Darum gehts
- Bei GM in Detroit fallen Schichten weg, weil E-Autos schwach laufen und Zulieferteile fehlen
- Arbeiter berichten von gekürzten Einsätzen, weniger Lohn und Sorge vor Obdachlosigkeit in Detroit
- Carl findet trotz Hunderten Bewerbungen keinen Job, Praveen bangt mit H-1B-Visum um den Verbleib
«Mojito?», frage ich die Frau im pinken T-Shirt und deute auf ihr Glas. «Nein, Ma’am. Den habe ich selbst erfunden.» Sie zählt die Zutaten auf. Hochprozentiges und giftgrüner Energydrink, Mountain Dew. Sechs Dollar.
Es ist Nachmittag in der Motor City Sports Bar in Detroit, Michigan. Am langen Holztresen sitzen Arbeiter vor Bier und Bourbon. Die meisten allein. Musik dröhnt, im Fernsehen läuft Sport. Barfrau Judy schenkt aus. Sie kennt die Gäste.
«Die ist gemein», sagt Judy über die Frau im pinken T-Shirt. «Aber sie hat was zu erzählen.»
40 Dollar Stundenlohn und Krankenversicherung
Die Frau hat ihr Handy gegen das Glas gelehnt, einen Kopfhörer im Ohr. Wir nennen sie Ruth*. Seit 18 Jahren arbeitet sie bei General Motors (GM). In der Factory Zero baut sie elektrische Hummers, Sierras und Silverados. Autos für mehr als 100'000 Dollar.
«Ich baue jeden Tag Autos, die ich mir selbst nicht leisten kann», sagt Ruth. 40 Dollar verdiene sie pro Stunde, dazu gebe es eine Krankenversicherung. Ein guter Job, eigentlich.
Ein Mann im roten T-Shirt mischt sich ein. «Nennt bloss nicht ihren Namen! Sonst wird sie gefeuert!» Man habe ihnen gesagt, sie dürften nicht mit der Presse sprechen.
Die Frau nickt und redet weiter. Den Kopfhörer lässt sie im Ohr. Jeden August beginnt sie zu sparen. Im November und Dezember wird sie regelmässig vorübergehend nach Hause geschickt. Dann kann sie nicht mehr in die Bar kommen.
«Kurz vor der Obdachlosigkeit»
Auch sonst würden Schichten früher enden, erzählt sie. Bauteile aus Mexiko seien an der Grenze hängen geblieben. Ohne Material keine Autos. Ohne Autos keine Arbeit. «Wir kommen gerade so über die Runden», sagt die Arbeiterin. «Uns trennt nur ein Lohnscheck von der Obdachlosigkeit.»
Draussen ziehen sich breite Strassen zwischen niedrigen Häusern und Fabrikhallen hindurch. Ohne Auto kommt man kaum irgendwo hin.
«Man muss sich entscheiden», sagt Ruth. «Milch oder Benzin. Beides kostet ungefähr gleich viel.»
Die Fabrik heisst Factory Zero. GM baut hier die elektrische Zukunft Amerikas. Doch die Nachfrage nach Elektroautos ist schwächer als erhofft. GM hat die Produktion gedrosselt und Stellen gestrichen.
Die Trump-Regierung hat staatliche Kaufanreize für Elektroautos beendet. Gleichzeitig belasten Zölle den Handel mit Kanada und Mexiko – Ländern, mit denen die US-Autobauer ihre Produktion seit Jahrzehnten teilen.
Trump versprach, die Industrie zurück nach Amerika zu holen. In Detroit sind die Arbeiter längst da. Sie warten auf Schichten.
Jetzt geht es um ihre Stimmen
Die Autoarbeiter sind politisch wichtig. Für Michigan – und die USA. Denn Michigan ist ein Swing State, 2024 gewann Trump den Bundesstaat mit nur 80'000 Stimmen Vorsprung.
Rund eine halbe Million Menschen arbeiten hier in der Industrie. Trump versprach ihnen, Fabrikjobs zurückzuholen. Doch die Unzufriedenheit wächst.
Vor zwei Jahren versprach Donald Trump den Amerikanern mehr Wohlstand, sichere Grenzen, neue Jobs und ein Ende der Kriege. Was ist daraus geworden?
Kurz vor den Midterms am 3. November reist Blick durch die USA. Neben dem Repräsentantenhaus werden in einigen Staaten auch Senatoren neu gewählt. Die Republikaner haben derzeit die Mehrheit in beiden Kammern. Das dürfte sich ändern.
Wir besuchen Bundesstaaten und Wähler, die besonders umkämpft sind – und wollen wissen: Wie zufrieden sind die Amerikaner mit ihrem Präsidenten – und was ist von seinen Versprechen geblieben?
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Fabrikarbeiter Louis Snowden* (49) hat 2024 gegen Trump gestimmt. Er geht in den Hinterhof der Bar. Dort dröhnt keine Musik. Er arbeitet seit über zehn Jahren in der Factory Zero.
Wegen Trump fallen Schichten weg
Vor der Wahl 2024 arbeitete er zwölf Stunden am Tag, fünf Tage die Woche. Oft kamen die Wochenenden dazu. Mehr als 100'000 Dollar verdiente er im Jahr.
«Ich habe den jungen Leuten gesagt: Spart euer Geld. Wenn Trump gewinnt, sind die Überstunden weg», erzählt Louis.
Danach wurden aus zwölf Stunden zehneinhalb, später acht. Die Wochenendschichten verschwanden. Schliesslich strich GM eine ganze Schicht.
Teilzeitjob in der Bar ist besser bezahlt
Seine Frau arbeitet ebenfalls. Die beiden kommen zurecht. «Ich mache mir Sorgen um die Leute, die mit einem einzigen Einkommen einen ganzen Haushalt durchbringen müssen», sagt Louis.
Von den Zöllen hält er nichts. «Wenn die Hersteller die Kosten an Kunden weitergeben, die ohnehin schon kämpfen – woher sollen die dann das Geld für ein neues Auto nehmen?»
Jeff Austin (29) hat die Fabrik freiwillig verlassen. Er steht hinter dem Tresen von Kelly’s Bar, einer anderen Arbeiterkneipe in Detroit. Früher reparierte er Helikopter für das US-Militär, später arbeitete er als Autotechniker.
Dann merkte er: In drei Abenden als Barkeeper verdiente er mehr als in fünf Tagen Fabrikarbeit. Also kündigte er.
Carl Safford (38) hatte diese Wahl nicht. Er wurde entlassen. Wir treffen ihn bei Sonnenuntergang in einem Park. Er trägt eine Jacke der Detroit Lions, hat lange Haare und helle blaue Augen. Carl ist freundlich und offen. Doch die Jobsuche zehrt an ihm.
Hunderte Bewerbungsschreiben
Bis Juni 2026 arbeitete er als Datenanalyst für einen Dienstleister der Autoindustrie. 90'000 Dollar Jahreslohn. Dann verlor er die Stelle. «Ich war der bestbezahlte Analyst. Also haben sie mich entlassen», sagt Carl.
Carl hat mehrere Masterabschlüsse. Und Studienschulden. Er hat Hunderte Bewerbungen verschickt. Manche Absagen kommen so schnell, dass er bezweifelt, ob jemand seinen Lebenslauf gelesen hat.
Hart arbeiten ohne Jobs
Eine Arbeit könnte er annehmen: KI-Systeme trainieren, für 50 bis 100 Dollar die Stunde. Carl weigert sich: «Damit trainiere ich mich selbst aus dem Job.»
Er hat geglaubt, was man Kindern erzählt: Wer hart arbeitet, schafft es. «Wie soll ich hart arbeiten, wenn ich keine Arbeit finde?»
In einer dritten Bar wird gefeiert. Eine Gruppe junger Leute lacht und redet laut, Musik läuft. Billardtisch, langer Tresen. Etwas abseits sitzen drei Ingenieure vor ihren Bieren. Sie sind ruhiger als der Rest.
«Wirst einfach aussortiert»
Praveen Ssama (29) stammt aus Südindien. Er arbeitet mit einem H-1B-Visum in den USA. Wenn er seinen Job verliert, muss er gehen. Zurück nach Indien. Sofort. «Ich hätte nicht mal Zeit, mein Auto zu verkaufen», sagt er.
Doch auch mit Job gibt es keine Garantie. Seit Trump wieder an der Macht ist, fürchtet er um seine Zukunft. «Eine Entscheidung des Präsidenten zur Migrationspolitik – und du bist weg», sagt er.
Praveen weiss nicht, wie lange er hier bleiben kann. Die Frau im pinken T-Shirt weiss nicht, ob sie diesen November wieder nach Hause geschickt wird.
Dabei wollen beide vor allem eines: weiterarbeiten. Und ab und zu sechs Dollar für einen Drink übrig haben.
* Name geändert