Darum gehts
Für Benjamin «Bibi» Netanyahu (76) geht es am 27. Oktober um alles: seine Macht, sein Vermächtnis und seine persönliche Freiheit. Die bevorstehenden Knesset-Wahlen sind kein gewöhnlicher politischer Wettbewerb, sondern ein historisches Schicksalsvotum. Nach fast drei Jahren im permanenten Kriegszustand steht Israel vor einer monumentalen Weichenstellung.
Das politische Überleben des langjährigen Ministerpräsidenten hängt an einem seidenen Faden. Denn aktuelle Prognosen deuten darauf hin, dass Netanyahus rechtskonservativer Likud-Partei ein schwerer Absturz droht. Ihr gefährlichster Rivale ist Gadi Eisenkot (66), dessen Politik die Lage im Nahen Osten verändern würde.
Der ehemalige Generalstabschef hat mit seiner neu gegründeten, zentristischen Partei Jaschar (hebräisch für «geradeaus» oder «aufrecht») einen rasanten Aufstieg hingelegt und den amtierenden Premier in verschiedenen Wählerbefragungen innert Kürze überholt. Andere namhafte Herausforderer wie das Bündnis um Naftali Bennett (54) und Yair Lapid (62) sowie die politische Linke liegen derzeit abgeschlagen dahinter.
Der Anti-Netanyahu
Damit läuft in der Endphase alles auf ein direktes Duell zwischen Netanyahu und dem pensionierten Spitzenmilitär hinaus. Für viele unzufriedene Bürger verkörpert Eisenkot das exakte Gegenmittel zu «Bibi» Netanyahu. Während der amtierende Premier als rhetorisch brillanter, aber hochgradig manipulativer Taktiker gilt, punktet der Herausforderer mit unaufgeregter Bodenständigkeit, Authentizität und Ehrlichkeit.
Eisenkot verlor im Gazakrieg seinen Sohn Gal (†25) sowie zwei Neffen an der Front – während Netanyahus Söhne nicht im Kampfeinsatz standen. Politikwissenschaftlerin Gayil Talshir von der Hebrew University in Jerusalem sagt in der «Times of Israel»: «Gadi verkörpert alles, was Netanyahu nicht hat.»
Eisenkot stammt aus einer einfachen marokkanisch-stämmigen Arbeiterfamilie. Sein Name lautete ursprünglich Azencot und wurde bei der Einwanderung auf das deutsch klingende Eisenkot angepasst.
Ärger mit Netanyahu
Der Wahltag wird zu einer schonungslosen Abrechnung mit Netanyahu. Die Frust-Liste ist lang: Viele Israelis werfen dem Premier vor, eine unabhängige Untersuchung des katastrophalen Sicherheitsversagens beim Hamas-Überfall vom 7. Oktober 2023 gezielt zu blockieren. Das Kalkül dahinter, so seine Kritiker: Er müsse seine rechtsextremen Koalitionspartner um jeden Preis im Boot halten, denn bei einem Machtverlust droht ihm im laufenden Korruptionsprozess eine Gefängnisstrafe.
Diese innenpolitischen Grabenkämpfe haben auch Israels wichtigste strategische Lebensversicherung beschädigt: die Allianz mit den USA. Wie tief die Risse in dieser Partnerschaft inzwischen sind, zeigte sich am Mittwoch bei einer Abstimmung im US-Repräsentantenhaus, als 103 Abgeordnete der Demokraten gegen die Fortführung der regelmässigen US-Militärhilfe für Israel stimmten und sich weitere zehn der Stimme enthielten. Dass die 3,3 Milliarden Dollar für das nächste Haushaltsjahr überhaupt freigegeben wurden, lag an den Stimmen der Republikaner. Unter einer neuen Führung soll dieses zerrüttete Verhältnis zu Washington dringend repariert werden.
Eisenkots harte Hand
Nach den kräfteraubenden Kriegsjahren wünschen sich viele Israelis eine klare und zukunftsgerichtete Sicherheitsstrategie statt eines endlosen und konzeptlosen Kriegs. Dabei ist Eisenkot keineswegs eine Friedenstaube. Im Gegenteil: Er ist der geistige Vater der sogenannten Dahiya-Doktrin. Dieses militärische Konzept setzt auf kompromisslose Abschreckung durch asymmetrische, extreme Zerstörungskraft. Greift ein Feind an, reagiert Israel unter dieser Doktrin mit bewusster Härte gegen die gesamte Infrastruktur des Gegners, um ihm sofort jede Kraft und Motivation für weitere Schläge zu nehmen.
Als militärischer Hardliner wird Eisenkot gegenüber Teheran und seinen Verbündeten im Libanon und Jemen zwar ebenfalls eiserne Entschlossenheit zeigen. Aber er bringt die rationale Vernunft in die Staatsführung zurück. Anders als Netanyahu bewertet er die geopolitische Lage nicht nach ideologischem oder persönlichem Nutzen, sondern nach nackten Zahlen und Machbarkeit.
Dem Konflikt mit dem Iran würde Eisenkot einen neuen Drall verpassen. Er würde den Krieg nicht beenden, aber er würde ihn entpolitisieren. Statt lauter, medienwirksamer Vergeltungsschläge für die heimischen Kameras würde er auf chirurgische Luft- und Cyberangriffe setzen. Und das alles in enger Abstimmung mit dem Weissen Haus. Gefährliche Alleingänge auf Kosten der nationalen Sicherheit gäbe es unter einem Premierminister Gadi Eisenkot nicht mehr.
Vor dem Scheideweg
Auch im Gazastreifen verfolgt er seine eigenen, nüchternen Pläne: Während Netanyahus extremistische Minister lautstark von einer vollständigen Wiederbesiedlung des Gazastreifens träumen, will Eisenkot die zivile Verwaltung an eine internationale Koalition übergeben. Denn er weiss, dass Israel schlicht nicht die demografischen und wirtschaftlichen Ressourcen besitzt, um Millionen von Palästinensern dauerhaft militärisch zu kontrollieren.
Israel steht am Scheideweg. Auf der einen Seite steht das System Netanyahu, das auf Polarisierung und Taktieren in eigenen Interessen setzt. Auf der anderen Seite steht Eisenkot mit dem Versprechen, dass nur ein integer und gerecht geführtes Land Stärke ausstrahlen kann. Gewinnt er, endet eine Ära. Verliert er, bleibt das Land auf unbestimmte Zeit im Krisenmodus.