ICE-Agenten erschiessen Alex Pretti (†37)
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Bei Gerangel in Minneapolis:ICE-Agenten erschiessen Alex Pretti (†37)

ICE-Beamte ballerten Alex Pretti (†37) in den Tod – übler Verdacht
Haben sie ihn erst entwaffnet – und dann hingerichtet?

Nachdem Trumps Einwanderungs- und Zollbehörde ICE erneut einen Zivilisten auf offener Strasse erschossen hat, gehen in den USA die Wogen hoch. Arten die Proteste aus? Wie sicher sind Reisen in die USA noch? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.
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Nach der Erschiessung von Alex Pretti kam es zu weiteren Aggressionen der ICE.
Foto: Keystone

Darum gehts

  • Ein ICE-Agent erschoss Alex Pretti (37) am 17. Januar in Minneapolis
  • Videoaufnahmen zeigen, Pretti war unbewaffnet und lag wehrlos am Boden
  • Proteste trotz –27° C, Bürgermeister fordert Nationalgarde
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Guido FelderAusland-Redaktor

17 Tage, nachdem ein ICE-Beamter eine unbewaffnete Frau in einem Auto erschossen hat, kam es am Samstag in Minneapolis erneut zu einem tödlichen Zwischenfall mit der US-Einwanderungs- und Zollbehörde. Opfer ist der 37-jährige Krankenpfleger Alex Pretti, der von ICE-Agenten zu Boden gedrückt und in offensichtlich wehrloser Position mit vier Schüssen niedergestreckt wurde.

Nach der erneuten ICE-Aggression steigt in den Städten die Wut. Erst recht, nachdem die Behörden um US-Präsident Donald Trump (79) dem Mann Terrorismus vorwerfen. Steuern die USA auf einen Bürgerkrieg zu? Wir beantworten die drängendsten Fragen zum jüngsten Vorfall und zur Sicherheit in den USA.

Was wissen wir über den Tod von Alex Pretti?

Alex Pretti (†37) ist am Samstag bei einem ICE-Einsatz erschossen worden. Augenzeugen und Videoaufnahmen zeigen, dass Pretti ICE-Beamte mit dem Handy filmte, als diese eine Frau wegstiessen und eine andere Person zu Boden drückten.

Als Pretti helfen wollte, besprühten ihn die Beamten mit Pfefferspray und rangen ihn nieder. Darauf sind innerhalb von fünf Sekunden mindestens zehn Schüsse zu hören, von denen einige den auf dem Boden festgehaltenen Pretti trafen. Er starb im Spital. Ein Arzt kritisierte anschliessend die Beamten, dass sie keine Rettungsmassnahmen eingeleitet hätten.

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Beim jüngsten ICE-Opfer in Minneapolis handelt es sich um den 37-jährigen Alex Pretti.
Foto: AP

Bedrohte Pretti die Agenten mit einer Waffe?

Als Pretti am Boden festgehalten wurde, zog ihm einer der Agenten einen Gegenstand aus der Hose und eilte davon. Auf den Videos ist dieser Gegenstand nicht klar zu erkennen, es könnte sich aber um eine Pistole handeln. Nach Angaben des Heimatschutzministeriums war Pretti mit einer Pistole mit Doppelmagazin bewaffnet.

Gemäss Videoaufnahmen wurde Pretti vermutlich entwaffnet und erst danach erschossen, als er wehrlos am Boden lag. Es gibt weder Videoaufnahmen noch Aussagen von neutralen Zeugen, die darauf hinweisen, dass er die ICE-Agenten mit einer Waffe bedroht hat.

Wie rechtfertigt sich Trump?

Laut dem Weissen Haus haben die Beamten versucht, Pretti zu entwaffnen. Weil sich dieser angeblich wehrte, habe der Beamte aus Notwehr geschossen. Das Heimatschutzministerium zeigte ein Foto der mutmasslichen Waffe, die geladen gewesen sein soll. Trumps Vize-Stabschef Stephen Miller (40) bezeichnete Pretti, der nicht vorbestraft war und über einen Waffenschein verfügte, als «inländischen Terroristen».

Die Eltern des 37-jährigen Krankenpflegers Pretti verurteilten die Aussagen als «widerliche Lügen». Selbst die konservative Organisation für Waffenrechte NRA äusserte sich kritisch gegenüber den Kommentaren aus Washington: «Verantwortungsbewusste öffentliche Stimmen sollten eine vollständige Untersuchung abwarten, anstatt Verallgemeinerungen vorzunehmen und gesetzestreue Bürger zu dämonisieren.»

Wie weit ist es noch zu einem Bürgerkrieg?

In den oft demokratisch regierten Grossstädten wächst die Wut auf Trump. Trotz eisiger Temperaturen von nachts bis minus 27 Grad kam es in Minneapolis zu massiven Protesten gegen das brutale Vorgehen der ICE. Um die Sicherheit zu gewährleisten, bat der demokratische Bürgermeister Jacob Frey (44) die bundeseigene Nationalgarde um Hilfe, weil die Polizei «wegen Beeinträchtigung der öffentlichen Sicherheit durch Beamte der Einwanderungsbehörde» Unterstützung benötige. Bereits fällt das Wort Bürgerkrieg.

Bis zu einem Bürgerkrieg ist es allerdings ein weiter Weg. Zwar kritisieren lokale Politiker den Einsatz der ICE scharf, aber sie fordern politische Lösungen und nicht bewaffnete Gewalt. So wollen zum Beispiel führende Demokraten im Senat der Heimatschutzbehörde die finanziellen Mittel kürzen.

Möglich sind vermehrte Proteste in den Städten. Michelle Phelps, Soziologieprofessorin in Minneapolis, sagt über die lokalen Proteste gegenüber spiegel.de: «Jeder Tag, der verstreicht, ohne dass die Lage eskaliert, ist schon ein Gewinn.»

Wie gut ausgebildet sind die ICE-Agenten?

Auf X fordert Minnesotas demokratischer Gouverneur Tim Walz (61) den sofortigen Abzug der gewalttätigen und «ungeschulten» Beamten. Mit diesem Begriff hat er nicht unrecht: Wegen des hohen Personalbedarfs ist die Ausbildungszeit der Agenten laut US-Medien von 13 auf 6 Wochen verkürzt worden. Kritiker sagen, dass es ihnen vor allem an Erfahrung bezüglich Urteilsbildung in aussergewöhnlichen Situationen und an Deeskalationstechniken fehle.

Bei den ICE-Angehörigen handelt es sich oft um ehemalige Polizisten und Militärangehörige. Um die Reihen zu füllen, werden jetzt aber auch Bewerber ohne Erfahrung im Sicherheitsbereich eingestellt.

Wie sicher sind jetzt Reisen in die USA noch?

Alarmismus ist nicht angesagt. Das EDA bezeichnet Reisen in die USA «grundsätzlich als sicher». Klassische Touristengebiete und -einrichtungen sind unproblematisch, da sich die Aggressionen nicht gegen Ausländer richten. Wegen der harten Politik Trumps empfiehlt es sich aber, spannungsgeladene Gebiete zu meiden und Sicherheitskräfte nicht zu provozieren.

Donald Trump wird alles daran setzen, dass weiterhin Touristen in die USA kommen, vor allem auch im Hinblick auf die Fussball-WM, die vom 11. Juni bis 19. Juli in den USA, Kanada und Mexiko stattfindet.

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