«Ihre Verteidigung besteht aus zwei Hundeschlitten»
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«Zwei Hundeschlitten»:Trump macht sich über Grönlands Verteidigung lustig

Die USA waren immer schon übermächtig – nur spüren wirs erst jetzt
Die Maske ist gefallen – willkommen in der neuen, brutalen Welt

Jahrzehntelang lullte uns Amerika mit seiner Softpower ein. Jetzt lässt Trump Angriffspläne gegen Grönland ausarbeiten. Was ist passiert? Und wer rettet uns jetzt vor den Brutalo-Amis? Eine Analyse.
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Die USA, Russland und China greifen um sich und wollen ihren globalen Einfluss maximieren.
Foto: Shutterstock

Darum gehts

  • Trump plant Grönland-Angriff, Europa vor Ende amerikanischer Softpower-Ära
  • 11 US-Flugzeugträger sichern militärische Dominanz weltweit
  • Die USA bleiben für uns alternativlos
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Samuel SchumacherAusland-Reporter

Handys und Hollywood, Starwars und Starbucks, Facebook und Fastfood: Jahrzehntelang haben die USA uns mit ihren Kultur- und Konsumgütern überschwemmt, uns eingelullt mit Musik, eingeseift mit Charme und aufgeschreckt mit technologischen Durchbrüchen. Die Weltmacht war Inspirationsquelle und Sehnsuchtsort, die «Amis» zeigten sich hilfsbereit und jovial. «Softpower» heisst die Kunst, sich die Welt durch freundliche Gesten und friedliche Kulturexporte gefügig zu machen.

Spätestens vergangene Woche aber hat der mächtigste aller Amerikaner seinem Land die freundliche Maske weggerissen. Donald Trump (79) lässt seine Generäle Angriffspläne gegen Grönland ausarbeiten. Im US-Kongress kursiert ein Gesetzesentwurf, der die militärische Unterwerfung der grössten Insel der Welt, die zum Königreich Dänemark gehört, legitimieren soll. Für Europa ist dies das abrupte Ende einer Ära, in der wir uns der Gunst des mächtigsten Players dieser Welt sicher sein konnten. Doch: Alternativen gibt es für uns nicht. Uns bleiben zwei Optionen: wegducken oder bücken, nur ja nicht aufmucken.

Dabei war doch eigentlich alles so vielversprechend. Nach dem Zweiten Weltkrieg (1939 bis 1945), den die Amerikaner (zusammen mit den Russen) für uns gewonnen haben, päppelte Washington den geschundenen Kontinent mit seinem milliardenschweren Marshall-Plan wieder auf und startete eine jahrzehntelange Charme-Offensive.

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Die USA haben jahrzehntelang auf ihre gigantische Softpower gesetzt.
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Coca-Cola, das sein zuckriges Konzentrat im Weltkrieg an alle Ecken des Globus lieferte, um den US-Soldaten ein paar Schlucke Heimatgefühl zu schenken, schickte sein süchtig machendes Getränk in rauen Mengen zu uns. Der Geschmack der Freiheit, gepaart mit dem neuen Sound, den Louis Armstrong, später dann Elvis Presley und irgendwann Michael Jackson in unsere Stuben brachten: Europa war hin und weg.

Die CIA als Hit-Komponistin

Hartnäckig hält sich das Gerücht, es sei der amerikanische Auslandsgeheimdienst CIA gewesen, der den Hit «Wind of Change» der deutschen Band Scorpions komponiert habe, damit die germanischen Rocker auf ihren Ost-Tourneen bei den Bürgern den Wunsch nach Freiheit weckten. Es wäre der ultimative Beweis für die Softpower-Bemühungen, von denen sich die Trump-Regierung jetzt so brüsk abwendet.

Natürlich: Die «American Power» war nicht überall «soft». Sie äusserte sich mancherorts äusserst blutig. Korea, Vietnam, Irak, Afghanistan: Sie alle bekamen zu spüren, dass Amerika auch anders kann. Bis heute sind die USA militärisch unantastbar. Mit ihren elf Flugzeugträgern können sie ihre kriegerische Macht jederzeit an jeden Ort der Welt hin verlagern (so geschehen Anfang des Jahres in Venezuela) und die internationalen Handelsrouten nach Gutdünken schützen oder stören. Kein anderes Land hat diese Power.

Amerika hatte Fans und Feinde. Wir eiferten ihm (wenn auch ungewollt) nach, sahen sein Versprechen, sein Beispiel, seinen Glanz. Ganz anders agierten die Russen. Zu Sowjet-Zeiten schottete Moskau seine Bürger mit «antifaschistischen Schutzwällen» (so die sowjetische Bezeichnung der Berliner Mauer) und scharfen Zensurmassnahmen von freiheitlichen Einflüssen aus dem Westen ab. Auch Moskau hatte Anhänger – aus reiner Alternativlosigkeit.

Glücklich geworden sind die Russen mit ihrem Kurs nicht. Seit dem Untergang der Sowjetunion sind sie ihres nationalen Stolzes beraubt, schreibt der langjährige BBC-Moskau-Korrespondent Martin Sixsmith in seinem Buch «Putin und die Rückkehr der Geschichte». Mehr und mehr Nationen wandten sich ab vom russischen Regime, brachen auf in die Freiheit. Eine Schmach für den riesigen Rumpfstaat, die Moskau bis heute mit aggressiver Expansionspolitik wettzumachen versucht.

500'000 chinesische Pakete jeden Tag

Wladimir Putin (73) setzte schon bei seiner Präsidentschaftskampagne 1999 auf Gewalt und liess mutmasslich mehrere russische Wohnblocks in die Luft sprengen und die Anschläge tschetschenischen Separatisten in die Schuhe schieben. Das war die Rechtfertigung für seinen brutalen Krieg gegen Tschetschenien (1999 bis 2009). Es folgten der Angriff auf Georgien 2008, die Eroberung der Krim und von Teilen des Donbass 2014 und schliesslich der bald vierjährige Horror, mit dem der Kreml-Herrscher die Ukraine tagtäglich überzieht.

Putins Aggressivität ist paradoxerweise in mancherlei Augen eine Art «Softpower». Der starke Mann hat viele Bewunderer. Wladimir, der geopolitische Bändiger; der Peitscher, unter dessen Schlägen masochistische Grossmachtfantasten und Putinversteher auch in unseren Reihen euphorisch «bitte mehr, bitte fester, bitte härter» schreien.

Mehr, fester, härter: Das könnte auch China, die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt mit der grössten Armee der Erde. Sieht man von den «innerchinesischen» Feldzügen gegen die Uiguren in Xinjiang, die Buddhisten in Tibet oder die Studenten auf dem Tiananmen-Platz 1989 ab (was man an nie und nimmer tun sollte), muss man allerdings konstatieren: China ist militärisch seit seiner Staatsgründung 1949 nie aggressiv aufgetreten.

Die Drohgebärden gegenüber Taiwan sind besorgniserregend, aber Stand jetzt eben auch nicht mehr als das. Am russischen Krieg gegen die Ukraine beteiligt sich das Moskau-freundliche China nicht direkt. Vielmehr feilt heute auch das Riesenreich an seinen Softpower-Qualitäten. Mit der neuen Seidenstrasse, einem gigantischen Investitionsprojekt durch ganz Asien bis weit hinein nach Afrika und Europa, erschliessen die Chinesen neue Absatzmärkte und gleichzeitig neue Produktionsstandorte für ihre Ware.

Allein in der Schweiz treffen heute täglich rund 500'000 Pakete von chinesischen Billighändlern wie Temu oder Shein ein. Chinas «Build Your Dream»-Firma ist seit 2025 der grösste E-Auto-Hersteller der Welt (mit Vertretungen auch in der Schweiz). Seine KI-Suchmaschinen schockieren mit rascher, guter Performance.

Pandas, Prunk und Plüsch

Bis 1984 verfolgte China ganz offiziell die «Panda-Diplomatie» und verschenkte die putzig aussehenden Viecher als Geste des guten Willens an Staatsoberhäupter aus aller Welt. Heute sind Pekings Mitbringsel weniger vielfrässig, aber immer noch putzig: Die Plüsch-Schlange, die Vertreter der Stadt Tianjin 2024 etwa am Weltwirtschaftsforum in Davos verteilten, gehört bis heute zu den absoluten Lieblingen meiner Kinder. Und der weltweit erfolgreichste Kinohit des letzten Jahres war «Ne Zha 2» – ein Animationsfilm aus China. Das ist Softpower, wie sie einst nur die USA besassen.

Die aber schwenken unter Trump 2.0 vom Soft-Ansatz zur russischen Realpolitik um. Die Welt in Washingtons Augen: eine Ansammlung von mehr oder minder mühsamen Bittstellern, die man mit Strafzöllen massregeln und zwischendurch mal für eine Runde Golf in Florida oder für einen Goldbarren-Schwatz im Weissen Haus empfangen kann. Mit seinen grönländischen Angriffsplänen aber macht der US-Präsident klar: Ihr könnt mich alle Mal. Wenn ich was will von euch, dann hole ich es mir.

So bitter das ist: Die USA bleiben für uns – nicht nur, aber auch wegen ihrer elf Flugzeugträger – alternativlos. Weder das russische Brutalotum noch der chinesische Überwachungsstaat können ersetzen, was uns das Land selbst heute noch bietet. Die USA bleiben das rettende knallrote Gummiboot im Weltensturm – auch wenn das Boot vom orangenen Käpt’n derzeit gar gefährlich durch die Wellen gelenkt wird. Festkrallen und durchhalten ist die Devise. 2028 finden in den USA – anders als in China oder Russland – wieder freie Wahlen statt.

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