskitas, Berufsmaturitätsschulen, Polikliniken) zu übernehmen, habe der Westen alles, was aus dem Osten kam, als des Teufels deklariert und abgeschafft. Den «Ossis» habe man vermittelt, dass ihre Lebensleistung, ihre Kultur nichts wert sei. Eine faktische Unterwerfung sei das gewesen, erklärt Gysi in seinen Essays und Vorträgen.

Schröder und Merkel noch erträglich

Dabei brach für viele im Osten damals eine Welt zusammen. Was man Berlin-Touristen heute mit Trabi-Fahrten, Spreewald-Gurken und Mauertouren nostalgisch als längst verblasste Vergangenheit präsentiert, prägt Millionen von Deutschen im Osten des Landes bis heute. 41 Jahre lang waren sie Teil des Warschauer Pakts.

Den linken Gerhard Schröder (1998 bis 2005) und die ostdeutsche Pro-Russin Angela Merkel (2005 bis 2021) hat man noch ertragen können. Dann kam der Pandemie-Kanzler Olaf Scholz und jetzt dieser abgehobene, schwerreiche Sauerländer Merz. Das kratzt in alten Wunden, da kommts dem Osten hoch, da macht man auf Protest und wählt die AfD.

So regiert die AfD ihre erste deutsche Stadt

Die ist in Teilen von Sachsen-Anhalt übrigens längst an der Macht. Die Stadt Raguhn-Jessnitz wird seit 2023 von AfD-Bürgermeister Hannes Loth (45) regiert. Der empfing mich vergangenes Jahr in seiner Heimat mit der als Beruhigung gemeinten Versicherung: «Wir haben hier noch nicht das Dritte oder Vierte Reich ausgerufen.» Stattdessen macht die AfD da genau das, was wohl auch alle anderen Parteien an der Macht machen würden: den Stadtpark erneuern (1,5 Millionen Euro), den Kunstrasen auf dem Fussballplatz neu verlegen (700'000 Euro), für das neue Feuerwehrzentrum werben (voraussichtlich 4 Millionen Euro).

Infrastruktur, praktische Dinge, wenig extrem. Dass man auf lokaler Ebene auch als AfD-Politiker pragmatisch sein muss, zeigt der neue Windradpark («die beste Einnahmequelle unserer Stadt») in Raguhn-Jessnitz. Während AfD-Parteichefin Alice Weidel (47) die «Windmühlen der Schande niederreissen» will, sagt AfD-Bürgermeister Loth: «Wir reissen hier gar nix nieder!»

Was aber passiert, wenn die Protestpartei jetzt wohl erstmals einen Regierungschef in einem Bundesland stellt? Wie pragmatisch werden die Extremisten dann? Reissen sie nieder, oder lassen sie stehen? In Sachsen-Anhalt dürfte sich (je nach Ausgang der Koalitionsverhandlungen) bald zeigen, ob die AfD nicht nur grossmeisterlich protestieren, sondern auch regieren kann.

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