Der Schutt war noch nicht aufgeräumt. Die Verwüstungen an jenem Ort in New York, an dem die Twin Towers am 11. September 2001 nach dem verheerendsten Terroranschlag der Geschichte zusammengestürzt waren, lagen noch da. Es war in der ersten Hälfte der Nullerjahre, als sich an den Hochschulen ein stiller Generationswechsel der Ideen vollzog. Noch kurz zuvor hatte Francis Fukuyama (73) den Ton angegeben: Schon 1989, kurz vor dem Mauerfall, hatte er mit seiner These vom «Ende der Geschichte» die Zuversicht der Neunzigerjahre formuliert – die liberale Demokratie sei der Schlusspunkt der ideologischen Entwicklung der Menschheit. Dieser Idealismus wirkte nach dem 11. September wie aus der Zeit gefallen.
An seine Stelle trat der eiskalte Realismus eines anderen Politikwissenschaftlers: Samuel Huntington (1927–2008). Seine bereits 1996 erschienene These vom «Clash of Civilizations», dem Zusammenprall der Zivilisationen, erschien nach dem Schock von bin Ladens Anschlägen wie eine Prophezeiung. Die Welt, so Huntington, werde künftig von drei Blöcken geprägt sein: dem christlich-freiheitlichen Westen, dem intoleranten islamischen Kulturraum und als dritter Kraft dem autoritären China.
Hatte Huntington wirklich recht? Seither ist ein Vierteljahrhundert vergangen, und ein Blick auf die Welt erlaubt den Realitätstest.
Der Hoffnungsträger aus Manhattan
In den folgenden Jahren schien sich die Konfliktlinie zwischen der freien und der unfreien Welt zu vertiefen. Im Westen setzte eine bis heute anhaltende Einwanderung aus islamischen Ländern ein, was bisherige Identitäten und Werte arg unter Druck brachte, während zeitgleich rechtsnationale Kräfte erstarkten. In der Schweiz hat die SVP bei den letzten nationalen Wahlen fast 28 Prozent erreicht.
Das zunehmende Unbehagen im Westen angesichts eines drohenden Identitäts- und Sicherheitsverlusts begann sich vor zehn Jahren in der Person zu verdichten, die aus den Niederungen des New Yorker Immobilien- und Showbusiness in die Höhen der Weltpolitik aufstieg und seit 2025 zum zweiten Mal Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist: Donald J. Trump. Nach seinem ersten Wahlsieg 2017 wurde der heute 80-Jährige über Nacht zum grenzüberschreitenden Hoffnungsträger einer mittelständischen Schicht, die auf Trumps Versprechen zählte, «den Sumpf auszutrocknen». Trump meinte damit eine moralisch verdorbene politische und wirtschaftliche Elite, die die christlich-abendländischen Werte zugunsten des eigenen Machtgewinns dem Teufel verkaufe.
Trumps eigenartiges Faible für Despoten
Während seines Ritts nach oben weckte Trump mit seinem restriktiven Migrationskurs und seiner harten Anti-Islam-Haltung die Erwartung seiner Anhänger, dass er zum brachialen Führer der freien Welt werde. Trump, die Superwaffe gegen die autokratischen Freiheitsfeinde gleichermassen wie gegen die Multikulti-Wokeness.
Und Trump markierte: Seinen demokratischen Vorgänger Barack Obama (64) versuchte er als Muslim zu diskreditieren, und er betont gerne dessen zweiten Vornamen Hussein. Mit seiner engen Allianz mit der israelischen Rechtsregierung von Benjamin Netanyahu (76) forcierte der US-Präsident den Graben zwischen Orient und Okzident. Er verlegte die US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem, er schmiedete mit den Abraham Accords ein historisches Bündnis zwischen dem Judenstaat und den amerikafreundlichen Regierungen der Golfmonarchien. So gelesen, markierte Trump für einen kurzen Moment die Sollbruchstelle zwischen den Zivilisationen. Huntingtons Nachbrut sozusagen.
Die Demaskierung allerdings erschien im gestreckten Galopp: Seine Ankündigung, den Ukraine-Krieg zu beenden, befindet sich immer noch im Status Hoffnung. Trumps eigenartiges Faible für Wladimir Putin (73) und andere Despoten ist unübersehbar. Seine plump zur Schau gestellte Käuflichkeit kommt dazu – was der von Katar geschenkte Jumbojet perfekt symbolisiert. All dies ist garniert mit Trumps sprunghafter Zollpolitik, die auch die Schweiz zu spüren bekommt – der Präsident kann den Verdacht nicht entkräften, dass er die Tarife als Mittel zur Marktmanipulation entdeckt hat.
Drohungen am Freitag, Appeasement am Montag
Zusammen mit Trumps innenpolitischem Autoritarismus, mit seinem Hang zum Personenkult und seinen voraufklärerischen architektonischen Prunkplänen ergibt sich das Bildnis eines verblichenen Sonnenkönigs. So wirkt seine Exitstrategie aus dem Iran-Krieg höchst unrühmlich – Trump ordnet sein Handeln den Kapitalmärkten unter; im Netz kursiert der Spott, dass der Commander-in-Chief am Freitag nach Börsenschluss dem Iran mit der Vernichtung droht, um am Montag vor Handelsbeginn eine weitere Gesprächsrunde mit Teheran anzukündigen. Der Ölpreis und die Aktienkurse im Visier. Auf der Strecke bleibt ein isoliertes Israel – es ist ein taktischer Coup der militärisch unterlegenen iranischen Revolutionsschergen, einen Keil zwischen Trump und Netanyahu getrieben zu haben.
Die grösste Entzauberung allerdings hat sich diese Woche ereignet: Trumps Vermögensoffenlegung für das Jahr 2025 ist soeben veröffentlicht worden. Die Zahlen zeichnen das Bild eines demokratisch gewählten Spitzenpolitikers, der in nie da gewesenem Ausmass mit Hinterzimmerdeals und mutmasslichem Insiderhandel seinen eigenen Reichtum förderte. Zunächst enthüllte die «New York Times», dass die Trump-Söhne Don Jr. (48) und Eric (42) sowie Söhne von Handelsminister Howard Lutnick (64) über ihre Firmen von milliardenschweren Rohstoffdeals der Regierung profitieren.
Dann kamen andere Beispiele ans Licht: Donald Trump hatte laut CNBC im Februar Aktien der Firma Axon im Wert von 5 Millionen Dollar gekauft – wenige Tage später bestellte die Zollbehörde ICE beim Unternehmen Taser im Wert von 220 Millionen Dollar. Als Folge stieg der Aktienkurs um 34 Prozent an. Das Weisse Haus bestreitet einen Interessenkonflikt.
Über eine halbe Milliarde Profit dank Trump-Coin
Aus dem publik gewordenen Finanzbericht geht hervor, dass Trump mit Kryptowährungen 1,1 Milliarden Dollar verdiente. Und dies auf Kosten seiner Anhänger. So gab sein Clan 2025 einen sogenannten Meme-Coin namens $TRUMP heraus. Der ursprüngliche Preis betrug 10'000 Dollar. Heute ist er noch rund 415 Dollar wert. Wer also investierte, hat praktisch alles verloren, und es ist klar, dass nicht demokratische Wähler aus New York oder Kalifornien zugriffen, sondern Trumps eigene Klientel. Profitiert hat nur er selber: Laut Offenlegung hat er mit dem Trump-Coin über 600 Millionen Dollar verdient. Der unverdächtige, konservative Sender Fox News titelt mit einem Zitat: «Der grösste Betrug aller Zeiten».
Der Präsident sagt, dass er immer im Interesse seines Landes handle. Dennoch kommen fast täglich Berichte an die Öffentlichkeit, wie etwa sein Schwiegersohn Jared Kushner (45) seine Beziehungen und seinen Wissensvorsprung im Nahen Osten vergoldet. Sein Vermittlermandat am Golf hatte er von seinem Schwiegervater erhalten.
Der Mann, der einst als Hoffnungsträger für den Kulturkampf und für die Interessen des kleinen Mannes antrat, verwischt mit Käuflichkeit und Vetternwirtschaft die zivilisatorischen Konfliktlinien. Im Jahr, in dem die USA ihren 250. Geburtstag feiern, sind diese Konturen der freien Welt so unscharf wie vielleicht noch nie.
Huntington unterschätzte, dass die grösste Herausforderung für den Westen aus dem Innern kommen könnte. Ein Albtraum.