Korruptions-Skandal
Selenski verliert Verbündeten – und gewinnt einmalige Chance

Andrij Jermak ist seit Kriegsbeginn kaum von Wolodimir Selenskis Seite gewichen. Jetzt stolpert die Nummer 2 der Ukraine über einen Korruptionsskandal. Für Kiew ist das nicht nur schlecht.
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Seit Kriegsbeginn wich Andrij Jermak kaum von Selenskis Seite.
Foto: Imago

Darum gehts

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Samuel SchumacherAusland-Reporter

Andrij Jermak (54) galt als rechte Hand von Wolodimir Selenski – nun ist er weg. Der Chef des ukrainischen Präsidialamts trat am Freitagabend zurück, nachdem Ermittler seine Wohnung und sein Büro im Zusammenhang mit einem mutmasslichen 100-Millionen-Dollar-Korruptionsskandal im Energiesektor durchsucht hatten.

In Kiew kursiert eine Verschwörungstheorie: Die US-Bundespolizei FBI, die in der ukrainischen Hauptstadt ein Büro unterhält, stecke hinter dem Angriff auf Selenskis wichtigsten Vertrauten. Das Ziel: Selenskis Position zu schwächen und ihn dadurch zu zwingen, möglichst bald dem russisch-amerikanischen Friedensdiktat zuzustimmen. So spannend die Theorie tönt: Viel scheint nicht dran zu sein. Im Gegenteil: Wenn Selenski jetzt keinen Fehler macht, bietet ihm die unangenehme Situation eine einzigartige Chance.

Jermak spielte für die Ukraine zuletzt eine zentrale Rolle als starker Mann bei den angelaufenen Friedensgesprächen. Der «grüne Kardinal» (wie er wegen seiner oft getragenen Militärkleidung gerufen wurde) verhandelte auf allerhöchster Ebene um das Schicksal seines Landes, zuletzt etwa in Genf mit US-Aussenminister Marco Rubio (54). Damit sei jetzt Schluss. Er sei «auf dem Weg an die Front», schrieb Jermak einer Reporterin der «New York Post» am Freitag.

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Sie gehen in Zukunft getrennte Wege: Andrij Jermak (l.) und Wolodimir Selenski.
Foto: Imago

Jermak wäre nicht der erste unter Verdacht geratene ukrainische Politiker, der sich zur Ehrenrettung (und Verzögerung allfälliger Strafprozesse) an die Front «rettet». Ob er aber überhaupt jemals «an der Front» landet, bleibt anzuzweifeln. Erst einmal müsste er eine militärische Ausbildung absolvieren. Seine Präsenz an der Front wäre zudem ein riesiges Risiko für die Ukraine. Die Russen würden alles daransetzen, die einstige Nummer zwei des Feindes auszuschalten oder zu entführen.

Amis mochten Jermak nicht

Für Selenski kommt Jermaks Abang zum dümmsten Zeitpunkt – auf den ersten Blick. Der Druck aus den USA, einem raschen Deal zuzustimmen und den Krieg fürs Erste zu beenden, steigt. Gleichzeitig intensivieren die russischen Angreifer ihre nächtlichen Terrorangriffe auf ukrainische Städte. Ein Drama im inneren Machtzirkel: Das wäre nicht auch noch nötig.

Oder vielleicht doch? Andrij Jermak war in den Augen vieler zuletzt ein Bremsklotz an Selenskis Bein. Seine Zustimmungswerte in der Ukraine stürzten im Frühling auf katastrophale 17,5 Prozent ab. Und im Verhandlungsteam von US-Präsident Donald Trump (79) mochte man den gross gewachsenen Freestyle-Diplomaten mit den langfädigen Antworten offenbar auch nicht sonderlich, wie der «Kyiv Independent» erfahren hat.

Jermaks Ausfall bietet Selenski die Chance, sich im vielleicht kritischsten Moment seit Kriegsbeginn neu aufzustellen – mit einem Trump-verträglicheren, beliebteren Stellvertreter. Der interimistische neue Verhandlungsführer der Ukraine hatte schon mal ein guter Start: Rustem Umerov (43), kurzzeitig mal Verteidigungsminister der Ukraine, ist gestern an Jermaks Stelle zur neuen Gesprächsrunde nach Florida gereist. Umerov soll sich deutlich besser mit den Amis verstehen als sein Vorgänger. Der Grund: Jermak pflegte auffällig engen Kontakt zu Joe Bidens (83) Team und gilt im Weissen Haus als Freund der Demokraten.

Das sind Selenskis Kandidaten

Selenski braucht rasch einen starken Stellvertreter, der ihm bei der Bewältigung seiner schier unlösbaren Aufgaben zur Seite steht. Und der bei den westlichen und amerikanischen Partnern gut ankommt. Optionen gäbe es einige. Zum Beispiel Kyrylo Budanow (39), den Militärgeheimdienstchef; Denys Schmyhal (50), den Verteidigungsminister; Michail Fedorow (34), den Minister für digitale Transformation; oder Alexander Kamyshin (41), Minister für strategische Industrie.

Die Wahl könnte entscheidend beeinflussen, was die Ukrainer bei den harten Verhandlungen über die Rahmenbedingungen für ein Kriegsende für sich herausholen können. Ob der Frieden durch die Gespräche aber überhaupt in greifbare Nähe rückt, liegt primär in den Händen der kriegsführenden Russen. Und Wladimir Putin (73) kann Selenski nicht so einfach auswechseln wie seinen eigenen Stellvertreter. Auch wenn Selenski ganz sicher Ideen hätte, wer das Riesenreich im Osten an Putins Stelle führen könnte.

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