Hält Trump dem Druck stand?
Die Stadt der Angst übt den Widerstand gegen ICE

15'000 Menschen gehen in Minneapolis gegen Trumps ICE-Agenten auf die Strasse. Ob das wirklich schlau ist, darüber sind sich die Demonstrierenden selbst nicht einig. Doch still bleiben ist angesichts der Extremsituation in Minnesota für viele keine Option mehr.
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Am Freitag gingen in Minneapolis rund 15'000 Menschen gegen ICE auf die Strasse.
Foto: Samuel Schumacher

Darum gehts

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Samuel SchumacherAusland-Reporter

Die Menschen in Minneapolis verhalten sich in diesem Winter wie die Murmeltiere. Kommt Gefahr, dann pfeifen sie. Rhythmische Pfiffe bedeuten: Die ICE-Migrationspolizisten sind im Anmarsch. Lang anhaltende Pfiffe heissen: ICE verhaftet gerade jemanden. In mehr als 100 Fällen schnappten die maskierten Agenten in den vergangenen Tagen fälschlicherweise Menschen mit gültigen Papieren und schickten sie in texanische Ausschaffungslager. Die Rückreise nach Minneapolis (4000 Kilometer mit dem Auto) mussten die ICE-Opfer selbst bezahlen.

Seit Wochen schwärmen die ICE-Beamten hinter getönten Scheiben in die verschneiten Quartiere der US-Metropole aus. 3000 sollen es allein in Minneapolis sein, fünf Mal mehr, als die Stadt Polizisten hat. ICE hat die City nicht sicherer gemacht. Es hat Minneapolis in eine Stadt der Angst verwandelt. Doch aus der Angst wächst etwas, womit weder ICE noch ihr oberster Boss Donald Trump (79) gerechnet haben.

Minneapolis wehrt sich. Mancherorts ganz leise, etwa an den beiden Strassenkreuzungen, an denen ICE-Beamte im Januar die Amerikanerin Renée Good (†37) und den Amerikaner Alex Pretti (†37) erschossen haben. Da brennen Kerzen, da raten handgemalte Transparente zu «Massen-Empathie», da bieten Restaurants Gratistee und Aufwärmbänkli an. Und da bitten genervte Anwohner die parkierenden Besucher, doch bitte nur ICE und nicht auch ihre Garagen-Auffahrten zu blockieren.

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Am Freitag gingen in Minneapolis rund 15'000 Menschen gegen ICE auf die Strasse.
Foto: Samuel Schumacher

170 Milliarden Dollar für die «innere Sicherheit»

Weniger besinnlich ist der Protest vor dem Whipple-Gebäude beim Flughafen. Da hat ICE sein Hauptquartier bezogen. Von da aus kommandierte der in Nazi-Uniform gekleidete lokale ICE-Boss Greg Bovino (55) bis vergangene Woche seine Truppe. «Das ist unsere Stadt, holen wir sie uns zurück!», schrie der Kalifornier bei einem heimlich gefilmten Morgenappell. Kurz darauf ersetzte ihn Trump durch seinen Border-Zar Tom Homan (64).

Wütende Republikanerin demonstriert gegen ICE
3:28
Aktivisten in Minneapolis:Wütende Republikanerin demonstriert gegen ICE

«Das ist, wie wenn du dir in die Hosen scheisst und dann das T-Shirt wechselst. Wird nicht besser», sagt Andy (40). Der Sozialarbeiter steht hinter der Betonabschrankung vor dem Whipple-Gebäude und schreit mit seinen Kollegen wüste Beschimpfungen in Richtung der unmarkierten ICE-Fahrzeuge, die im Minutentakt vorbeirasen. Manche lassen die Motoren aufheulen, andere formen die Hände sarkastisch zu Herzen.

«Was die machen, erinnert mich stark an Deutschland in den 1930er-Jahren», sagt Andy. «Verreckt in der Hölle!», schreit er in Richtung eines weissen Vans. Die Gitterzäune, die die lokalen Polizeibehörden entlang der Zufahrtsstrassen aufstellen liessen, können seinen Hass nicht stoppen.

Doch aller Hass wiegt wenig gegen die monströsen Mittel, mit denen die Trump-Regierung ihre bewaffnete Anti-Migranten-Truppe ausgestattet hat. 170 Milliarden Dollar lässt sich das Weisse Haus die innere Sicherheit kosten. Mehr Geld, als die allermeisten Länder dieser Welt für ihre gesamten Verteidigungsbudgets zur Verfügung haben.

Waren seine Guetzli Alex Prettis letztes Geschenk?

Um den ICE-Apparat zu stoppen, bräuchte es massenhaften Widerstand. Am Freitag hat sich Minneapolis darin geübt. Rund 15'000 Menschen versammeln sich in den Strassenschluchten von Downtown, unter ihnen auch Bruce Springsteen (76), der auf der First Avenue seine Rebellionshymne «Streets of Minneapolis» zum Besten gibt.

Auf der «Government Plaza» lässt Aktivist Christopher Lutter (61) ein riesiges Transparent bedruckt mit der Präambel der US-Verfassung ausbreiten. Hunderte unterzeichnen mit klammen Fingern (–22 Grad!). «Die Regierung soll sich an unser Grundgesetz erinnern und endlich aufhören, uns zu terrorisieren», sagt Lutter.

Weiter vorne an der Hennepin Avenue steht Kory Iverson (44). «Alex Pretti war mein Krankenpfleger», steht auf dem Plakat des Filmemachers. «Er hat mich im vergangenen Sommer wochenlang gepflegt, als ich in seinem Spital aus dem künstlichen Koma erwacht war», erzählt Iverson. «Alex hat meine Lippen gelesen, als ich zu schwach war, um zu sprechen.» Erst am vorletzten Mittwoch hat Iverson seinen Helden im Pflegerkittel noch einmal besucht und ihm Guetzli vorbeigebracht. Vielleicht das letzte Geschenk, das Pretti vor seinem gewaltsamen Tod auf einer vereisten Quartierstrasse unweit von hier erhalten hat.

57 Prozent der US-Bürger sind gegen das rabiate Vorgehen der ICE-Beamten in den Städten Amerikas. Lokale Radiostationen in Minneapolis berichten von Kindern, die ihre papierlosen Eltern den ganzen Tag verängstigt auf dem Telefon tracken. Der evangelikale Pastor Victor Martinez überlegt sich, seine sonntäglichen Gottesdienste nur noch online abzuhalten, weil 80 Prozent seines lateinamerikanischen Publikums aus Angst vor den ICE-Agenten nicht mehr in der Kirche erscheint.

Enttäuschte Trump-Wähler

Bürgerrechtler Al Sharpton (71) formuliert es auf CNN so: «Die Generationen vor uns mussten gegen unfaire Gesetze ankämpfen, um ihre Rechte zu erhalten. Wir müssen für die Einhaltung der Gesetze kämpfen, um diese Rechte nicht wieder zu verlieren.»

Immerhin: Die US-Regierung hat angekündigt, sie wolle die Situation in Minneapolis und andernorts deeskalieren. Das Justizministerium untersucht seit Freitag die Umstände, unter denen Alex Pretti getötet wurde. «Wir müssen den Druck auf die Verantwortungsträger aufrechterhalten», sagt der angehende Neurowissenschaftler Kidus Yeshidagna (22) am Rande der Grossdemo am Freitag. «Das sind grad harte Zeiten, aber harte Zeiten dauern nicht ewig.»

Darauf hofft auch Emily (53), die ganz hinten im kilometerlangen Demonstrationszug mit ihrem «Angry Republican»-Schild mitläuft. Zweimal hatte sie Trump gewählt, heute kann sie ihn nicht mehr ausstehen. Ob der Aufstand in Minneapolis wirklich etwas verändert? «Ehrlich gesagt bezweifle ich das. Wir Amerikaner sitzen derart in unseren Gräben fest», sagt Emily. Aber mitmarschieren sei besser, als hässig zu Hause zu sitzen. Da wird man zwar mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht erschossen. Vom sicheren Sofa aus aber lässt sich Amerika nicht verändern.

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