Darum gehts
Im Iran formiert sich erneut Widerstand – lauter, breiter und radikaler als lange zuvor. In den Strassen von Teheran, Isfahan oder Maschhad rufen Demonstrierende «Tod dem Diktator», Studierende blockieren Universitäten, Geschäfte bleiben geschlossen. Was als Reaktion auf den historischen Währungscrash begann, entwickelt sich zu einer Protestbewegung, die nicht mehr reformieren will, sondern das System infrage stellt.
Der Auslöser ist die Wirtschaft. Der iranische Rial ist in freiem Fall, die Inflation frisst Einkommen auf, Grundnahrungsmittel sind für viele unbezahlbar geworden. Doch die Wut speist sich aus mehr als dem leeren Portemonnaie. «Die Proteste richten sich gegen ein Leben unter Demütigung», sagt der Islamwissenschaftler und Iran-Experte Reinhard Schulze. Viele Iranerinnen und Iraner interpretierten den wirtschaftlichen Kollaps nicht mehr als Krise, sondern als Systemversagen.
Wirtschaftlicher Auslöser, politische Wut
Auffällig ist die Zusammensetzung der Bewegung. Anders als frühere Proteste vereint sie unterschiedliche soziale Gruppen: Händler, Studierende, Angestellte, Teile der urbanen Mittelschicht. «Der Iran lebt seit über 15 Jahren in einer Kultur des Protests», sagt Schulze. «Doch nun verdichten sich mehrere Protestzyklen zu einer Bewegung.» Soziale Wut wie 2017, Erfahrung staatlicher Gewalt wie 2019 und offene Systemkritik wie 2022 greifen ineinander.
Diese Verdichtung verleiht der Bewegung neue Durchhaltefähigkeit. Forderungen nach Reformen sind weitgehend verschwunden, stattdessen dominieren Parolen gegen die gesamte politische Ordnung. «Die Proteste zielen nicht mehr auf einzelne Massnahmen, sondern auf die Rechtfertigungsordnung der Islamischen Republik», sagt Schulze. Das mache sie für das Regime besonders gefährlich.
Wenn Repression zur Schwäche wird
Eine wichtige Rolle spielt dabei der sichtbare Kontrollverlust des Staates. Videos zeigen Demonstrierende, die sich Sicherheitskräften entgegenstellen, teils ohne Gewalt, teils offen konfrontativ. Die Reaktion des Regimes schwankt zwischen Einschüchterung und Beschwichtigung. «Je früher und brutaler Gewalt eingesetzt wird, desto deutlicher signalisiert der Staat Schwäche», sagt Schulze. Gleichzeitig wirke die bekannte Repressionsroutine immer weniger abschreckend.
Getragen wird der Protest vor allem von jungen Menschen. «Die Generation Z steht dem System zu rund 80 Prozent kritisch bis ablehnend gegenüber», sagt Schulze. Diese Generation habe wenig Angst vor Tabubrüchen und richte ihre Kritik direkt an die Spitze der Macht. Anders als früher werde nicht mehr zwischen Regierung und oberstem Führer unterschieden – das gesamte System werde verantwortlich gemacht.
Was noch fehlt zum Umbruch
Noch fehlt allerdings die entscheidende Eskalationsstufe. «Bislang gibt es keine verifizierten Hinweise, dass sich Sicherheitskräfte offen abwenden», sagt Schulze. Auch eine landesweite, koordinierte Mobilisierung über mehrere Tage hinweg stehe noch aus. Die Proteste seien dynamisch, aber fragmentiert. Ob sie sich zu einer nachhaltigen Bewegung verdichten, hänge davon ab, ob verschiedene soziale Gruppen ihre Forderungen verbinden können.
Zusätzliche Brisanz erhält die Lage durch internationale Einflüsse. US-Präsident Donald Trump drohte offen mit einem Eingreifen, sollte das Regime friedliche Demonstranten gewaltsam töten. Die Vereinigten Staaten seien «locked and loaded» (Deutsch: geladen und entsichert), sagte Trump, man werde die Iraner «zu ihrer Rettung» unterstützen. Für die Protestierenden könnte das als Schutzversprechen wirken, für das Regime ist es ein heikles Signal.
Ein gefährliches Dilemma für Teheran
Denn Teheran steckt in einem Dilemma: Brutale Repression könnte internationale Eskalation provozieren, Zurückhaltung den Protest weiter anwachsen lassen. Gleichzeitig fehlen politische und wirtschaftliche Antworten. «Der Regierung fehlt ein Wirtschaftsprogramm, das die Versorgungskrise lindert, die Währung stabilisiert und Vertrauen schafft», sagt Schulze. Stattdessen setze sie auf Durchhalten, Personalwechsel und Repression.
Ob dieser Winter zum Wendepunkt wird, ist offen. Sicher ist nur: Die Protestbewegung hat eine neue Qualität erreicht. Sie ist breiter, radikaler und weniger bereit, sich mit symbolischen Zugeständnissen zufriedenzugeben. Zum ersten Mal seit langem kommt der Druck nicht nur von gesellschaftlichen Rändern, sondern aus der Mitte des Landes.
Der Iran erlebt einen Moment, in dem Angst schwindet und Erwartungen kippen. Noch fehlt eine gemeinsame Vision für die Zeit danach. Doch die Parolen auf der Strasse lassen wenig Zweifel: Für viele ist nicht mehr die Frage, ob sich etwas ändert – sondern nur noch, wann.