Leichtes Spiel dank Telegram
Jetzt setzt Putin auf ukrainische Terror-Teenies

Ukrainische Kinder und Jugendliche gehen im Netz russischen Rekrutierern in grosser Zahl auf den Leim. Das endet immer wieder tödlich. Die App, die Putins Agenten für ihre Anwerbeversuche nutzen, ist auch in der Schweiz verbreitet.
Publiziert: 17:01 Uhr
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Aktualisiert: vor 6 Minuten
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Darum gehts

  • Russland rekrutiert ukrainische Teenager für Sabotageakte mittels Telegram-App
  • Jugendliche werden durch Geld und Erpressung zu Terrorakten verleitet
  • Rund 700 Sabotageakte seit 2024, davon ein Viertel von Teenagern verübt
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Samuel SchumacherAusland-Reporter

Neue Nacht, neuer Raketenterror. Wladimir Putin (72) setzt seine Zermürbungstaktik gegen die Zivilbevölkerung in der Ukraine gnadenlos fort. Doch: Seine Raketen sind nicht die einzige Waffe, die er nutzt, um jeden neuen Tag zu einem neuen Alptraum für die Zivilbevölkerung zu machen.

Seit geraumer Zeit setzt Putin auch auf ukrainische Teenager, die er mit fiesen Tricks dazu bringt, im eigenen Land Angst und Schrecken zu verbreiten. Zentral dabei: eine App, die auch in der Schweiz von Zehntausenden Jugendlichen genutzt wird.

Rund 700 Sabotageakte und Terrorangriffe hat der ukrainische Geheimdienst seit 2024 aufgeklärt. Für jeden vierten waren Teenager verantwortlich. Am 11. März dieses Jahres etwa bauten ein 15- und ein 17-Jähriger in der westukrainischen Stadt Iwano-Frankiwsk auf Anweisung russischer Agenten zwei Bomben, die von einem aus Russland heraus gesteuerten Fernauslöser frühzeitig zur Detonation gebracht wurden. Einer der Jungen wurde getötet, der andere schwer verletzt. 

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Ukrainische Jugendliche werden im Netz leichte Beute für russische Agenten.
Foto: Shutterstock

Gefährliches Game, schneller Cash

Das Beispiel der unfreiwilligen Selbstmordattentäter von Iwano-Frankiwsk ist kein Einzelfall. Ein Dutzend solcher Fälle soll es laut dem «Guardian» in den vergangenen anderthalb Jahren gegeben haben. Russland schreckt offenbar vor nichts zurück. Das jüngste Opfer, das von Putins Agenten für Sabotageakte rekrutiert worden ist, war ein elfjähriges Mädchen aus Odessa, ein Primarschulkind. Schon ab 14 droht mutmasslichen Terroristen in der Ukraine eine zehnjährige Haftstrafe.

Die Rekrutierung von ukrainischen Teenagern durch russische Saboteure wird zum immer grösseren Problem – auch in Gebieten weitab der eigentlichen Kriegsfront. Die neue, jugendliche Gefahr von innen setzt auf verunsicherte Teenies in Geldnot, die sich auf dem Messenger-Dienst Telegram in einschlägigen Kanälen nach gut bezahlten Tagesjobs umsehen.

Das Spiel laufe fast immer gleich ab, erklärt Vasyl Bohdan, Jugendschutzbeauftragter der ukrainischen Polizei, diese Woche der Zeitung «Kyiv Independent». Jugendliche werden in einer Art «Game» dazu motiviert, Graffitis auf Wände zu sprayen oder militärische Gebäude zu fotografieren. Danach folgen heftigere Aufgaben, wie etwa Brandstiftung. In einem finalen Push werden manche der Terror-Teenies dazu gedrängt, Bomben zu bauen und an bestimmten Orten zu platzieren.

Die Plattform «Texty» hat jüngst publik gemacht, was ukrainische Teenager mit ihren gefährlichen Nebenjobs verdienen können: 50 Dollar für Graffitis, 1000 Dollar für Explosionen, sogar bis zu 5000 Dollar für Brandstiftung in Gebäuden der ukrainischen Bahn. Die Brandstifter müssen ihre Taten zum Beweis filmen. Die Filmchen wiederum nutzen russische Propagandakanäle, um auf den vermeintlichen ukrainischen Widerstand gegen die eigene Regierung aufmerksam zu machen.

Die Zahlungen (oft in Kryptowährungen) sind nicht die einzige Methode, mit denen die Jugendlichen «motiviert» werden. Oft gelingt es den russischen Agenten auch, an belastendes Material (etwa Nacktfotos oder «peinliche» Chats) ihrer pubertierenden Rekruten zu gelangen und den Teenagern mit der Veröffentlichung dieses Materials zu drohen.

Ukraine schlägt zurück

Zentral für die Rekrutierungsbemühungen ist die App Telegram, die weltweit mehr als eine Milliarde Nutzer und Nutzerinnen hat und auch in der Schweiz von Zehntausenden Menschen täglich verwendet wird (Stand 2022; länderspezifische Zahlen gab das Unternehmen seither nicht mehr bekannt). Telegram lässt alle möglichen Gruppierungen ungehindert Inhalte verbreiten. Zudem bietet die App nebst normalen Chatfunktionen auch die Möglichkeit, Gruppen mit teils mehreren Millionen Mitgliedern zu lancieren, in denen Inhalte ohne Moderation geteilt werden können.

Telegram-Gründer Pawel Durow (40) hat nur gerade mit Frankreich einen Deal gemacht, um effektive Hürden für Terrorpropaganda zu errichten. Ausserhalb Frankreichs bleibt Telegram für kriminelle Banden ein paradiesisches Jagdgebiet, in dem sich leicht Beute machen lässt.

Gleichzeitig ist die App besonders in der Ukraine auch bei der Regierung sehr beliebt. Präsident Wolodimir Selenski (47) etwa publiziert seine allabendlichen Ansprachen auf Telegram. Und: Die ukrainischen Strafbehörden nutzen die App auch, um die russischen Rekrutierungsbemühungen zu stoppen. In einem extra eingerichteten Telegram-Chat kann jede und jeder ohne grossen Aufwand russische Anwerbeversuche melden. Der Name des Chats: «Verbrenne einen russischen Agenten». Game on!

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