Darum gehts
- Charie (26) sitzt lebenslang im Gefängnis wegen Kinderprostitution in Manila
- Behörden werfen ihr vor, Schwester und Tochter Männern angeboten zu haben
- Auf den Philippinen erleben rund zwei Millionen Kinder Online-Missbrauch laut Unicef
Ihr Haar fällt schulterlang und glatt. Charie (26) streicht es zurück. Ihre Lippen glänzen, die Wangenknochen schimmern. Dunkelblaue Linsen decken das Braun ihrer Augen. Die Wimpern sind aufgeklebt. Sie trägt ein oranges Poloshirt. Darauf steht: «Correctional Institution for Women». Darunter: «Maximum».
Charie ist 11, als ihre Tante sie an ausländische Touristen verkauft. 17, als sie selbst online Kunden anwirbt. Mit 19 bietet sie Männern ihre Cousine (14) an. Mit 26 sitzt sie im Gefängnis – und tanzt dort für VIP-Besucher.
An diesem Tag sind nur ihre Mutter und ihr Bruder da. Sie essen zusammen. Frittiertes Poulet mit Reis und Pommes. 200 Pesos pro Person, 2.60 Franken.
Frauen beteuern Unschuld
Der Bruder reisst Witze. Charie lacht, schubst ihn weg. Sie sagt, sie sei unschuldig.
Tante Claire setzt sich ihr gegenüber. Auch sie trägt Gefängnis-Orange. Auch sie versichert: alles falsch.
Die Behörden sagen, Charie und Claire hätten über das Internet Kinder an ausländische Männer vermittelt. Die Mädchen mussten vor der Kamera tanzen. Missbrauch über sich ergehen lassen. Mitgehen, wenn Männer vorbeikamen.
Charie schüttelt den Kopf. «Ich habe nie so etwas gemacht.» Claire behauptet, sie sitze wegen Geldwäscherei. Kinder habe sie keine verkauft.
Sieben Menschen auf 20 Quadratmetern
Ein Armenviertel in Manila. Häuser aus Blech und Beton. Dahinter die Wolkenkratzer von Makati, wo die Reichen wohnen.
Charies Mutter Happy (43) steigt die Leiter zu ihrer Wohnung hoch. Ein Schlafzimmer. Ein Wohnzimmer mit Küche. 20 Quadratmeter. Sie leben hier zu siebt.
Happy zieht ihre Kinder alleine gross. Kürzlich hat sie ihren Job verloren. «Wir essen, was die Nachbarn uns schenken», sagt sie.
Manchmal schickt ihr ältester Sohn JC Geld. Er ist 27, hat das College abgebrochen, um seine Familie zu unterstützen.
Mit 11 musste sie arbeiten
Happy sagt, Charie sei ein fleissiges Kind gewesen. Mit sechs oder sieben steht sie schon am Herd. Sie kocht, wäscht Teller, kümmert sich um ihre vier jüngeren Geschwister.
Die Familie zieht oft um. Streit zwischen den Eltern. Zu viele Kinder, zu wenig Platz. Manchmal schlafen sie bei Verwandten.
JC zieht mit 14 aus. Er will die Streitereien nicht mehr sehen. Nach der Schule wäscht er für seine Lehrer. Dafür bekommt er ein paar Pesos. Später arbeitet er in der Schulkantine. 80 Pesos am Tag. Einen Franken. Das Geld gibt er seiner Familie.
Auch Charie versucht, zu verdienen. Mit 11 geht sie arbeiten. Bei Edlin, der Cousine ihres Vaters. «Ich dachte, sie würde im Haushalt helfen», sagt Happy.
Edlin kennt Männer aus dem Ausland. Geschäftsleute, Touristen. Manche wohnen in Hotels in Makati.
Eines Tages nimmt sie Charie mit. Im Zimmer wartet ein Mann. Ausländer. Er bezahlt. Charie bleibt. Edlin nimmt das Geld. Charie ist noch ein Teenager.
Es kommt zum sexuellen Übergriff an der Minderjährigen.
Happy sagt, manche Ausländer würden 50'000 Pesos bezahlen. Knapp 670 Franken. Charie bekommt einen kleinen Bruchteil. Sie spricht nicht darüber.
Mutter glaubt an Charies Unschuld
Jahre später chattet Charie selbst mit Ausländern. Zu dieser Zeit recherchiert der belgische Journalist Peter Dupont, Gründer der Organisation Underground Child Foundation, undercover. Er lernt Charie über eine Dating-Plattform kennen. «Im ersten Gespräch bot sie mir ihre 14-jährige Cousine für ein Sex-Treffen an», erzählt er.
Dupont informiert die Polizei. Lange passiert nichts. Charie bringt zwei Kinder zur Welt. Das zweite ist wenige Monate alt, als die Polizei auftaucht.
Charie wird verhaftet. Die Ermittler werfen ihr vor, Ausländern ihre kleine Schwester Princess, damals 5, und ihre Tochter Rian, damals 2, angeboten zu haben.
Ihre Mutter Happy glaubt nicht daran. «Charie hat das selbst erlebt. Ich glaube nicht, dass sie ihrer Tochter und Schwester dasselbe antun würde.»
Das war 2019. Danach wird Charie zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe verurteilt.
Kamera auf die Kinder
Ein Einkaufszentrum im Reichenviertel. Läden mit Luxuskleidern. Restaurants auf der Dachterrasse. Mittendrin zwei junge Frauen: Erych (20) und Kyle (19) machen Fotos für Instagram.
Charie ist ihre Cousine, Claire ihre Mutter – die beiden Frauen, die Blick im Gefängnis besucht hat.
Erychs und Kyles Eltern sind arm. So arm, dass sie zeitweise keine Wohnung haben. Die Familie lebt auf einem Friedhof. In einem Mausoleum.
Ihre Mutter arbeitet am Computer. Die Kamera richtet sie auf ihre Töchter. Ein Mann aus dem Ausland schaut zu. Die Mädchen sehen ihn nicht.
Von der eigenen Mutter verkauft
Claire sagt ihnen, sie sollen tanzen. Manchmal sollen sie sich ausziehen. Sie sind etwa elf Jahre alt.
Die Männer geben Anweisungen. Claire übersetzt. Die Mädchen folgen. Danach bekommen sie ein paar Pesos. Für Snacks.
Erych und Kyle sagen, die Männer seien nie persönlich vorbeigekommen. Alles sei über die Kamera gelaufen. Andere Opfer der Familie C. erzählen eine andere Geschichte. Sie sagen, die Mädchen hätten die Männer auch treffen müssen.
«Ich habe akzeptiert, dass Mama im Knast sitzt», sagt Erych. Sie studiert heute Tourismus. «Wir leben weiter, konzentrieren uns auf die Zukunft.»
Auf den Philippinen leben 115 Millionen Menschen. Laut Unicef sind zwei Millionen Kinder Opfer von Online-Missbrauch.
Sie tanzt für Gefängnisbesucher
Charie hat aufgegessen. Von den Mahlzeiten im Gefängnis werde ihr schlecht, sagt sie. Für besseres Essen muss sie bezahlen. Also arbeitet sie. Als Tänzerin.
«Wenn Politiker oder Spender das Gefängnis besuchen, tanzen wir für sie», sagt Charie. Sie zuckt mit den Schultern. «So kommt etwas Geld rein.»
Claire und Charie verabschieden sich. Sie wollen Süssgetränke kaufen, fragen nach Geld. Dann gehen sie zurück hinter das Tor.