Darum gehts
Hand in Hand in Hand. Narendra Modi (76) steht zwischen Xi Jinping (73) und Wladimir Putin (73). Die drei lächeln in die Kameras, halten sich fest an den Händen. Die Botschaft dieses Bildes vom Brics-Gipfel in Indiens Hauptstadt Neu-Delhi ist kaum zu übersehen: Seht her, wir stehen zusammen.
Hinter diesem Bild steckt inzwischen gewaltige Macht. Brics, das sind Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika, Äthiopien, Ägypten, Indonesien, der Iran und die Vereinigten Arabischen Emirate. Vereint umfassen sie die Hälfte der Weltbevölkerung, rund 40 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung und etwa ein Viertel des Welthandels. Dazu kommen einige der grössten Ölproduzenten der Erde und gewaltige Rohstoffvorkommen. Kurzum: Xi, Putin und Modi streben eine neue Weltordnung an. Was ist der Masterplan?
Sie bauen eine zweite Tür
Die Strategie ist subtil: Der Westen soll umgangen werden. Wer Geld braucht, soll nicht nur auf westliche Institutionen angewiesen sein. Wer Handel treibt, nicht zwingend auf den Dollar. Wer Technologie kauft, nicht auf westliche Standards.
Modi brachte es beim Gipfel auf eine griffige Formel. Die Brics-Staaten sollen «rule-shapers» statt «rule-takers» werden. Nicht länger Regeln übernehmen, sondern sie machen.
Mächtigster Hebel liegt unter der Erde
Besonders deutlich wird die Machtverschiebung bei Energie und Rohstoffen. Brics-Staaten stehen laut eigenen Angaben für rund 44 Prozent der weltweiten Ölproduktion. Mit Russland, dem Iran und den Vereinigten Arabischen Emiraten sitzen einige der wichtigsten Produzenten am Tisch. Auch Saudi-Arabien ist eng an die Gruppe angebunden.
Öl ist nur ein Teil. China dominiert die Produktion und Verarbeitung zahlreicher kritischer Rohstoffe. Bei seltenen Erden kommt das Land auf fast 70 Prozent der weltweiten Förderung. Auch Brasilien, Indien und Russland besitzen grosse Reserven davon. Diese Stoffe braucht der Westen für Elektroautos, Windräder, Chips, Rüstung und Batterien. Wer sie kontrolliert, kontrolliert einen Teil der Industrie von morgen.
Jetzt geht es ans Geld
Der nächste Hebel ist das Finanzsystem. Der Dollar bleibt die wichtigste Währung der Welt. Eine gemeinsame Brics-Währung ist nicht in Sicht.
Deshalb setzen die Staaten eine Ebene tiefer an. Sie wollen Geschäfte häufiger in eigenen Währungen abwickeln und ihre Zahlungssysteme besser verbinden. Dazu kommt die New Development Bank, die Infrastruktur und Entwicklung finanziert. Noch ersetzt all das weder Dollar noch Weltbank. Das muss es auch nicht. Für Brics reicht vorerst, immer mehr Alternativen zu schaffen.
Auch Handelswege werden zur Machtfrage
Wie mächtig Abhängigkeiten sein können, zeigt der Irankrieg. Als der Verkehr durch die Strasse von Hormus praktisch zum Erliegen kam, fielen zeitweise mehr als zehn Millionen Barrel Rohöl pro Tag weg. Die Meerenge ist eine der empfindlichsten Schlagadern der Weltwirtschaft.
Rundherum sitzen Brics-Staaten und -Partner: der Iran und die Vereinigten Arabischen Emirate direkt am Persischen Golf, Saudi-Arabien daneben. Indien und China gehören zu den wichtigsten Abnehmern der Energie aus der Region. Brics baut deshalb die Zusammenarbeit bei Logistik, Lieferketten und Transportwegen aus.
Dazu kommt Technologie. China drängt auf engere Zusammenarbeit bei künstlicher Intelligenz und gemeinsame Standards. Wer Standards festlegt, bestimmt mit, welche Systeme andere Länder benutzen – und von wem sie abhängig werden.
Einen Haken hat der Masterplan
Ein Problem bleibt: Diese Staaten sind keine natürlichen Verbündeten. Indien misstraut China, beide kämpfen um Einfluss im Globalen Süden. Der Iran und die Vereinigten Arabischen Emirate sitzen gemeinsam bei Brics, obwohl sie im laufenden Krieg auf gegnerischen Seiten stehen. Modi wiederum baut gleichzeitig seine Beziehungen zu Europa und den USA aus.
Eigentlich müsste das die Gruppe lähmen. Im Westen tun solche Gräben genau das immer wieder. In der EU und Nato blockieren nationale Interessen und unterschiedliche Vorstellungen regelmässig gemeinsame Entscheidungen.
Brics will nicht gemeinsam führen
Bei Brics funktioniert das augenscheinlich anders. Die Gruppe verlangt keine gemeinsame Aussenpolitik und keine militärische Gefolgschaft. Indien muss Putins Krieg nicht unterstützen, um russisches Öl zu kaufen. Golfstaaten müssen sich nicht von Washington abwenden, um enger mit China zu handeln.
Denn das erklärte Brics-Ziel ist eine multipolare Welt. Eine mit mehreren Machtzentren, Geldgebern, Handelspartnern und politischen Optionen. Darin liegt die eigentliche Kampfansage des Handschlags von Neu-Delhi. Xi, Putin und Modi müssen sich jetzt nicht einigen, wer die Welt künftig führt. Es reicht ihnen, wenn der Westen es nicht mehr allein tut.