Darum gehts
Nach dem gescheiterten Drohnenanschlag am Flughafen Leipzig/Halle schalten Berlin und Moskau auf Konfrontation. Die Regierung von Kanzler Friedrich Merz (70) greift durch: Sie zieht dem Kulturzentrum Russisches Haus in Berlin den Stecker, schliesst das Generalkonsulat Bonn und sperrt Visa. Der Kreml schäumt – und droht wegen des «schweren Fehlers» mit «spiegelbildlicher» Vergeltung.
Noch drastischer poltert der russische Ex-Präsident Dmitri Medwedew (60): Auf Telegram wütet er gegen Deutschlands «neonazistischen» Kurs und fordert unverhohlen «direkte Schläge gegen deutsche Rüstungsbetriebe». Wie weit geht Putin mit seiner Rache an den Deutschen?
Für die Bundesregierung steht fest, dass Moskau hinter dem Anschlagsversuch vom 5. August am Flughafen Leipzig/Halle steckt. Sprengstoff, Bauteile und Zündtechnik tragen die Handschrift russischer Operationen in der Ukraine. CSU-Innenminister Alexander Dobrindt (56) spricht von professioneller Technik. Ziel war wohl eine ukrainische Frachtmaschine. Dass der Anschlag fehlschlug, lag an ungeschulten «Wegwerfagenten» – Amateuren, die Moskau für Drecksarbeit anheuert. Am Dienstag kam es in Deutschland zu zwei Anschlägen auf Elektro-Anlagen, deren Urheber allerdings noch nicht bekannt sind.
Sicher ist: Putins hybrider Krieg erreicht die nächste Eskalationsstufe. Ulrich Schmid, Russlandexperte an der Universität St. Gallen, beantwortet die drängendsten Fragen.
Welche «spiegelbildlichen Reaktionen» der Russen sind zu erwarten?
«Wahrscheinlich ist die Schliessung des Goethe-Instituts in Moskau – möglicherweise sind auch die anderen zwei Standorte Petersburg und Nowosibirsk betroffen. Allerdings hat Russland schon vor drei Jahren Beschränkungen verhängt, sodass die Goethe-Institute in Russland nur noch mit stark verminderter Kapazität arbeiten können. Das Deutsche Historische Institut in Moskau wurde bereits 2024 geschlossen, nachdem es zur ‹unerwünschten Institution› erklärt worden war.»
Ist das der Startschuss zur Dauersabotage?
«Ja, es ist mit weiteren Anschlägen zu rechnen. Und das Muster ist bekannt: Der Kreml wird vor allem Wegwerfagenten einsetzen, um seine Beteiligung weiterhin abstreiten zu können. Es wird zu grösseren und kleineren Sabotageakten kommen, die deutsche Regierung wird protestieren und der Kreml wird fragen: ‹Wo sind die Beweise?› und wieder mit Vergeltungsschlägen drohen.»
Wie muss man Medwedews harsche Drohung einschätzen?
«Der Kreml pflegt eine Rhetorik in unterschiedlicher Lautstärke. Putin spricht als besonnener Staatslenker, Medwedew gibt den bellenden Kettenhund, der die Position Putins als ‹gemässigt› erscheinen lässt. Es ist nicht das erste Mal, dass Medwedew solche harten Drohungen ausspricht und nichts passiert.»
Was bedeutet die Schliessung des Russischen Hauses?
«Das ist reine Symbolpolitik. Das Russische Haus hat mit seinem drögen Programm keinen Einfluss auf die Berliner Kulturszene und betreibt spätsowjetische Folklore. Die Schliessung kostet Deutschland nicht viel, bringt aber auch nicht viel. Die Regierung kann aber darauf verweisen, dass man den Anschlag in Leipzig nicht unbeantwortet lässt.»
Welche Gefahr droht für die Schweiz?
«Die Schweiz ist aus Moskauer Perspektive ein kleiner Akteur. Der Kreml wird versuchen, wie in Deutschland den rechten und linken Rand des politischen Spektrums für seine Positionen zu gewinnen. Es geht dabei vor allem um Themen wie die Neutralität, aber auch die angeblich gefährdete Meinungsfreiheit oder angeblich russophobe Medien.»