Putin trifft Sondergesandten Witkoff
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Im August 2025 im Kreml:Putin trifft Sondergesandten Witkoff

Leak eines Kreml-Telefonats stellt amerikanischen Vermittler infrage
Trumps schillernder Dealmaker

Er war Immobilienmogul, Golfkumpel, Donald Trumps loyalster Freund. Heute verhandelt Steve Witkoff im Auftrag der USA mit Putin – und sorgt mit einem geleakten Telefonat für einen Skandal, der zeigt, wie riskant seine Art der Diplomatie sein kann.
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Trump und Witkoff im Oval Office: Der Präsident mit seinem einflussreichsten, aber auch umstrittensten Gesandten.
Foto: IMAGO/ZUMA Press Wire

Darum gehts

  • Steve Witkoff, Trumps Vertrauter, gerät in diplomatische Krise
  • Witkoff verhandelt Aussenpolitik wie Immobiliengeschäfte, direkt und instinktiv
  • 68-jähriger Milliardär traf sich mit Kreml-Berater Juri Uschakow (78)
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Chiara SchlenzAusland-Redaktorin

Steve Witkoff (68) wirkt auf den ersten Blick wie jemand, der in der Lobby eines New Yorker Luxushotels besser aufgehoben wäre als im Verhandlungsraum des Kreml. Ein Immobilienmann mit teuren Anzügen und ruhiger Stimme, der sein Leben lang Deals verhandelte – aber nie Diplomatie gelernt hat. Genau deshalb wirkt es so erstaunlich, dass ausgerechnet er heute für die USA in Krisengebiete reist, mit Präsidenten spricht und Waffenstillstände aushandeln soll. Wer ihm begegnet, beschreibt ihn als höflich, warmherzig, fast scheu. Aber hinter dieser Fassade steckt ein Mann, der eine Machtposition innehat, die es so in der US-Aussenpolitik noch nie gab.

Witkoff ist Sohn einer jüdischen Familie aus der Bronx, Enkel von russischen Einwanderern. Er arbeitete sich hoch, erst als Anwalt, dann als Immobilienentwickler. Die Witkoff Group machte ihn zum Milliardär – zuvor war er mehrfach fast pleitegegangen. «Ein Mann mit neun Leben», nannten ihn US-Medien. Vielleicht hat er genau daraus sein Selbstverständnis gezogen: dass er immer zurückkommt, egal wie tief er fällt. Sein grösstes Comeback aber verdankt er einer Beziehung, die sein Leben prägte: zu Donald Trump (79).

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Steve Witkoff präsentiert sich als zurückhaltender Dealmaker – ein Immobilienmann, der unerwartet zu einer der einflussreichsten Figuren in Trumps Aussenpolitik wurde.
Foto: Getty Images

Die beiden lernten sich in den 1980ern kennen, zufällig, in einem Imbiss. Trump hatte kein Geld dabei, Witkoff zahlte ihm ein Sandwich, so erzählen es beide. Eine jener Anekdoten, die erst rückblickend Bedeutung bekommen. Denn aus dieser Begegnung wurde eine der loyalsten Beziehungen im Trump-Universum. Witkoff spendete, unterstützte, blieb auch nach dem Sturm aufs Kapitol an Trumps Seite. Und Trump wiederum liess ihn aufsteigen – bis ganz nach oben, in eine Welt, in die Witkoff fachlich nie gehört hätte.

Der ungewöhnliche Aufstieg – und der abrupte Fall

Genau dieser Aufstieg ist nun zum Problem geworden. Witkoff stolperte in die grösste Krise seiner Karriere, als am Mittwoch Transkripte eines Telefonats mit Kreml-Berater Juri Uschakow (78) geleakt wurden. Fünf Minuten, die Witkoff in ein neues Licht rückten – nicht als Vermittler, sondern als jemand, der dem Kreml erklärt, wie man Trump am besten beeinflusst. Er spricht darin über Gebietsabtretungen wie über Grundstückstausch, schlägt vor, russische Forderungen direkt in ein US-amerikanisches Friedenspapier zu schreiben. Und er tut das nicht in vertraulichen US-internen Gesprächen, sondern in einem Telefonat mit einem Kreml-Berater – so offen und selbstverständlich, als wäre es völlig normal, russische Forderungen direkt an Washington weiterzureichen.

Der Aufschrei war enorm. Republikaner warnten vor «geheimen Nebenkanälen», Demokraten nannten Witkoff «einen echten Verräter». Experten sprechen vom gravierendsten Regelbruch eines US-Gesandten seit Jahrzehnten. Zumal Witkoff in den letzten Wochen und Monaten auffällig oft in Moskau war und fast nie in Kiew. Er lobte Wladimir Putin öffentlich, zeigte «tiefsten Respekt» für den russischen Präsidenten und behauptete, Russland wolle seit langem Frieden. In der Ukraine dagegen gilt er heute als unerwünschte Person.

Ein Mann zwischen Naivität und Macht

Und Witkoff? Wirkt, als begreife er die Wucht des Skandals selbst nicht ganz. Er redet von «Missverständnissen», davon, dass er nur helfen wollte. Dass Diplomatie für ihn zu verhandeln sei – nicht mehr. Genau das macht seine Rolle so heikel: Witkoff ist keiner, der boshaft handelt. Sondern einer, der die Regeln eines Spiels nicht kennt, aber mitten im Finale sitzen darf. Ein Mann, der überzeugt ist, er könne den Ukraine-Krieg lösen wie einen Immobilienstreit.

So zeigt sich in dieser Krise vor allem eines: Witkoff verhandelt Aussenpolitik wie Immobilien – direkt, instinktiv, überzeugt, dass jeder Konflikt ein Deal ist, wenn man nur lange genug zusammensitzt. Genau wie sein Chef Trump. Beide glauben an persönliche Beziehungen statt an Protokolle, an Intuition statt an Analyse, an den grossen Wurf statt an mühsame diplomatische Kleinarbeit.

Witkoff tritt dabei weniger wie ein Strategieberater auf als wie ein Spiegelbild seines Präsidenten: ein Mann, der sich in seiner Rolle vor allem deshalb sicher fühlt, weil sie ihm so vertraut erscheint. Und vielleicht ist das sein grösster blinder Fleck: dass er nicht merkt, wie sehr diese «Kunst des Deals» an Grenzen stösst.

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